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Die erste Aufgabe.

 

N A C H T F L U G.

[Bitte nicht mehr als 1800 Zeichen.]

{ 97 } Comments

  1. Panzerfaust | April 16, 2008 at 12:17 am | Permalink

    Erster!

  2. ANH | April 16, 2008 at 7:43 am | Permalink

    @Panzerfaust.
    Das werde ich als Erzählung schlecht lektorieren können, ebenso kaum als Gedicht - auch wenn es eine Idee ist, die Witz hat und sich im Kopf des Lesers zu einer Geschichte ausweiten könnte.

  3. Stromberg | April 24, 2008 at 9:59 am | Permalink

    Nachtflug

    Die armreifgrossen Antigravitationsringe summten an seinen Hand- und Fußgelenken. Er trug einen stahlblauen, osmiumplattierten Körperpanzer, der den Neoprenanzügen der Windsurfer früherer Zeiten ähnelte, schwere Stiefel und Handschuhe aus gleichem Material. Im Gehen setzte er sich den schmalen Helm mit dem großen, rechteckigen Visier auf. Ich werde fliegen wie ein Vogel, dachte er, wie ein Vogel. Der erste Mensch in kontrollierter Gravitation. Er ging mit schweren Schritten zur Startplattform, biss die Zähne zusammen. Nur ein kleiner Fehler in der Bedienung, eine minimale Abweichung vom Kurs, eine kurze Unachtsamkeit bei der synaptischen Kontrolle der Steuerung und er würde an einem Felsen zerschellen oder im luftleeren Raum kollabieren.
    Er hatte Glück, die Nacht war sternenklar und so würde er nicht in navigatorischer Ungewissheit einem der vielen Heimgleiter zu nahe kommen, jenen Schwärmen von Ultraleicht-Flugmaschinen die zahllose uniforme Arbeiter zu ihren Heimstätten fliegen.
    Er betrat die Mitte der Plattform. Augenblicklich rieselten die verschiedensten Diagramme und Ziffernfolgen über die Innenseite seines Visiers. Eine Höhe von 40.000 Metern war zu erreichen in 2.5 sec, Ausrichtung NNW, Erreichen der Zielplattform in 2.500km Entfernung in 62,5 sec. Also 57.600km/h. Ein guter Anfang. Ein Prickeln auf seinen Fußsohlen kündigte die Bildung der Gravitationsblase an. Die Innenseite des Visiers nahm eine leichte Tönung an, grüne Zahlen im Display zählten abwärts. Unbeeindruckt von der Erdschwere schoss er in die Höhe. Als würde der Bildausschnitt seines Sichtfeldes verkleinert, zeichneten sich die Umrisse von hell erleuchteten Städten ab, dort wo er zuvor unter sich das Rund der Rampe erblickte. Ein kurzes Verharren. Ein Schrägstellen. Ohne erkennbare Beschleunigung durchschnitt er die Nacht, seinem Ziel entgegen.

    Anmerkung:
    1596 Zeichen ohne Leerzeichen
    1855 Zeichen mit Leerzeichen

    *Hust*
    Ein kleiner, bescheidener Versuch, Frederic Brown nachzueifern, der für seine ultrakurzen Kurzgeschichten bekannt war (nachzulesen in dem Kurzgeschichten-Sammelband ALBTRÄUME - bei Heyne)
    Ich glaube seine kürzeste Geschichte ging so: Der letzte Mensch auf Erden saß in seinem Zimmer, da klopfte es an der Tür.

    Selbstkritik:
    Bin schwer aus der Übung, hätte dort weiter machen sollen, wo ich vor 30 Jahren aufhörte. Aber so ein Seminar ist ja wohl dazu da, besser zu werden. Hoffentlich.

  4. ANH | April 24, 2008 at 2:29 pm | Permalink

    @ Strombergs Nachtflug.

    Ein schöne kleine SF-Impression, scheint mir. Der Anfang einer Erzählung, die sich der Leser dann selbst zusammenimaginieren muß. Als solches völlig in Ordnung. Vielleicht steht das technische Szenario aber etwas der Möglichkeit im Weg, einen wirklichen Nachtflug in solch einem Gerät imaginierend miterleben zu können: also das beschriebene Techno-Szenario ist zu mächtig, um die Sinnlichkeit etwa des Anblicks der erleuchteten Stadt zuzulassen. Und die grünen laufenden Zahlen im Visier funktionieren hier letztlich nur, weil wir sofort entsprechende Filmszenen vor den Augen haben. Es ist aber völlig legitim, so etwas anzuspielen.
    Im Einzelnen:

    Die armreifgrossen

    [AUCH IN DER NEUEN DEUTSCHEN RS: „großen“, weil das „o“ kurz gesprochen ist]

    Antigravitationsringe summten an seinen Hand- und Fußgelenken. Er trug einen stahlblauen, osmiumplattierten Körperpanzer, der den Neoprenanzügen der Windsurfer früherer Zeiten ähnelte

    [PROBLEM: „der den Neoprenanzügen der Windsurfer früherer Zeiten ähnelte“:: Haben die Windsurfer „heutiger“ Zeiten andere Neoprenanzüge? Also was meint dieser Satz genau?]

    , schwere Stiefel und Handschuhe aus gleichem Material.

    [Das Material ist aber gar nicht beschrieben oder bezeichnet; nur eben, daß es panzerartig sei.]

    Im Gehen setzte er sich den schmalen Helm mit dem großen, rechteckigen Visier auf. Ich werde fliegen wie ein Vogel, dachte er, wie ein Vogel. Der erste Mensch in kontrollierter Gravitation. Er ging mit schweren Schritten zur Startplattform, biss die Zähne zusammen.

    (Hier würde ich, wegen der Kürze des Textes und damit das dann nicht als Manier wirkt, ein „und“ vor „biss die Zähne zusammen“ einfügen (das Komma fällt dann weg)]

    Nur ein kleiner Fehler in der Bedienung, eine minimale Abweichung vom Kurs, eine kurze Unachtsamkeit bei der synaptischen Kontrolle der Steuerung und er würde an einem Felsen zerschellen oder im luftleeren Raum kollabieren.

    [Das mit dem luftleeren Raum bedarf der Erklärung. Spielt der Text auf z.B. einem Mond?]

    Er hatte Glück, die Nacht war sternenklar und so würde er nicht in navigatorischer Ungewissheit einem der vielen Heimgleiter zu nahe kommen, jenen Schwärmen von Ultraleicht-Flugmaschinen die zahllose uniforme Arbeiter zu ihren Heimstätten fliegen.
    Er betrat die Mitte der Plattform. Augenblicklich rieselten die verschiedensten Diagramme und Ziffernfolgen über die Innenseite seines Visiers.

    [Das heißt, automatisch ausgelöst, wenn er auf die Plattform tritt? Oder hat er das angestellt? Einfach genauer sein.]

    Eine Höhe von 40.000 Metern war zu erreichen in 2.5 sec, Ausrichtung NNW, Erreichen der Zielplattform in 2.500km Entfernung in 62,5 sec. Also 57.600km/h. Ein guter Anfang.

    [„Ein guter Anfang.“: Kommt mir zu verkürzt vor. Für was ein Anfang? Dafür ist das nächste sehr schön, diese Prickeln:]

    Ein Prickeln auf seinen Fußsohlen kündigte die Bildung der

    [auch schön: Gravitationsblase]

    Gravitationsblase an. Die Innenseite des Visiers nahm eine leichte Tönung

    [Was für eine?]

    an, grüne Zahlen im Display zählten abwärts. Unbeeindruckt von der Erdschwere

    [Erdschwere, also doch. Siehe oben. Weshalb dann der „luftleere Raum“?]

    schoss er in die Höhe. Als würde der Bildausschnitt seines Sichtfeldes verkleinert, zeichneten sich die Umrisse von hell erleuchteten Städten ab, dort

    [,]

    wo er zuvor unter sich das Rund der Rampe erblickte

    [nein, sondern: „erblickt h a t t e“]

    . Ein kurzes Verharren. Ein Schrägstellen. Ohne erkennbare Beschleunigung durchschnitt er die Nacht, seinem Ziel entgegen.

  5. Stromberg | April 24, 2008 at 7:43 pm | Permalink

    Recht herzlichen Dank für die Geduld!
    Stimmt natürlich ausnahmslos. Bei der Rechtschreibung schleudere ich tatsächlich noch hin und wieder, da gelobe ich Besserung.
    Der Nachtflug als solcher kommt tatsächlich zu kurz. Die Geschichte war auch länger angelegt. Ich merkte leider erst sehr spät, dass es sich um eine Limitierung auf 1800 Zeichen und nicht 1800 Worte handelte und die anschließende Kürzung fiel zu Gunsten der Vorbereitung anstelle des Fluges aus.
    Ich werde gemäß Ihren Hinweisen an der Geschichte weiter feilen.

    Ursprünglich war der Flug im Traum, den wir ja (hoffentlich) alle kennen, als kurze Prosa angedacht. Na ja, dann wurde doch SF daraus. Sehr spannend - das.

  6. Mathis Erml | April 25, 2008 at 9:39 am | Permalink

    an Herbst.
    Die Handlung spielt auf der Erde (oder auf einem der Erde ähnlichen Planeten). Die Gravitation, die hier (oder dort) die Bewegungsfreiheit des Menschen dominiert, soll zu Flugzwecken ausgesetzt werden. Damit besteht im strombergschen Szenario gleichzeitig die Gefahr in den luftleeren Raum abzugleiten, quasi über das Ziel, der Flughöhe eines Überschallflugzeuges, hinauszuschießen. und z.E. bei einem Fehlstart die Kontrolle zu verlieren, auf der Erde zu zerschellen.
    Demnach ist die “Erdschwere” und der “luftleere” Raum doch stimmig!

  7. ANH | April 25, 2008 at 11:14 am | Permalink

    @Mathis Erml.

    So gesehen haben Sie völlig recht. Doch wenn der Aeronaut von der Erde aus startet, ist es bis zum luftleeren Raum sehr weit; denken kann man sich das zwar, aber erzählerisch müßte ein Reflex dafür gefunden werden, irgend etwas, das diese Gefahr spürbar macht.

  8. Stromberg | April 25, 2008 at 11:40 am | Permalink

    In meiner kleinen Skizze gibt es ja die Stelle mit den vielen Zahlen. Wenn man für 40 km steil aufwärts gerade mal 2,5 Sekunden benötigt, ist es bis zur unteren Exosphäre - also die Entfernung gemessen von der Erde ca. 400-500 km entfernt - sagen wir gerade mal 25 Sekunden weit weg. In einer ausführlicheren Skizze hätte ich der fiktiven Gravitationsblase die Möglichkeit eingebaut, Sauerstoff innerhalb dieser Blase “mitzunehmen”. Da die Kürze von 1800 Zeichen mich dazu zwingt zu reduzieren, entfernte ich diesen Hinweis. Mein Astronaut wäre hier sowieso ein “Gravinaut” :-) Ein schönes Gedankenspiel: so viel (glaubwürdige) Informationen in die Geschichte einbauen damit der Leser ein Gefahrenpotential einschätzen kann und andererseits nicht ins journalistische dabei abgleiten. Spannung aufbauen, Bilder erzeugen, Gefühle entstehen lassen. Da werde ich noch eine Weile herumschrauben müssen, bis ich selbst zufrieden bin.

  9. Stromberg | April 25, 2008 at 11:45 am | Permalink

    Uups! Da hat sich diese Website beim kommentieren ungefragt einen Link zu http:\\anh gelegt - wie geht das denn? Also bitte meinen Avatar nicht anklicken, sonst geht’s zu einer Firma, die mit Alban N. Herbst nüscht zu tun hat…!

  10. Mathis Erml | April 25, 2008 at 3:49 pm | Permalink

    noch eine Anmerkung:

    , schwere Stiefel und Handschuhe aus gleichem Material.

    [Das Material ist aber gar nicht beschrieben oder bezeichnet; nur eben, daß es panzerartig sei.]

    Der Halbsatz scheint mir gelungen. Die Stiefel sind “schwer”; ein im Kontext ‘Aussetzung der Gravitationskraft’ kontrastierendes Charakteristikum, das über sein Material auch auf die Handschuhe übertragen wird. Ich lese hier ein Hendiadyoin, das Material als zweiten Teil davon; wobei seine tatsächliche Beschaffenheit sekundär ist.
    Auch wenn ich Ihnen, Herr Herbst, zugestehen muss, dass an dieser Stelle nicht konsequent für den Text gearbeitet wird: stilistische kann sie gefallen.

  11. Stromberg | April 25, 2008 at 4:34 pm | Permalink

    Nun, genau genommen sprach ich bei dem Anzug von einem “stahlblauen, osmiumplattierten Körperpanzer” und Handschuhe und Stiefel seien aus dem selben Material. Hier wollte ich ein Material verwenden, welches tatsächlich existiert, im Gegensatz etwa zu “Duranium”, das ausschließlich im Star-Trek-Universum zu finden ist. Quelle: http://www.uniterra.de/rutherford/ele076.htm
    Mir gefällt die Idee, eine SF-Fantasie sehr nahe der Realität anzusiedeln, daher sollten solche scheinbaren Kleinigkeiten auch gut recherchiert sein. Osmium ist extrem hart und äußerst hitzeresistent.

  12. gmontini | April 25, 2008 at 5:13 pm | Permalink

    Nachtflug

    Voller Ekel riss ich mir meine Haut vom Körper und donnerte sie in eine Ecke des kleinen Zimmers. Dann schritt ich zum Schrank und öffnete ihn einen Spalt. Da hing es. Mein Gefieder. Es war wunderschön anzusehen und es fühlte sich gut an. Ich konnte es kaum erwarten, die Federn wieder auf meinem kalten Körper zu spüren. Als ich es um meine Schultern legte, ergriff mich sofort der erlösende Schmerz. Die Federn bohrten sich langsam in mein Fleisch und mein Blut pulsierte rhythmisch dazu durch meine Adern - wieder vereint. Ich konnte es kaum erwarten diesen tristen Ort wieder aufs Neue zu verlassen und in eine neue Welt einzutauchen.
    Ungeduldig riss ich das Fenster auf und kletterte auf den Fenstersims. Wie ein Engel breitete ich meine Flügel aus und schwang mich in die Lüfte. Düfte schwebten umher und ersuchten meine Aufmerksamkeit. Doch ich ließ mich nur von den Klängen der Nacht leiten und segelte halb wie ein Vogel, halb wie ein missgestalteter Mensch durch die Stadt. Jetzt, wo es dunkel war, erkannte ich endlich wieder den Grund meines Daseins. Ich gehörte der Nacht und die Luft gehörte mir.
    Ein Wimmern drang in mich. Ich folgte ihm und erreichte bald ein hell erleuchtetes Fenster. Neugierig landete ich auf einem kleinen Balkon und spähte in ein Zimmer. Ich erblickte ein kleines Mädchen. Es war sehr zierlich von Gestalt und hatte ihr Gesicht in ihren kleinen Händen verborgen. Sie weinte bitterlich und ich bemerkte bald, dass ein Rollstuhl ihr schmerzvolles Leben beherrschte. Ich hörte von weitem die Nacht nach mir rufen, doch es war zu spät. Ich war bereits dem kleinen unschuldigen Geschöpf verfallen. Verzweifelt riss ich mir eine Feder nach der anderen aus. Auch die Klänge der Nacht konnten mich davon nicht abhalten. Wie ein Besessener zog ich an meinem Federkleid, bis es vor mir auf dem Boden lag. Mir wurde mit einem Schlag bewusst, dass ich alles Kostbare in meinem Leben verloren hatte. Ich war nicht mehr der Besitzer des wundervollen Gefieders. Frierend stand ich da. Noch einmal ging mein Blick Richtung Zimmer. Sie hatte alles noch vor sich. Ich nahm den Rest meines Daseins und stürzte mich vom Balkon in die Nacht.

  13. Panzerfaust | April 27, 2008 at 2:23 am | Permalink

    Erinnert mich irgendwie an Storys von William Gibson, in denen die Gestalten auch pausenlos Gutes tun und dabei über ihren Jetlag lamentieren. Der Autor muß wohl sofort nach Ankunft losgetippt haben, statt sich erstmal auszuschlafen. Na dann, legt Euch nochmal aufs Ohr!

    Wo man Files shared, da lass Dich ruhig nieder,
    böse Menschen haben keine Speichersticks.
    (frei nach Seume)

  14. Mauel Semah | April 27, 2008 at 9:12 pm | Permalink

    „Lass uns fliegen.“ sagte die junge Frau neben mir und umfasste meine linke Hand.
    „Wohin?“ fragte ich leicht scherzhaft, um meine Verwunderung zu überspielen; ich hatte mich alleine auf der Brücke gewähnt.
    „Egal, lass uns nur fliegen.“
    „Zum Uniplatz?“
    „Nein, höher.“ sagte sie mit einer träumerischen, energischen Stimme.
    „Zum Schloss?“
    „Nein, höher.“
    „Zur Radioantenne oben am Hang?“
    „Nein, höher.“
    Ich zog schweigend an meiner Zigarette und blies den Rauch vor uns die Dunkelheit. Sie hielt nach wie vor meine Hand, und ich wehrte mich nicht gegen ihren sanften Händedruck. Der Mond und die schwache Beleuchtung der Alten Brücke warfen ein dämmriges Licht auf die Rauchschwaden, die vor uns spielend umher wirbelten und sich gen Sternenhimmel verflüchtigten.
    „Wenn wir fliegen sollen, dann schließ’ deine Augen und atme ein.“ sagte ich. Ihr Händedruck wurde fester. Ich drehte meinen Kopf zu ihr hin und sah, dass ihre Augen geschlossen waren und ein zartes Lächeln über ihre Lippen huschte. Darauf schloss auch ich meine Augen und atmete die Kühle ein.
    Ferne Stimme aus der Altstadt vermischten sich mit ihrem steten Atem, der Geruch von Tabak mit dem Duft ihres Parfüms, der leichte Nachtwind mit ihrem feuchten Händedruck.
    „Wohin fliegen wir?“ flüsterte ich
    „Zu den Sternen.“ antwortete sie leise.
    „So weit?“
    „Ja. Und noch weiter, wenn wir wollen.“
    Ein Gelächter hinter uns und wir drehten uns beide um. Jugendliche, die betrunken zum Bus liefen. Die Unbekannte ließ meine Hand fallen und schaute mir ein einziges Mal in die Augen – der nackte Sternenhimmel und noch mehr. Sie lächelte mich traurig an und ging. Ich blieb stehen und zog ein letztes Mal an meiner Zigarette.

    ————

    Ein kleiner poetischer Versuch, das Thema umzusetzen.

    Aufgrund der Zeichenbegrenzung bin ich mir nicht sicher, ob die Rahmenhandlung verständlich ist - wenn nicht, erläutere ich sie natürlich in einem weiteren Kommentar. Ich finde den Schluß etwas zu abrupt und ‘unwirsch’, da wäre wohl noch eine elegantere Lösung möglich - die Jugendlichen erscheinen mir fast wie ‘dei ex machina’, die ich einführen mußte, um die Zeichenbegrenzung nicht zu sprengen.

  15. ANH | April 29, 2008 at 5:19 am | Permalink

    Zu Mauel Semah: nachmittags

    „Lass uns fliegen.“ sagte die junge Frau neben mir

    „neben mir“ ist unnötig; stünde sie weiter weg, könnte sie ja nicht:

    und umfasste meine linke Hand.
    „Wohin?“ fragte ich leicht scherzhaft,

    nicht überdeterminieren bei so etwas Einfachem

    um meine Verwunderung zu überspielen; ich hatte mich alleine auf der Brücke gewähnt.
    „Egal, lass uns nur fliegen.“
    „Zum Uniplatz?“
    „Nein, höher.“ sagte sie mit einer träumerischen, energischen

    : seltsame Kombination, träumerisch und energisch; so etwas muß später in einer Charakterisierung geerdet werden; sonst stimmt es nicht.

    Stimme.
    „Zum Schloss?“
    „Nein, höher.“
    „Zur Radioantenne oben am Hang?“
    „Nein, höher.“
    Ich zog schweigend

    „schweigend“ stimmt wohl nicht, da sich beide ja unterhalten haben; und daß er, während er an der Zigarette zieht, nicht spricht, ist klar.

    an meiner Zigarette und blies den Rauch vor uns

    „vor uns“ ist ebenfalls eine Redundanz. Das Problem dabei ist, daß so etwas den Erzählfluß hemmt.

    die Dunkelheit. Sie hielt nach wie vor meine Hand, und

    das „und“ würde ich streichen und dann das nicht Wehren per Nachstellung betonen: „ich wehrte mich gegen ihren sanften Händedruck nicht“:

    ich wehrte mich nicht gegen ihren sanften Händedruck. Der Mond und die schwache Beleuchtung der Alten Brücke warfen ein dämmriges Licht

    „schwache Beleuchtung“ und „dämmerig“: das ist ebenfalls redundant

    auf die Rauchschwaden, die vor uns spielend umher wirbelten

    einfach nur: „umherspielten“, sondern überinstrumentieren Sie wieder

    und sich gen

    weshalb „gen“; das gibt hier einen komisch ironischen Ton hinein.

    Sternenhimmel verflüchtigten.

    „Wenn wir fliegen sollen, dann schließ’ deine Augen und atme ein.“

    hm. „atme ein“. Tut sie das nicht eh? Sie wollen etwas besonders betonen, dann schreiben Sie aber bitte auch, was.
    sagte ich. Ihr Händedruck wurde fester. Ich drehte meinen Kopf zu ihr hin

    „hin“ ist unnötig

    und sah, dass ihre Augen geschlossen waren und

    also das ist, verbunden von „zart“ und „huschte“ ein unnötiger Kitsch

    ein zartes Lächeln über ihre Lippen huschte. Darauf

    auch völlig unnötig, dieses „darauf“, zumal es indirekt eine F o l g e r u n g zu sein scheint

    schloss auch ich meine Augen und atmete die Kühle

    „atmete die Kühle“: Sowas ist aus der U-Literatur abgeschrieben; nicht schlimm, aber Sie sollten es wissen. „Die Kühle“ ist an sich eine verkürzte Abstrahierung; das Problem besteht darin, daß sie den Vorschein besonderer Sinnlichkeit vermitteln will, was sprachlich gerade n i c h t geschieht. Sensible Literaturkenner nehmen so etwas, weil sie es merken, übel; die Normalleser finden’s okay, weil es ihnen entgeht. Bei solchen Formulierungen müssen sie sich nach ihren Rezipienten fragen.

    Eine ferne Stimme

    „Stimme n“ wohl eher?

    aus der Altstadt vermischten sich mit ihrem steten Atem

    „steter Atem“ höhlt den Stein… nee, nee, das geht nicht.

    , der Geruch von Tabak

    auch ungenau: Sie meinen doch wohl Tabakr a u c h

    mit dem Duft ihres Parfüms, der leichte Nachtwind mit ihrem feuchten Händedruck

    : ungewollt komisch: Wie soll das denn bitte gehen, vor allem, wie spürbar sein, daß sich ihr feuchter Händedruck mit dem Nachtwind vermischt? Und das Folgende wird zu einem Dialog in einem Kinderbuch. Wollen Sie das?
    .
    „Wohin fliegen wir?“ flüsterte ich
    „Zu den Sternen.“ antwortete sie leise.
    „So weit?“
    „Ja. Und noch weiter, wenn wir wollen.“

    Ein Gelächter hinter uns und wir drehten uns beide um.

    Schwieriger Satz, weil ästhetisch unklar, weshalb im Vorsatz das Prädikat fehlt, das ein anderes wäre, als es das Prädikat im Folgesatz ist. Da Sie so etwas nicht als Stilmittel einsetzen (ein- oder zweimal reicht nicht), hängt das ungeformt herum.

    Jugendliche, die betrunken zum Bus liefen

    „liefen“? Oder wanken sie oder laufen in Schlangenlinie? WoraN merken Sie, daß die Jugendlichen betrunken sind. Bitte so etwas sinnlich auskleiden.

    . Die Unbekannte ließ meine Hand fallen

    : aua. Und sie schlägt am Boden auf? Bitte auch hier: genau formulieren, nicht einfach nur so dahin.

    und schaute mir ein einziges Mal in die Augen – der nackte Sternenhimmel

    Was ist ein „nackter Sternenhimmel“ und was dann:

    und noch mehr. Sie lächelte mich traurig an und ging.

    Das ist erzählerisch nicht klar, weshalb sie sich plötzlich entzieht.

    Ich blieb stehen und zog ein letztes Mal an meiner Zigarette.

    Was möchten Sie sagen? Doch sicher nicht, daß er nun das Rauchen aufgibt, oder?

  16. ANH | April 29, 2008 at 6:31 am | Permalink

    @gmontini zu Nachtflug
    Voller Ekel

    „geekelt“ wäre viel viel stärker; überlegen Sie mal, ob Sie das wagen wollen

    riss ich mir meine Haut vom Körper und donnerte

    „donnern“ geht bei Haut nicht, es sei denn, sie wäre aus Metall

    sie in eine Ecke des kleinen Zimmers. Dann schritt ich zum Schrank und öffnete ihn einen Spalt. Da hing es. Mein Gefieder. Es war wunderschön anzusehen

    durch den Spalt? Preßt er (sie) sein(ihr) Auge dagegen?

    und es fühlte sich gut an.

    Beim Ansehen?

    Ich konnte es kaum erwarten, die Federn wieder auf meinem kalten Körper

    der „kalte Körper“ ist hier problematisch, da man ja auch in der Haut oft friert.

    zu spüren. Als ich es um meine Schultern legte, ergriff mich sofort der erlösende Schmerz.

    Auch das ist schwierig; wenn die Person Schmerz spüren kann, weshalb tat sie’s dann nicht, als sie sich die Haut abriß? So etwas müßte – über ein sinnliches Bild, nicht rational – erklärt sein.

    Die Federn bohrten sich langsam in mein Fleisch

    die Federkiele, oder? Wenn Sie so etwas g e n a u fassen, überträgt sich der Schmerz, sonst kann so eine Erzählung auch schiefgehen und komisch werden, wo sie’s nicht soll

    und mein Blut pulsierte rhythmisch

    „pulsierte thythmisch“ ist eine viel zu oft gebrauchte Stanze

    dazu durch meine Adern

    dito. Und zwar: nur durch die Adern und durch die Venen nicht?

    - wieder vereint. Ich konnte es kaum erwarten diesen tristen Ort wieder aufs Neue zu verlassen
    zweimal „wieder“ in Folge und dann ein zu abgegriffenes Bild als Ortsbeschreibung; es i s t ja keine, sondern stellt anstelle der Beschreibung eine Hohlform hin, nämlich den „tristen Ort“

    und in eine neue Welt einzutauchen.

    Dito.

    Ungeduldig riss ich das Fenster auf und kletterte auf den Fenstersims. Wie ein Engel

    Wieso der Vergleich? Er schwächt ab. Halten Sie doch in der Schwebe, ob es sich nicht vielleicht um einen Engel h a n d e l t…

    breitete ich meine Flügel aus und schwang mich in die Lüfte

    „in die Lüfte“ ist ebenso abgegriffen zumal mit dem (ungewollten?) Reim dahinter:

    . Düfte schwebten umher

    „schweben“ Düfte „umher“?

    und ersuchten

    aua. Haben Düfte Seele und Intention? Man kann so etwas meinen in einer Geschichte, aber das bedarf einer Aura, eines Umfelds usw., um es plausibel werden zu lassen.

    meine Aufmerksamkeit. Doch ich ließ mich nur von den Klängen der Nacht leiten und segelte halb wie ein Vogel, halb wie ein missgestalteter Mensch

    wieso mißgestaltet?

    durch die Stadt

    hier hätte ich unbedingt gern Konkreteres: über die Stadt, durch die Straßen der Stadt, zwischen den Häusern? Machen Sie hier b i l d h a f t, was geschieht, bitte.

    . Jetzt, wo es dunkel war, erkannte ich endlich wieder den Grund meines Daseins. Ich gehörte der Nacht und die Luft gehörte mir.

    : Ist das der G r u n d eines Daseins? Ist es nicht vielmehr die Lust und eine Erfüllung, die eintritt, weil man tut, wozu man da ist? Aber wozu ist kein Grund.

    Ein Wimmern drang in mich

    :Seltsame Formulierung. Der Expressionismus ist ungeerdet

    Ich folgte ihm

    in sich hinein? Nein, sondern:

    und erreichte bald ein hell erleuchtetes Fenster. Neugierig landete ich auf einem kleinen Balkon und spähte in ein Zimmer. Ich erblickte ein kleines Mädchen. Es war sehr zierlich

    „klein“ und „zierlich“: entscheiden Sie sich für eines von beiden, wobei ich für „zierlich“ plädierte; und „von Gestalt“ ist absolut überflüssig, weil sowohl zierlich als auch klein von Gestalt schon s i n d.

    von Gestalt und hatte ihr Gesicht in ihren kleinen Händen verborgen. Sie weinte bitterlich

    „bitterlich“ wegstreichen

    und ich bemerkte bald

    was soll das „bald“ hier? „Ich bemerkte“ reicht völlig

    , dass ein Rollstuhl ihr schmerzvolles Leben

    „ihr schmerzvolles Leben“: aua. Seien Sie härter, sonst weicht Ihnen die Prosa unter den Händen weg.

    beherrschte. Ich hörte von weitem die Nacht nach mir rufen, doch es war zu spät.

    :diesen Übergang verstehe ich, erzähltechnisch., nicht:

    Ich war bereits dem kleinen unschuldigen Geschöpf verfallen.

    Das bedarf einer Erklärung, einer Fantasie; Mitleid allein reicht nicht, um zu v e r f a l l e n

    Verzweifelt riss ich mir eine Feder nach der anderen aus. Auch die Klänge der Nacht

    die Klänge der Nacht: völlig unkonkret

    konnten mich davon nicht abhalten.

    Und wieso gerät er in Rage? Aus Mitleid in Rage zu geraten, das ist eine spannende Idee, aber man muß sie narrativ herleiten

    Wie ein Besessener zog ich an meinem Federkleid, bis es vor mir auf dem Boden lag.

    Vorher wurde aber Feder für Feder eingesteckt, oder? Er ist ja nicht in ein Kostüm geschlüpft, sonst wäre zuvor das mit dem Schmerz unglaubhaft geworden. Hier wirft er aber deutlich ein Kostüm auf den Boden. Aufpassen bei sowas.

    Die weitere Psychologie wackelt. Hier drängt sich eine nicht-bewußte, nicht-geformte Ich-Kostitution, nämlich die eines Autors, der ein guter Mensch ist, an die Stelle der Personen, die er erzählt.

    Mir wurde mit einem Schlag bewusst, dass ich alles Kostbare in meinem Leben verloren hatte. Ich war nicht mehr der Besitzer des wundervollen Gefieders. Frierend stand ich da. Noch einmal ging mein Blick Richtung Zimmer. Sie hatte alles noch vor sich.

    Was wird das jetzt? Ein Selbstmord? Und falls ja, wozu? Wem dient er? Welche Motivation begründet ihn?

    Ich nahm den Rest meines Daseins und stürzte mich vom Balkon in die Nacht.

  17. Mathis Erml | April 30, 2008 at 3:54 pm | Permalink

    Nachtflug.

    El último rincón del mundo. Archipel. Bahia Adventure.
    Dezember 1930.
    Antonio und Pietro lösen das Tau, setzen ab. Das Boot erreicht die offene See, folgt den Chanos. Rückenflossen ziehen Furchen wie Haie, dabei zahnlos.
    Der Nacht dann folgt der Sturm. Wasserburgen stürzen ein.
    Antonio: was lohnt der Fang?
    Pietro: einen neuen Morgen.
    Geteilte Pflicht, meint die Leuchtrakete.
    Ein Flugzeug durchbricht die Wolkendecke, das Boot folgt in die Tiefe.

    Uferlos, diese Nacht, die Formen verbindet, zu einem Kern.

  18. ANH | May 1, 2008 at 5:39 am | Permalink

    @Mathis Erml zu Nachtflug.

    Dies empfinde ich als die bislang schönste Umsetzung der Aufgabe in einen tatsächlich poetischen Text. Noch wackelt das aber ein bißchen. Machen Sie sich bewußt, daß, je kürzer Sie einen Text halten, um so unbarmherziger die Nachfragen sind, und je poetischer ein Text ist, sowieso.

    El último rincón del mundo. Archipel. Bahia Adventure.
    Schöner Titel, möglicherweise ein Zitat? Wäre es aber nicht poetisch stimmiger, auch „Archipel“ und „Bahia Adventure“ spanisch zu nennen?
    Dezember 1930.
    Antonio und Pietro lösen das Tau, setzen ab.
    Fein. Sehr fein. Aber jetzt die Verkürzung des Satzes n i c h t wiederholen, sonst wird der Rhythmus redundant. Besser ist, ein „es“ ein zufügen:
    Das Boot erreicht die offene See,
    es
    folgt den Chanos.
    Das nächste Bild, so schön es ist, bringt ein bißchen Verwirrung, die aber eben nicht bildhaft ist, weil man bei der inneren Herstellung des Bildes (Imagination, im Wortsinn) verwirrt wird:
    Rückenflossen ziehen Furchen wie Haie, dabei zahnlos.
    Es stellt sich nämlich die Frage, was für eine Art Fisch gemeint ist (ich dachte spontan an Delphine, die aber gerade nicht zahnlos sind…). Dann wurde mir klar, es handelt sich bei den „Flossen“ um den Außenborder. Dieses einem klarWerden dauert zu lang für ein poetisches Bild. Man weiß, „was gemeint ist“, und genau das ist dann zu sehr Oberfläche, dringt nicht ein. Verschärft würde das Problem noch, irrte ich mich im Außernborder. Dafür ist aber wieder die Aufeinanderfolge einander gar nicht ausschließender Folgen sehr schön:
    Der Nacht dann folgt der Sturm. Wasserburgen stürzen ein.
    Antonio: was lohnt der Fang?
    Pietro: einen neuen Morgen.
    Geteilte Pflicht, meint die Leuchtrakete.
    Hier ist mir nicht unklar, inwiefern „geteilte“, aber das „Pflicht“ in direkter Folge auf den „neuen Morgen“ hängt semantisch lose.
    Ein Flugzeug durchbricht die Wolkendecke, das Boot folgt in die Tiefe.
    Der folgende Satz hat semantisch ein grammatisches Teufelchen gesehen:
    Uferlos, diese Nacht, die Formen verbindet, zu einem Kern.
    Er bedeutete nämlich ohne den Relativsatz: „Uferlos (ist) diese Nacht zu einem Kern.“ Was keine sinnvolle Aussage ergibt. Man kann so etwas selbstverständlich tun, aber was bringt es? Besser, sie klären die Grammatik hier, nämlich, daß die Nacht die Formen zu einem Kern verbinde. Wobei mir „Kern“ zu abstrakt vorkommt, um wirklich Expression sein zu können.

  19. Mathis Erml | May 1, 2008 at 7:28 am | Permalink

    El último rincón del mundo. Archipiélago. Bahía aventura.
    Dezember 1930.
    Antonio und Pietro lösen das Tau, setzen ab.
    Das Boot erreicht die offene See, es folgt den Chanos.
    Rückenflossen ziehen Furchen wie Haie, dabei zahnlos. [Hier hätte ich mir einen dreifachen Bildsinn verstanden gewünscht. Ihre Interpretation eines Außenborders und die Wiederaufnahme der Chanos ('Chanos chanos' oder Milchfische sind zahnlos) sollten in ihrer parallelen Erscheinung zu einer neuen Einordnung des Bootes (so auch Antonios und Pietros) in die scala naturae zwingen.]

    Der Nacht dann folgt der Sturm. Wasserburgen stürzen ein.
    Antonio: was lohnt der Fang?
    Pietro: einen neuen Morgen.
    ['Pflicht' will auch auf Excupérys Herrn Rivière anspielen, auf sein Verständnis von Aufgabe, Pflicht und Glück. Vielleicht gelingt es, meine Absicht dem Leser zu verdeutlichen, indem ich den Morgen an die Himmelsdecke anschließe, darauf die Leuchtrakete als Bindeglied für den Untergang des Schiffs verwende:]
    Ein Flugzeug durchbricht die Wolkendecke, geteilte Pflicht, meint die Leuchtrakete,
    das Boot folgt in die Tiefe.

    Uferlos, diese Nacht, die Formen verbindet, zu einem Kern.
    [Uferlos, diese Nacht. Sie führte weder zu einem Hafen (die schienen alle unerreichbar) noch zum Morgen [...]. (Saint-Exupéry, Kapitel 12). Für diesen semantischen Hof (?) gebe ich die Grammatik auf. Weiter hinkt der zweite Teil des Satzes, wie ich meine, nur bei genauerer Analyse, nicht aber im Lesefluss. ‚Kern’ will auf Leibniz’ Kern der Substanzen anspielen. So löse ich mich bewusst aus den Bildern. Der letzte Vers mündet in einem Apercu, weswegen er auch abgesetzt wurde. Ob sich das lohnt? Vielleicht wenn es mir gelingen würde den Text so zu komponieren, dass er zwingend so verstanden werden muss.]

    Einige Anregungen habe ich stillschweigend aufgenommen.

  20. ANH | May 1, 2008 at 7:54 am | Permalink

    @Erml ff.

    Das Problem bei Ihrer sehr einsichtigen Argumentation besteht darin - und es ist seit der Moderne ein “altes” -, daß sie die literarischen Referenzpunkte voraussetzt, um verstanden zu werden. Die Gefahr bei so etwas ist immer die einer allzu großen Privatheit durch Verschlüsselung. Damit sich jemand an diese Entschlüsselung macht, muß ein Anreiz dasein: bei Celan etwa, teilweise, bestand der in seiner Bekanntheit und im Thema. Für Joyce (den des Wakes) gilt Ähnliches; bei einem gänzlich Unbekannten würde sich keiner dransetzen; der Hermetismus schreckte ab. Ich für meinen Teil habe es bei den vielen ungenannten Referenzpunkten, mit denen ich selbst arbeite, immer so gehalten (oder es so zu halten versucht), daß ein Text auf der einen, oberen Fläche auch ganz einfach als ein Erzähltext gelesen werden kann, bei dem es gar nicht darauf ankommt, Referenzpunkte zu erkennen. Darunter sind dann weitere Ebenen eingezogen, die mit den Referenzen spielen, bzw. mit ihnen umgehen. Ich habe das immer “Falltüren” genannt, nicht wegen der “Fallen”, sondern weil man über diese Dinger auch hinwegschreiten und sich wohlfühlen kann, ohne das Bewußtsein haben zu müssen, da seien noch mehrere Keller in mehreren Schichtungen. Für die Falltüren stelle ich aber Signale auf, so daß, wer will, sie auch finden und dann öffnen kann.

    Das mit den Chanos wußte ich nicht; ich hätte mal nachschlagen sollen. Entschuldigung.

  21. Mathis Erml | May 1, 2008 at 1:24 pm | Permalink

    an ANH.

    zu 18. El último rincón del mundo.
    Schöner Titel, möglicherweise ein Zitat?
    - ein ‚Spitzname’ Chiles

    zu 20. Ich habe in der folgenden Fassung versucht mit dem vorhandenen Material eine stimmige Oberfläche zu schaffen, dabei das Stück von einigen Ideen bereinigt, die den Text nicht sonderlich gefüllt, mehr belästigt hatten. DAS IST SELBSTZERSTÖRERISCH,
    doch stehen die kausalen Zusammenhänge jetzt. (???)

    El último rincón del mundo. Archipiélago. Bahía aventura.
    Dezember 1930.
    Antonio und Pietro lösen das Tau, setzen ab.
    Das Boot erreicht die offene See, es folgt den chanos.
    Rückenflossen ziehen Furchen wie Haie, dabei zahnlos. Der Nacht dann folgt der Sturm. Wasserburgen stürzen ein.
    Antonio: was lohnt der Fang?
    Pietro: einen neuen Morgen.
    Uferlos, diese Nacht, meint die Leuchtrakete.
    Ein Flugzeug durchbricht die Wolkendecke, das Boot folgt in die Tiefe.

  22. ANH | May 2, 2008 at 5:22 am | Permalink

    @Erml (fff).

    Sie sind dabei, aus Ihrem Text ein Prosagedicht zu formen. Auf diesem Weg weiter gedacht, sind meine Bemerkungen n u n zu verstehen. Alles, was jetzt noch retardiert, müßte raus; das meint vor allem die Füllwörter, deren Inhalte sich aus dem Prosagedicht-als-poetischer-Raum bereits von selbst ergeben:

    Wenn die erste Zeile nicht als Überschrift, sondern als bereits erste Zeile dastehen soll, wäre abzuschmecken, ob nicht auch die Zeitangabe (Dezember 1930) schon spanisch dastehen müßte. Ich habe eine Tendenz dahin. Die nächsten beiden Zeilen sind wunderbar jetzt, gerade mit der in der vierten Zeile zurückgenommenen Verkürzung der dritten. In der fünften dann stört mich das “dabei”: es erklärt, anstelle zu sein. Ähnliches gilt für das folgende “dann”, das wohl auch ganz entbehrlich ist. Im Uferlos-Satz stört das “mein” zur Leuchtrakete; indem Sie sie antropomorphieren, verliert sie an Leuchtkraft. Der abschließende Satz wiederum ist makellos. Überlegen Sie bitte aber noch mal, ob Sie nicht in der Zeile, die mit den Rückenflossen beginnt, die Verkürzung von oben als Formklammer noch einmal anzitieren, und zwar, indem Sie die folgenden beiden Hauptsätze vermittels eines Kommas voneinander trennen, den Punkt also fallen lassen. Das zieht sie stärker aneinander, zitiert die Verkürzung von oben und leitet auch schon den makellosen Schlußsatz durch ein ähnliches Stilmittel ein. Das wäre dann, als wäre durch den Text ein Faden gezogen, den Sie festzurren: ein gewissermaßen innerer Rahmen: “Der Nacht folgt der Sturm, Wasserburgen stürzen ein. ABSATZ. DIALOG. SCHLUßSATZ.”

  23. Mathis Erml | May 2, 2008 at 10:53 am | Permalink

    an ANH.

    Die erste Zeile will als erster Vers verstanden sein. ‚Nachtflug’ ist der Titel.
    Schreibe ich die Zeitangabe ebenfalls auf Spanisch gebe ich meine ‚Antiklimax’, auch die wirkungskräftige Dreigliedrigkeit, auf. Eine Zeitangabe, die eine global zutreffende Aussage ist, ermöglicht mir überhaupt erst einen natürlich wirkenden Sprachtausch, der sich für meinen Geschmack schon in eben dieser Angabe finden muss.

    „Haie, dabei zahnlos.“ Ja, ‚dabei’ ist ein nur auf der Satzebene funktionales Wort. Ein bloßes Weglassen führt zu Irritation. Also löse ich den ursprünglichen Satzbau in einem schlichten Adjektiv auf, verzichte auf das Vergleichswort ‚wie’ und zeichne ein selbstständiges, sowie kontextuell unmissverständliches Bild, das dabei die Verkürzung des dritten Vers’ zitiert, so dass ich den folgenden Satz absetzen kann, um eine strenge Folge besser zu markieren.

    Den Anthropomorphismus will ich nicht vollständig aufgeben, um zu verhindern, dass die Leuchtrakete ihre Funktion im Dialog der beiden Fischer verliert. Diesen Charakter aber entschärfend, schließe ich die ‚Aussage’ der Rakete nicht mit einem Doppelpunkt an, sondern mit einem Punkt. So bekommt das Uferlos-Zitat einen ~auktorial erzählten~ Charakter. Vielleicht ein wenig aufdringlich, gut so.
    ———————–

    Nachtflug.

    El último rincón del mundo. Archipiélago. Bahía aventura.
    Dezember 1930.

    Antonio und Pietro lösen das Tau, setzen ab.
    Das Boot erreicht die offene See, es folgt den chanos.
    Rückenflossen ziehen Furchen, zahnlose Haie.
    Der Nacht dann folgt der Sturm, Wasserburgen stürzen ein.

    Antonio: was lohnt der Fang?
    Pietro: einen neuen Morgen.
    Leuchtrakete. Uferlos, diese Nacht.
    Ein Flugzeug durchbricht die Wolkendecke, das Boot folgt in die Tiefe.

  24. ANH | May 2, 2008 at 12:26 pm | Permalink

    @Erml (ffff).

    Fein. Sehr fein.
    Meine letzten Mäkeleien, in der Form eines Vorschlags, der vor allem der Struktur gilt:

    Nachtflug.

    El último rincón del mundo. Archipiélago. Bahía aventura.
    Dezember 1930. Antonio und Pietro lösen das Tau, setzen ab.

    Das Boot erreicht die offene See, es folgt den chanos.
    Rückenflossen ziehen Furchen, zahnlose Haie.
    Der Nacht folgt nun der Sturm, Wasserburgen stürzen ein.

    Antonio: was lohnt der Fang?
    Pietro: einen neuen Morgen.
    Leuchtrakete. Uferlos ist diese Nacht.

    Ein Flugzeug durchbricht die Wolkendecke.
    Das Boot folgt in die Tiefe.

    Dann: liegenlassen, zweidrei Wochen. Und noch einmal, Wort für Wort daran. Es wird eine Frage sein, ob nicht das zweimal genannte Wort “Nacht” in der Verdopplung stört. Denken Sie an >>>> Pounds Gebot der Alliteration (dessenwegen ich das “dann”, auf dem Sie beharren, durch ein “nun” ersetzt, zumal aus rhythmischem Grund nachgestellt habe). Und versuchen Sie, den Text in der schließlich gewählten Struktur (hier: Zeilenanordnung) durchzurhythmisieren. Aber jetzt erst mal liegenlassen; es ist nunmehr Abstand vonnöten.

  25. Mauel Semah | May 2, 2008 at 9:20 pm | Permalink

    „Lass uns fliegen.“ sagte die junge Frau und umfasste meine linke Hand.
    „Wohin?“ fragte ich scherzhaft, um meine Verwunderung zu überspielen und zog an der Zigarette, die ich eben angezündet hatte.
    „Egal.“
    „Zum Uniplatz?“
    „Höher.“
    „Zum Schloss?“
    „Höher.“
    „Zur Thingstätte?“
    „Noch höher.“ Ihre Worte lagen lange in der Luft.
    Ich blies den Rauch in die Dunkelheit und sah zu, wie die Rauchschwaden umher spielten und sich hin zum Sternenhimmel verflüchtigten. Sie hielt nach wie vor meine Hand, und ich wehrte mich gegen ihren sanften Händedruck nicht.
    „Schließ’ deine Augen.“ sagte sie.
    „Check-In?“
    „Bereits vollzogen.“
    „Fasten your seat belts?“
    „Auch.“ Ihr Händedruck wurde fester.
    „Und Ab- ?“
    „-heben.“ Ihre Stimme hatte sich scheinbar verirrt, ihr letztes Wort ward mir nur ein angehauchtes Flüstern in der Ferne. Ich glitt bereitwillig hinein in eine Schwärze aus Eindrücken, Stimmen, Düften, Empfindungen - vereinzelte Rufe aus der Altstadt, ihr gleichmäßiges Ein- und Ausatmen, der Geruch von Tabakrauch, ihr Parfüm, ihre Finger, streichelnd auf meinem kalten Handrücken.
    „Wohin fliegen wir?“ flüsterte ich.
    „Egal.“
    „Egal.“ wiederholte ich, willenloses Echo.
    Gelächter zerriss die Luft, ich drehte den Kopf und sah eine Bande Jugendlicher, die angetrunken zum Bus wankten.
    „Gepäck abholen?“ fragte ich und suchte ihren Blick.
    „Kein Gepäck heute.“ Sie entglitt meinem suchenden Blick und meiner Hand und ward verschluckt von der Nacht.
    Ich blieb stehen und zog ein letztes Mal an dem Zigarettenstümmel.

    ———— [ 1504 Zeichen ]

    Ein zweiter Anlauf, das Thema umzusetzen. Bei der ersten Fassung habe ich wohl den Fehler gemacht, mich von einer Stimmung leiten zu lassen und den Text an einem einzigen Abend zu verfassen, ohne ihn einige Stunden bzw. Tage “ruhen” zu lassen.

    @ANH:

    Ihre Bemerkungen zum Stil und Ausdruck waren allesamt mehr als berechtigt und ich habe die meisten Vorschläge kommentarlos übernommen.

  26. ANH | May 3, 2008 at 4:11 am | Permalink

    @ Mauel Semah zu Lass uns fliegen II.

    „Lass uns fliegen.“ sagte die junge Frau und umfasste meine linke Hand.
    „Wohin?“ fragte ich
    Wenn Sie das Folgende streichen, wird die Szene dichter; vermeiden Sie in so kurzen Texten Psychologisierungen, gar Rationalisierungen, besonders solche für Handlungen; es gilt die Faustregel: nichts erklären, das nicht schon die Szene selbst erklärt.
    scherzhaft, um meine Verwunderung zu überspielen
    also einfach in der Erzählung weiter:
    und zog an der Zigarette
    und auch das ist unnötig:
    , die ich eben angezündet hatte
    .
    „Egal.“
    „Zum Uniplatz?“
    „Höher.“
    „Zum Schloss?“
    „Höher.“
    „Zur Thingstätte?“
    „Thingstätte“ ist so belegt, daß die Erwähnugn erzählerisch gebunden werden müßte; der Ort bleibt bei Ihnen aber in der Luft hängen.
    „Noch höher.“
    Stummt dieses Bild?:
    Ihre Worte lagen lange in der Luft.
    Ich blies den Rauch in die Dunkelheit und sah zu, wie die
    von was angeleuchteten?
    Rauchschwaden umher spielten und sich hin
    das ist zu weit weg, vor allem in der Verwendung von „zum“:
    zum Sternenhimmel verflüchtigten. Sie hielt nach wie vor meine Hand,
    schöner jetzt:
    und ich wehrte mich (dieses wegnehmen:) gegen ihren sanften Händedruck [und nur stehenlassen:] nicht.
    „Schließ’ deine Augen.“ sagte sie.
    „Check-In?“
    „vollzogen“ ist zu umständlich, zu gestelzt:
    „Bereits vollzogen.“
    „Fasten your seat belts?“
    „Auch.“ Ihr Händedruck wurde fester.
    „Und Ab- ?“
    „-heben.“
    Was heißt das? Zu gesuchtes Bild:
    Ihre Stimme hatte sich scheinbar verirrt
    und beim nächsten aufpassen mit der Verwendung von „ward“. Ich liebe „ward“ auch, aber die Gefahr ist immer eine der Zopfigkeit, wenn zu offensichtlich Poetisierung gemeint ist; hier ist die Verwendung unnötig, glaube ich:
    , ihr letztes Wort ward mir nur
    und auch kitschig:
    ein angehauchtes Flüstern in der Ferne. Ich glitt bereitwillig hinein in eine Schwärze aus Eindrücken
    „eine Schwärze aus Eindrücken“ ist auch kein gutes Bild, obwohl man natürlich weiß, was Sie meinen.
    , Stimmen, Düften, Empfindungen
    Wie ist das Folgende grammatisch gebunden?:
    an (?) - vereinzelte Rufe aus der Altstadt, ihr gleichmäßiges Ein- und Ausatmen, der Geruch von Tabakrauch, ihr Parfüm,
    „Ich glitt hinein an“ (???) ihre Finger,
    dann noch partizipial; das brauchen Sie nicht:
    streichelnd auf meinem kalten Handrücken.
    „Wohin fliegen wir?“ flüsterte ich.
    „Egal.“
    „Egal.“ wiederholte ich
    Keinen Selbstkommentar:
    , willenloses Echo.
    Gelächter zerriss die Luft, ich drehte den Kopf und sah eine Bande Jugendlicher, die angetrunken zum Bus wankten.
    Besser: „angetrunken zum Bus wanken“.
    „Gepäck abholen?“ fragte ich und suchte ihren Blick.
    „Kein Gepäck heute.“ Sie entglitt meinem suchenden Blick
    die beiden Blick-Wörter folgen zu schnell aufeinander
    und meiner Hand und ward
    abermals das „ward“, wo es keine wirkliche Funktion hat, außer daß es hübsch klingelt.
    verschluckt von der Nacht.
    : Auch das ist schon fast eine stehende Inhaltslosigkeit, eine Behauptung ohne Haut.
    Ich blieb stehen und zog ein letztes Mal an dem Zigarettenstümmel.
    Hiernach müßte noch etwas folgen, um die Erzählung zu runden.

    Ein zweiter Anlauf, das Thema umzusetzen. Gut. Besonders, daß Sie an Texten arbeiten. Bei der ersten Fassung habe ich wohl den Fehler gemacht, mich von einer Stimmung leiten zu lassen und den Text an einem einzigen Abend zu verfassen, ohne ihn einige Stunden bzw. Tage “ruhen” zu lassen. Das ist kein Fehler, so entstehen nicht selten Texte, auch gute mitunter. D a n a c h aber sollte man ruhen lassen. Allerdings nicht unbedingt für eine Schreibwerkstatt, weil Sie (hoff ich) hier Hinweise dafür bekommen, worauf zu achten wäre. Geben Sie diese Geschichte, auch wenn ich abermals durchkorrigiere, auf keinen Fall auf. Je öfter Sie sie durchwalken, desto näher kommen Sie dem, was Sie vermitteln wollen.

  27. Mathis Erml | May 3, 2008 at 10:33 am | Permalink

    an Mauel Semah. Erlauben Sie auch mir einen Kommentar.

    „Egal.“
    „Zum Uniplatz?“
    „Höher.“
    „Zum Schloss?“
    „Höher.“

    Die Szene spielt auf einer Brücke. Ist es verständlich, höher fliegen zu wollen, höher zu einem Platz? Schöner wäre hier “weiter”, wie es mir scheint. Das folgende “höher” vermag dann mit vorangegangenem “weiter” den Raum aufzuspannen, zum ‘Flug’. Außerdem ist der Gestus stärker. (???)

  28. Mauel Semah | May 3, 2008 at 5:44 pm | Permalink

    „Lass uns fliegen.“ sagte die junge Frau und umfasste meine linke Hand.
    „Wohin?“ fragte ich und zog an der Zigarette.
    „Egal.“
    „Zum Uniplatz?“
    „Weiter.“
    „Zum Park?“
    „Höher.“
    „Zum Schloss?“
    „Ferner.“ Ihre Worte schwangen lange nach.
    Ich blies den Rauch in die Dunkelheit und sah zu, wie die Rauchschwaden umher wirbelten und sich im schwachen Lichtspiel von Mond und Brückenbeleuchtung spielend verflüchtigten. Sie hielt nach wie vor meine Hand, und ich wehrte mich nicht.
    „Schließ’ deine Augen.“ sagte sie.
    „Check-In?“
    „Bereits geschehen.“
    „Fasten your seat belts?“
    „Auch.“ Ihr Händedruck wurde fester.
    „Und Ab- ?“
    „-heben.“ Ihre Stimme schien mit dem Wind entglitten zu sein, ihr letztes Wort war mir nur ein angehauchtes Flüstern in der Ferne. Ich glitt bereitwillig hinein in einen schwarzen Wirbel aus Eindrücken, Stimmen, Düften, Empfindungen - vereinzelte Rufe aus der Altstadt, ihr gleichmäßiges Ein- und Ausatmen, der Geruch von Tabakrauch, ihr Parfüm, ihre Finger, die meinem kalten Handrücken streichelten, der Nachtwind, der unser beider Haar wiegte, ferner Donner, ihre wärmende Hand.
    „Wohin fliegen wir?“ flüsterte ich.
    „Egal.“
    „Egal.“ wiederholte ich.
    Gelächter zerriss die Luft, ich drehte den Kopf und sah eine Bande Jugendlicher, die angetrunken zum Bus wanken.
    „Gepäck abholen?“ fragte ich und suchte Augenkontakt.
    „Kein Gepäck heute.“ Sie entglitt meinen suchenden Blick und meiner Hand und ging, ohne zurückzublicken.
    Ich blieb stehen und zog ein letztes Mal an dem Zigarettenstümmel.
    Donner, ein Blitz, der die Brücke, den Park, das Schloss und ihre schwindende Silhouette am Ende der Brücke ein einziges Mal hell erleuchtete. Erster Tropfen auf meinem Handrücken, ich warf die Zigarette in den Fluss und ging.

    ———— [1730 Zeichen] ————–

    Beim Ende habe ich versucht, zurück zum Thema “Nacht” zu finden - symbolisch wird die Dunkelheit durch den Blitz erhellt, die kurze nächtliche Episode auf der Brücke wird mit dem Erhellen der gesamten Kullise beendet.

    Im einzelnen zu den Kommentaren:

    (1) das angehauchte Flüstern in der Ferne mag kitschtig sein, aber ich fand die Alliteration zwischen >HH>auchen schön, sie hat, wie ich finde, einen gewissen onomatopoetischen Charakter, den ich gerne beibehalten würde.

    (2) “die Worte lagen lange in der Luft”, in der 3. Fassung zu ” Ihre Worte schwangen lange nach.” steht leer im Raum und findet keinen Halt in anderen Beschreibungen. Dennoch will ich den Satz gerne beibehalten, ansonsten stehen die drei kurzen Aufforderungen “Weiter” “Höher” “Ferner” so schmucklos rum.

    (3) Danke für den Hinweis, Mathis Erml. Anstelle von der dreifachen Wiederholung von “Höher” passt “Höher” “Weiter” “Ferner” (leicht abgewandelte Version Ihres Vorschlags ) besser, es erweitert den imaginären räumlichen Rahmen viel mehr als 3x “Höher”.

    (4) Ansonsten habe ich versucht, die stilistischen Ungereimtheiten umzuändern. Bei ” Ihre Stimme schien mit dem Wind entglitten zu sein” bin ich mir aber nach wie vor nicht sicher, ob das Bild stimmig und nicht metaphorisch “zu abgehoben” ist.

    (5) Zum grammatikalischen Problem: die Sinneseindrücke habe ich gewollt lose aneinandergereiht, eben so, wie sie auf den Ich-Erzähler einwirken: zusammenhangslos und genau deswegen eine bestimmte Atmosphäre provozierend.

  29. Mauel Semah | May 3, 2008 at 5:46 pm | Permalink

    Argh, beim 1. Kommentar habe ich wohl ungewollt einen HTML-Code oÄ. eingefügt, korrekt lautet der Satz:

    (1) das angehauchte Flüstern in der Ferne mag kitschtig sein, aber ich fand die Alliteration zwischen Hauchen und Heben schön, sie hat, wie ich finde, einen gewissen onomatopoetischen Charakter, den ich gerne beibehalten würde.

  30. ANH | May 4, 2008 at 1:54 pm | Permalink

    @ Mauel Semah zu Laß uns fliegen (ffff).

    Das wird jetzt auch langsam sehr schön. Dennoch:

    „Lass uns fliegen.“ sagte die junge Frau und umfasste meine linke Hand.
    „Wohin?“ fragte ich und zog an der Zigarette.
    Geben Sie hier eine kleine Irritation hinein:
    „Fliegen“, sagte sie.
    „Egal.“ streichen.
    „Zum Uniplatz?“
    „Weiter.“
    „Zum Park?“
    „Höher.“
    „Zum Schloss?“
    „Ferner.“ Ihre Worte schwangen
    „lange“ streichen, dann wird’s dichter..
    nach.
    Ich blies den Rauch in die Dunkelheit und sah zu, wie
    sich
    die Rauchschwaden

    „umher wirbelten und sich“ streichen
    im schwachen Lichtspiel von Mond und Brückenbeleuchtung
    „spielend“ streichen
    verflüchtigten. Sie hielt nach wie vor meine Hand,
    „und“ streichen.
    ich wehrte mich nicht.
    „Schließ’ deine Augen.“ sagte sie.
    „Check-In?“
    „Bereits geschehen.“ streichen. Stattdessen wiederholen:
    „Check-in“, sagte ich.
    „Fasten your seat belts?“
    „Auch.“ streichen, stattdessen eine kleine Ironie:
    „Roger,“ sagte ich.
    Ihr Händedruck wurde fester.
    „Und Ab- ?“
    „-heben.“ Ihre Stimme schien mit dem Wind
    „entglitten zu sein,“ streichen, stattdessen
    zu fliehen, ihr letztes Wort war
    „mir!“ streichen (Wem denn sonst?)
    nur ein
    „angehauchtes“ streichen; das ist zu viel und nimmt dem Eindruck die Sinnlichkeit
    Flüstern in der Ferne. Ich glitt
    „bereitwillig hinein“ streichen; und das da sagt immer noch nichts, ist papierene Behauptung, mehr nicht:
    in einen schwarzen Wirbel aus Eindrücken, Stimmen, Düften, Empfindungen
    ab hier wird es besser:
    - vereinzelte Rufe aus der Altstadt,
    „ihr gleichmäßiges Ein- und Ausatmen,“ streichen
    der Geruch von Tabakrauch, ihr Parfüm, ihre Finger, die meinem
    „kalten“ streichen; Perspektivfehler
    Handrücken streichelten, der Nachtwind, der unser
    „beider“: unnötig, streichen
    Haar wiegte
    na ja, „wiegte“…
    , ferner Donner, ihre wärmende Hand.
    „Wohin fliegen wir?“
    „flüsterte ich.“streichen. Die beiden Egals im Zusammenhang mit dem Egal oben werden zu schwer, da sie ja auch gar nichts aussagen. Da müssen Sie noch mal überlegen:
    „Egal.“
    „Egal.“ wiederholte ich.
    Gelächter zerriss
    „zerriss“ ist zu hart, zu gesucht
    die Luft, ich drehte den Kopf.
    Direkter jetzt:
    Eine Bande Jugendlicher wankte angetrunken und johlend zum Bus.
    „Gepäck abholen?“ fragte ich und suchte Augenkontakt.
    „Kein Gepäck heute.“ Sie

    das ist wirklich unschön:
    entglitt meinen
    m
    suchenden Blick und meiner Hand und ging
    „, ohne zurückzublicken“ streichen. Ebenso „. Ich blieb stehen und zog ein letztes Mal an dem Zigarettenstümmel. Donner, ein Blitz, der die“. Stattdessen s o enden:
    Die Brücke. Der Park. Ein weiterer Donner, immer noch fern. Dann der erste Tropfen auf meinem Handrücken. Ich warf die Zigarette in den Fluss. Und ging auch.

  31. read An | May 4, 2008 at 3:16 pm | Permalink

    Nachtflug

    Er hätte noch Stunden weiterfliegen können wären nicht die “Leisen” auf seinem Radar aufgetaucht. Wie lange hatten sie sich wohl schon an seine Fersen geheftet? “Nicht umdrehen. Auf keinen Fall umdrehen!” hatten sie ihn noch kurz vor dem Start gewarnt. Zu spät! Von nun ab gab es kein zurück mehr! Die Route war vorgegeben. Er schaute auf den Höhenmesser, 3200m. über dem Meeresspiegel. Es konnte nicht mehr weit sein, nach dem Fahrtmesser müsste er sein Ziel bald erreicht haben. Er schloss die Augen und überlegte was ihn wirklich in dieser Welt hätte halten können, einer Welt, die für ihn immer eine fremde bleiben würde. In der die Entfernungen an Land nicht nur größer scheinen sondern zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden sind. Darüber der Himmel, ein Zelt dem allmählich der Sauerstoff zum atmen ausging. Sie suchen uns, sie werden immer nach uns suchen, nach jenen, die sich geweigert haben solange bis sie uns finden.
    Bis auch wir zu einem loyalen Schatten unserer Selbst geworden sind, zu einem generalisierten Impuls der Masse. Für einen kurzen Moment fragte er sich was seine wirklich verwundbarste Stelle war, war er überhaupt noch verwundbar? Ging es letztendlich nicht nur noch darum? Wie aufwachen aus einem real gewordenen Albtraum, der einen noch im Schlaf zu einem gebetsstammelnden Traumbeschwörer werden lässt? Wieso nicht aufgeben und rekapitulieren vor der jämmerlichen Anstrengung wieder und wieder Zeit zu schinden?
    Er fing an zu frieren. War es soweit? Hatten sie ihn endlich eingeholt? Er fühlte den kalten monströsen Schauer im Nacken, spürte wie sich jedes einzelne Haar an seinem Körper aufbäumte, wie bei einem wilden Tier das man umzingelt hatte. Nur wäre es kein Kampf auf Augenhöhe, kein Kampf um eine Rangentscheidung, es wäre überhaupt kein Kampf denn Die kämpfen nicht. Sie sind die Überlegenen, nicht das Alphatier, nicht der Dompteur. Sie sind die Administrative, universelle Phagozyten eines wuchernden Systems, in dem der Mensch der Fremdkörper ist.
    Nicht umdrehen! Nur nicht umdrehen! Die Instrumente begannen verrückt zu spielen. Es musste ein magnetisches Störsignal sein. Ein lärmendes Geräusch drang an seine Ohren. Er schaute auf den Höhenmesser, die Nadel rotierte. Der rasche Druckabfall presste unmengen Adrenalin durch seine Venen, das Blut in seinen Adern pulsierte, seine Bewegungen verlangsamten sich, sein Schädel fühlte sich an wie ein aufgeblähter Ballon. Sein Körper war ein einziger Schmerz, der sich selbst vor Übelkeit auszuspeien versuchte. Gleich sollte es vorbei sein, er konnte noch die ersten warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht spüren. Das ohrenbetäubende Geräusch wurde immer lauter bis es sich übergangslos mit ihm verbunden hatte…

    … Zu lange hatte der Schlaf angehalten und einen kraftlosen Körper hinterlassen, den er ähnlich einem Phantomschmerz als seinen identifizierte. Er versuchte seine Augen zu öffnen, was ihn einiges an Anstrengung kostete. Losgelöst von jeglicher Erinnerung, die ihm etwas über seinen momentanen Aufenthaltsort verraten hätte, geschweige dessen was sich ereignet hatte gab es nichts weiter als den einen Gedanken, der sich fest in seinem Körper einprogrammiert hatte und den er immer wieder wie eine Beschwörungsformel wiederholte. Die Route ist vorgegeben. Die Route ist vorgegeben … Von weitem hörte er Schritte, er wusste, würden sie ihn holen würde auch dieser Gedanke nach und nach verschwinden bis er eine blasse Erinnerung geworden und der jetzigen Gegenwart, nach der er so angestrengt suchte gewichen war.

  32. read An | May 4, 2008 at 3:20 pm | Permalink

    Ui. is ein bissl viel geworden: -)

  33. read An | May 4, 2008 at 3:29 pm | Permalink

    Nachtflug II (mal anders interpretiert)

    SIE
    schlief,
    ERwachte
    sie am Morgen,
    ein Zitronenfalter auf den Lippen.

  34. ANH | May 4, 2008 at 3:44 pm | Permalink

    @read An zu Nachtflug II:

    Im letzten Vers gibt es eine grammatische Konfusion; ich möchte gerne “eine n Zitronenfalter” lesen, was aber den Rhythmus bricht; nur ist die Verkürzung in “ein Zitronenfalter” wegen der Irritation unschön, möglicherweise — liest man streng - sogar falsch.
    Ansonsten: Schön. Zu dem Prosatext komme ich später.

  35. read An | May 4, 2008 at 4:31 pm | Permalink

    Ganz im Ernst genau das habe ich mich auch gefragt ob ein oder einen! Habe mich dann aber nach dem Klang entschieden.

  36. canexxs | May 5, 2008 at 3:52 am | Permalink

    öfter lesen.
    kleine bemerkung v. knottie
    zarte anwandlung, sehr schön gemacht auf den ersten 2. und kieker

  37. canexxs | May 5, 2008 at 3:58 am | Permalink

    mein com. war auf niteflite bez.

  38. maudit | May 5, 2008 at 11:06 pm | Permalink

    Details einer Kaffeehausrunde: ein borstiges Muttermal, dunkle Bartstoppeln, vorsprießende Bäuche, rougebeschmierte Wangen, schwarzrandige Fingernägel, die fettig glänzen im schwiemeligen Schein der Straßenlaterne. In der Verbrauchtheit eines unentschlossenen Abendhimmels wirkte alles, als betrachtete man es durch ein umgekehrtes Fernglas. Ich bin ein Schlenderer durch nächtliche Gassen, die alsbald nur noch bevölkert werden von windverwehten Zeitungsfetzen, überschwemmten Kanaldeckeln, blankgetretenen Trottoirs, in denen sich der Mond bespiegelt.

    An einem Nachbartisch erhebt sich gerade ein Kerl mit ausladendem Kreuz, wirft dabei einen Stuhl um und schert sich nicht darum. “Mit Verlaub!” möchte man ausrufen und übereilte Präambel mutig fortsetzen, doch die achtungsgebietende Statur läßt den Speichelfluß versiegen, man räuspert sich höchstens, hüstelt und schaut gedankenvoll zur Seite.

    Meine Mutter verachtete meinen Mangel an Mannhaftigkeit. Mich abzuhärten gegen das Leben, steckte sie mich in einen mit eisigem Wasser gefüllten Zuber und schrubbte meinen Rücken mit einer Wurzelbürste rot und striemig. Noch heute wache ich manchmal unter asthmatischem Keuchen auf. Meist steht der Mond dann groß und voll am Himmel und der Schatten des Fensterkreuzes scheidet Traum von Wirklichkeit.

    Gar Traumgleiches trägt sich nun zu: Ein Kerl, mehr Golem als Mensch, der einem andern das Kinn zerhaut, darauf dieser bühnenreif durchs Lokal scheppert. Ein verstohlener Zuschauer, der an nervösem Husten leidet. Eine Sommerbrise, die durch die Gassen eilt und uns verdreht.

    Ich stehe noch im Bann meiner traumatischen Erinnerung, als aus dem Handgemenge ein Knäuel kräftig geschwungener Hände, Fäuste, Aschenbecher, Stuhlbeine und so weiter geworden ist. Klammheimlichkeit ist ein Spezialtalent aller Nomaden der Großstadt, und so bin ich schon auf und davon.

    Blieben zurück: drei unbezahlte Gläser mit nun schalem Bier, Trümmer, Splitter, Fetzen, die der Wind bereits vom Tisch herunterwischt, um sie in die sich entleerenden Straßen zu wehen. Blaue Augen, gebrochene Nasen, zersprungene Lippen.

    In rauhen Zeiten leben wir. In der Nachtstille, manchmal, hören wir denErdball kreiseln. Und ein kurzzeitiges Aussetzen der Schwerkraft läßt die Passanten eine Handbreit über dem Asphalt schweben.

  39. ANH | May 6, 2008 at 6:31 am | Permalink

    @ read An zu Nachtflug.

    In dieser kleinen Erzählung wird vor allem nicht klar, worum es geht. Für ein Traumsegment wiederum, das die Bedrohung selbst nicht nennt, fehlt es an bildlicher Konkretion. Ich habe hier den Eindruck eines abstrakten Erzählens mit Mitteln des Schund- bzw. Heftchenromans, das, w a s es erzählt, noch gar nicht ergriffen hat. Ganz wichtig ist, daß Sie konkretisieren. Schreiben Sie die Geschichte bitte erst noch einmal wie ein Stück realistischer Prosa, und dann abstrahieren Sie sie. Die Geschichte hat sonst etwas von einem rein behaupteten Geheimnis, wobei man spürt, es sei eigentlich gar kein Geheimnis da.

    Er hätte noch Stunden weiterfliegen können
    ,
    wären nicht die “Leisen” auf seinem Radar aufgetaucht. Wie lange hatten sie sich wohl schon an seine Fersen geheftet?
    : Stimmt das Bild mit den „Fersen“ bei einem Flug?
    “Nicht umdrehen. Auf keinen Fall umdrehen!” hatten sie ihn
    den Radar?
    noch kurz vor dem Start gewarnt. Zu spät! Von nun ab gab es kein
    „zurück“: in dem Fall groß schreiben; Nominalisierung
    mehr! Die Route war vorgegeben. Er schaute auf den Höhenmesser, 3200m. über dem Meeresspiegel. Es konnte nicht mehr weit sein, nach dem Fahrtmesser müsste er sein Ziel bald erreicht haben. Er schloss die Augen und überlegte
    ,
    was ihn wirklich in dieser Welt hätte halten
    „h ä t t e halten“ oder „halten k o n n t e“?
    können, einer Welt, die für ihn immer eine fremde bleiben würde.
    : Das ist Kitsch insofern, als der Behauptung (Empfindung) keine Konkretion entspricht, die sie einem glaubhaft machte.
    In der die Entfernungen an Land nicht nur größer
    zu sein
    scheinen sondern zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden sind
    „sind“ oder „waren“?
    . Darüber der Himmel, ein Zelt
    ,
    dem allmählich der Sauerstoff zum atmen
    „atmen“ groß schreiben: „zum Atmen
    ausging.
    Auch das, als Bild, ist unklar. Zum einen ist das Himmels“zelt“ klischiert, zum anderen: weshalb geht dem H i m m e l die Luft aus? Zu verstehen wäre das als psychische Projektion, aber so etwas muß gebunden werden.
    Sie suchen uns, sie werden immer nach uns suchen, nach jenen, die sich geweigert haben
    ,
    solange bis sie uns finden.
    Wer ist hier gemeint, der sich geweigert habe, und wer, „die“ nach uns suchen?
    Bis auch wir zu einem loyalen Schatten unserer Selbst
    :was soll das sein? Bitte das Bild konkretisieren
    geworden sind, zu einem generalisierten Impuls der Masse
    : und das bekomme ich nun gar nicht mit dem „loyalen Schatten unserer Selbst“ zusammen
    . Für einen kurzen Moment fragte er sich
    ,
    was seine wirklich verwundbarste Stelle war, war er überhaupt noch verwundbar? Ging es letztendlich nicht nur noch darum?
    Die Frage stellt sich hier, worum es ü b e r h a u p t geht.
    Wie aufwachen aus einem real gewordenen Albtraum
    was i s t dieser Albtraum?
    , der einen noch im Schlaf zu einem gebetsstammelnden Traumbeschwörer
    : auch dieses Bild-als-Charakterisierung ist imgrunde nur abstrakt, man kann überhaupt nichts daran assoziierne, das übers Wortklingeln hinausginge
    werden lässt? Wieso nicht aufgeben und rekapitulieren
    : Sie meinen sich k a pitulieren; „rekapitulieren“ wäre: sich wiederholend vor Augen führen
    vor der jämmerlichen Anstrengung
    ,
    wieder und wieder Zeit zu schinden?
    Er fing an zu frieren. War es soweit? Hatten sie ihn endlich eingeholt?
    Dieses „Hatten sie ihn endlich eingeholt?“ ist wie eine Beschwörung um erfahrbare Evidenz… ich meine das poetisch: als wäre Ihr Erzähl-Gegenstand noch überhaupt nicht da.
    Er fühlte den kalten monströsen Schauer
    : okay okay… aber dann muß der Leser einmal erfahren, w a s solch Monströses in ihm, auslöst…
    im Nacken, spürte
    ,
    wie sich jedes einzelne Haar an seinem Körper aufbäumte
    Haare, die sich aufb ä u m e n; das ist als Bild schief; bei Achselhaaren wird es obendrein ungewollt komisch

    , wie bei einem wilden Tier
    ,
    und: wieso nur bei einem w i l d e n Tier?
    das man umzingelt hatte. Nur wäre es
    wäre w a s?
    kein Kampf auf Augenhöhe, kein Kampf um eine Rangentscheidung, es wäre überhaupt kein Kampf
    ,
    denn Die kämpfen nicht. Sie sind die Überlegenen, nicht das Alphatier, nicht der Dompteur. Sie sind die Administrative
    administrative, kleingeschrieben, oder?
    , universelle Phagozyten
    : schöne Idee!
    eines wuchernden Systems, in dem der Mensch der Fremdkörper ist.
    Beziehen Sie sich auf unter anderen >>>> d i e s e Diskussion?

    Nicht umdrehen! Nur nicht umdrehen! Die Instrumente begannen
    ,
    verrückt zu spielen
    Sie gehen jetzt ganz in den U-Literaturbereich
    . Es musste ein magnetisches Störsignal sein
    Schöner, erzählerischer, wäre: „Es schien ein magnetisches Störsignal zu sein“ .
    Ein lärmendes Geräusch
    : auch nicht schön
    drang an seine Ohren. Er schaute auf den Höhenmesser, die Nadel rotierte
    : Stimmt das, daß die Nadel r o t i e r t, also immer wieder um die Rundung herumläuft?
    . Der rasche Druckabfall presste unmengen
    Unmengen
    Adrenalin durch seine Venen, das Blut in seinen Adern pulsierte
    Sie setzen Vene gegen Ader; weshalb?
    , seine Bewegungen verlangsamten sich, sein Schädel fühlte sich an wie ein aufgeblähter Ballon
    Wie f ü h l t sich ein aufgeblähter Ballon a n?
    . Sein Körper war ein einziger Schmerz
    : Kitsch, weil unkonkret
    , der sich selbst vor Übelkeit auszuspeien versuchte.
    Und das hier ist reine Papier:
    Gleich sollte es vorbei sein,
    zumal er zugleich eine z a r t e Wahrnehmung hat:
    er konnte noch die ersten warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht spüren. Das ohrenbetäubende Geräusch
    „ohrenbetäubende Geräusch“: entleerte Stanze
    wurde immer lauter
    wenn die Ohren betäubt sind, kann er ein Lauterwerden eigentlich nicht mehr hören…
    bis es sich übergangslos mit ihm verbunden hatte…
    … Zu lange hatte der Schlaf angehalten und einen kraftlosen Körper hinterlassen, den er ähnlich einem Phantomschmerz als seinen identifizierte.
    Hier hängt das ganze Bild: weder „hinterläßt“ ein Schlaf einen Körper ( d e r ja schlief!), noch stimmt das „ähnlich“ hier: Man identifiziert einen Phantomschmerz a l s Schmerz; daß es ein eigener sei, ist logisch, sonst wäre es ja weder Schmerz noch Phantomschmerz
    Er versuchte
    ,
    seine Augen zu öffnen, was ihn
    Papier:
    einiges an Anstrengung kostete. Losgelöst von jeglicher Erinnerung, die ihm etwas über seinen momentanen Aufenthaltsort verraten hätte
    : und was tun die Instrumente?
    , geschweige dessen
    ,
    was sich ereignet hatte
    „geschweige dessen, was sich ereignet hatte“: hier verfangen Sie sich in sprachlichen Stelzungen
    gab es nichts weiter als den einen Gedanken, der sich fest in seinem Körper einprogrammiert hatte und den er immer wieder wie eine Beschwörungsformel wiederholte. Die Route ist vorgegeben. Die Route ist vorgegeben … Von weitem hörte er Schritte
    Schritte? Ich denke, er sitzt in einem Fluggerät?
    , er wusste, würden sie ihn holen
    ,
    würde auch dieser Gedanke
    ja, aber w e l c h e r Gedanke?
    nach und nach verschwinden
    ,
    bis er eine blasse Erinnerung
    auch nur gestanzt: „blasse Erinnerung“
    geworden und der jetzigen Gegenwart, nach der er so angestrengt suchte
    ,
    gewichen war.
    Aber der Sinn dieses Satzes ist unklar zudem; was an der ziemlich verdrehten Grammatik liegt.

  40. canexxs | May 7, 2008 at 6:05 am | Permalink

    sag ich noch dazu . die rhythmik könnte alles andere als gut sein.
    fragt sich bloss welche ?
    ( ad niteflite - nachtflöte - readAn - ecrivienne

  41. canexxs | May 7, 2008 at 6:10 am | Permalink

    ja ich seh das irgendwie, readAn zieht permanent vor.
    naja, für mich kein probem.
    so was wie ne mediale sache.
    germanistik

  42. canexxs | May 7, 2008 at 6:17 am | Permalink

    naja germanistik hat was mit den germanen zu thun, nicht ?
    und nicht mit den germanistinnen.
    die gehen in die therapie, um gestärkt daraus hervorzugehen.
    gestärkt für das germanenthum.
    jetzt hab X aber endlich mal begriffen.

  43. canexxs | May 7, 2008 at 6:20 am | Permalink

    weil sie sich besser fühlen müssen.

  44. canexxs | May 7, 2008 at 6:23 am | Permalink

    a kind of supervisionism.
    a kinda.
    berliner kindl.
    mehrsprachig - multilingual.
    seifig.
    attraktiv.
    nachtflug - mein beitrag.
    niteflite forever.
    über allem.

  45. canexxs | May 7, 2008 at 6:28 am | Permalink

    u are so subconcious with yer words of sighs.
    bye bye, junimond, buy buy
    boy

  46. ANH | May 7, 2008 at 7:19 am | Permalink

    @ maudit zu Nachtflug.

    Details einer Kaffeehausrunde: ein borstiges Muttermal, dunkle Bartstoppeln, vorsprießende Bäuche, rougebeschmierte Wangen, schwarzrandige
    „schwarzrandig“: sprachlich unschön
    Fingernägel, die
    nachstellen:
    im schwiemeligen Schein der Straßenlaterne fettig glänzen.
    Es gibt hier aber das Problem, daß „Kaffeehausrunde“ eigentlich nicht eine Straßenlaterne assoziieren läßt. Sie brauchen erzählerisch etwas, das beide Begriffsfelder legiert. Aber weiter! Mit Metaphern wie der folgenden prinzipiell vorsichtig umgehen, wenngleich diese hier etwas h a t:
    In der Verbrauchtheit eines unentschlossenen Abendhimmels wirkte alles,
    dafür ist das nächste Bild zu abgenutzt, als daß man nicht versuchen müßte, denselben Inhalt in eine andere Formulierung zu bringen; das läßt sich machen, indem Sie konkretisieren, nämlich Okular gegen Objektiv stellen; probieren Sie einfach mal etwas herum:
    als betrachtete man es durch ein umgekehrtes Fernglas.
    Den nächsten Satz müßten Sie ästhetisch noch legitimieren, das kommt zu unvermittelt; vielleicht wäre aber d a s genau das Bindemittel von Kaffeehaus und Straßenlaterne:
    Ich bin ein Schlenderer durch nächtliche Gassen,
    der Relativsatz, zumal s o, ist ungelenkt:
    die alsbald nur noch bevölkert werden von windverwehten Zeitungsfetzen, überschwemmten Kanaldeckeln, blankgetretenen Trottoirs, in denen sich der Mond bespiegelt.

    Zählen Sie einfach auf, erzählen Sie einfach auf. Etwa so:

    Ich bin ein Schlenderer durch nächtliche Gassen. Überschwemmte Kanaldeckt, blankgetretene Trottoirs. In denen spiegelt sich Mond.

    An einem Nachbartisch erhebt sich gerade ein Kerl mit ausladendem Kreuz

    was l ä d t das Kreuz denn aus? Vorsicht vor unbeabsichtigter Komik!

    , wirft dabei einen Stuhl um und

    nicht psychologisieren:
    schert sich nicht darum.
    Lassen Sie ihn woanders hinsehen, so etwas, aber nicht von der Autorseite aus anfangen, etwas zu erklären, was der Autor, zumal in einer Ich-Erzählung, nicht wissen kann.
    “Mit Verlaub!” möchte man ausrufen und
    die (?)
    übereilte Präambel mutig fortsetzen, doch
    auch nicht schön:
    die achtungsgebietende Statur
    und nicht kalauern:
    läßt den Speichelfluß versiegen,
    o h n e „höchstens“ fortsetzen:
    man räuspert sich, hüstelt und schaut
    „gedankenvoll“ auch weg; weil schon das Wort ohne Konkretisierung gedankenlos ist:
    zur Seite.
    D a s ist jetzt wieder sehr schön:
    Meine Mutter verachtete meinen Mangel an Mannhaftigkeit.
    Um
    (M)mich abzuhärten gegen das Leben, steckte sie mich in einen
    „mit“/“mit“ vermeiden:
    mit eisigem Wasser gefüllten Zuber und schrubbte meinen Rücken mit einer Wurzelbürste rot und striemig. Noch heute wache ich manchmal unter asthmatischem Keuchen auf.
    D a v o n? Herleiten!
    Meist steht der Mond
    schön!:
    dann groß und voll am Himmel und der Schatten des Fensterkreuzes
    unschön, weil abgenutzt:
    scheidet Traum von Wirklichkeit.
    N o c h unschöner:
    Gar
    Lassen Sie sowas bleiben, es wirkt nur Ulkig, und man glaubt dann das Geschehen nicht mehr.
    Traumgleiches trägt sich nun zu: Ein Kerl, mehr Golem als Mensch, der einem andern das Kinn zerhaut,
    Jetzt lassen Sie auch die Energie des Formulierens durchhängen:
    darauf dieser bühnenreif durchs Lokal scheppert.
    Hier wird’s wieder besser:
    Ein verstohlener Zuschauer, der an nervösem Husten leidet. Eine Sommerbrise, die durch die Gassen eilt und uns verdreht.
    Ich stehe noch im Bann meiner traumatischen
    Wieso „traumatisch“? Bitte verwenden Sie die Wörter exakt. W e n n das mit dem Zuber ein Trauma ausgelöst hat, und wenn der Autor das weiß, darf er auf keinen Fall eine Abwehrbewegung in den Text bringen. Die Laxheit der Formulierungen zuvor und ihr Gewitzel s i n d aber Abwehr.

    Erinnerung,
    auch das ist nur-so-hinformuliert:
    als aus dem Handgemenge ein Knäuel kräftig geschwungener Hände, Fäuste, Aschenbecher, Stuhlbeine und so weiter geworden ist.
    Altklug und sagt imgrunde nichts:
    Klammheimlichkeit ist ein Spezialtalent aller Nomaden der Großstadt, und so bin ich schon
    klammheimlich?
    auf und davon.
    Blieben zurück: drei unbezahlte Gläser mit nun schalem Bier
    : einfacher: „drei unbezahlte schale Biere“ - denn Sie würden ja wohl nicht auch die Gläser-selbst bezahlen…
    Trümmer, Splitter, Fetzen, die der Wind bereits vom Tisch herunterwischt
    : das Bild funktioniert nicht, weil der Wind das L e i c h t e ergreift, dieses Leichte aber eigentlich für die Aufmerksamkeit (Imagination) des Lesers keine Rolle mehr spielt, wenn doch zugleich T r ü m m e r (!!!) herumliegen
    , um sie in die sich entleerenden Straßen zu wehen. Blaue Augen, gebrochene Nasen, zersprungene Lippen.
    Das ist jetzt, als Resümee, wieder schön:
    In rauhen Zeiten leben wir. In der Nachtstille, manchmal, hören wir den Erdball kreiseln
    „kreiseln“ ist sicher n i c h t das richtige Wort
    . Und ein kurzzeitiges Aussetzen der Schwerkraft läßt die Passanten eine Handbreit über dem Asphalt schweben.
    Feiner Abschluß.

  47. ANH | May 7, 2008 at 7:29 am | Permalink

    @cannexx (Kannichts):
    Wenn Sie mir sagen, welcher Ihrer Beiträge Ihr Text-Beitrag ist, kann ich auch darauf eingehen. Ansonsten gilt auch für mich: Kannichts… - wobei gegen Spott nichts zu sagen ist, nur läßt er sich nicht (und s o l l t e sich auch nicht lassen) lektorieren.

  48. gormenghast | May 7, 2008 at 2:03 pm | Permalink

    canexxs ist der spammer knotscher95, den man ja leider aus ihrem blog kennt. der bub scheint einen schweren dachschaden zu haben, den er nun auch noch hier ausleben möchte. na ja, soll er, man muss ihn ja nicht lesen. er hat hier keinen beitrag oder text geschrieben, auf den sie, anh, eingehen müssten. er kommentiert nur wirr.

  49. read An | May 7, 2008 at 6:22 pm | Permalink

    Zartes Anwandlungsladida
    Knos, was los-
    gelöst im Stübchen?
    permanent psycho-Ma(r)keUP-therapie
    nein danke, nicht für mich.

    Schreib was gescheit´s - mit 40+ Mann! und
    lass dir nen Bart wachsen, die schnauzen präziser!

  50. canexxs | May 11, 2008 at 1:44 am | Permalink

    naja vielleicht ist nachtflug auch eher was für niteowls.

  51. Mathis Erml | May 13, 2008 at 10:14 pm | Permalink

    Nachtflug.

    El último rincón del mundo. Archipiélago. Bahía aventura.
    Dezember 1930. Antonio und Pietro lösen das Tau, setzen ab.
    Das Boot erreicht die offene See, es folgt den chanos.

    Rückenflossen ziehen Furchen, zahnlose Haie.
    Der Nacht folgt der Sturm, Wasserburgen stürzen ein.

    Antonio: was lohnt der Fang?
    Pietro: einen neuen Morgen.
    Leuchtrakete. Uferlos im Dunkelblau.

    Ein Flugzeug durchbricht die Wolkendecke,
    das Boot folgt in die Tiefe.

    An ANH.
    Ihre Ratschläge für eine sinnvolle Wahl der Zeilenordnung will ich gerne annehmen. Die erste Strophe wird so zu einer Exposition, der Absatz als nicht willkürlich empfunden. Trenne ich den letzten Vers mit einem Punkt, gebe ich ein Hauptmotiv meines Gedichts auf, die Textausdeutung, indem der Zeilenumbruch sozusagen den Weg in die Tiefe einleitet, will ich aber beibehalten, wähle so eine Komma.
    Das „denn“ des fünften Vers’ habe ich ausradiert. (keineswegs beharre ich darauf, wollte diesem schönen Wort vielmehr eine Chance geben, sich zu beweisen.)
    Die Nacht, ja, die Wiederholung hat mich von Anbeginn gestört. In voranstehender Fassung habe ich ein sinnliches „Dunkelblau“ gewählt um das für den achten Vers notwendige Destillat zu erhalten. Für sich selbst klingt es vollkommen: Dunkelblau. Ob es aber in diesem Text zu erhaben klingt? Ja: schließt damit die dritte Strophe, isoliert mit der entstehenden Daktylus-Kadenz die letzten beiden Verse zu einem ‚Schluss’. Nein: die Leuchtrakete nimmt nicht mehr am Dialog Antonios und Pietros teil. Wird nur noch gezündet, offenbart ein Dunkelblau, wo sonst nur Nacht ist. Überflüssig eigentlich, ein bisschen kitschig beinah. Oder lohnt das Bild?

    Anbei. Wann sind Sie wieder in Heidelberg?

  52. ANH | May 14, 2008 at 11:35 am | Permalink

    @Mathis Erml.

    Das ist jetzt s e h r schön geworden!

    (Wegen des nächsten Heidelberg-Termins hab ich gerade eine Mail geschrieben. Wahrscheinlich wird es der 12. Juni werden.)

  53. sirenomele | May 15, 2008 at 7:34 pm | Permalink

    … damals war sie zu müde, um zu arbeiten oder sie hatte zuviel getrunken, um zu schlafen, oder sie hatte nicht genug getrunken, sie hatte zu viel oder zu wenig cola auf einen cold turkey geschüttet, überhaupt: zu wenig coffein. also ging sie jeden abend hinaus und wünschte, dass ihr die nacht ins gesicht wachsen würde oder aus dem gesicht heraus: aus den augen, kilometerlang, dumpf und trocken wie gesponnene asche - sie biss in die strähnen ihres haars, ging von einem ende der stadt zum anderen und versuchte, sich an etwas zu erinnern oder etwas sagbares zu finden; es gab da in allem ein loch, eine erfrierung oder ein brennen -, eine sehnsucht, oder mehr noch eine wut, die ursprünglicher war, als das singen alter lieder, greifbarer als gott, jenseitiger als farben, lust. ihr körper, hätte man ihn berührt, hätte man ihn an sein alter erinnert und an die gegenwart, er würde angefangen haben, zu rasen, er wäre, anstatt auf papier, mehr noch ein schriftzug in der luft gewesen, vernichtend, schneller als licht, finsterer als teer -

    sie ging auf einen berg am rand der stadt, spürte die zu einem riesenhaften dunklen see angeschwollenen schallwellen aus den straßenschluchten in ihrem bauch und hielt ihre pochenden augen gegen die fernen straßenlampen, um sich nicht zu verlieren. sie schrieb -, auf beton mit den hacken: puck - puck - - puck puck - - - - puck, drückte den brustkorb so weit es ging nach vorn, drehte die oberarme mit der unterseite nach hinten, zog sehr langsam die schlüsselbeine höher und hob die arme mit den ellenbogen nach oben; die hände waren gespannt, leicht gespreizt und die finger gebogen, so als hätte sie mit daumen und mittelfinger etwas an seiner spitze greifen wollen - dann riss sie das kinn hoch und die schulterblätter zusammen, dass die arme sich hinter dem kopf fast berührten. das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die uhr eines kirchenturmes in jerez, in der mittagssonne, die stillsteht.

  54. ANH | May 16, 2008 at 6:38 am | Permalink

    Zu sirenomeles Nachtflug:

    Eine feine Meditation, dieser Text. Er braucht aber Erzählfleisch, damit er sich nicht „verabstrahiert“. Im einzelnen:

    … damals war sie zu müde
    [gewesen]
    , um zu arbeiten oder sie hatte zuviel getrunken, um zu schlafen, oder sie hatte nicht genug getrunken,
    sie streichen
    hatte zu viel oder zu wenig cola auf einen cold turkey geschüttet, überhaupt: zu wenig coffein.
    „also“ vielleicht besser: „deshalb“ ging sie jeden abend hinaus.
    Jetzt direkter werden. Vorschlag, etwas zu spielen: Wüchse ihr nicht die Nacht ins Gesicht, nicht aus dem Gesicht heraus?
    aus den augen, kilometerlang, dumpf und trocken wie gesponnene asche - s[S]ie biss in die strähnen ihres haars, ging von einem ende der stadt zum anderen und versuchte, sich an etwas zu erinnern oder etwas sagbares zu finden
    „etwas Sagbares“ ist unschön, rein abstrakt; und dann gleich wieder direkt einsetzen:
    „in allem gab es ein erfrieren“
    „erfrieren“ ist stärker als das abstrakte „Erfrierung“
    nicht „oder“, sondern einKomma! An der Sache bleiben!
    ein brennen -,
    das war
    eine sehnsucht,
    war
    eine [Art] wut, die ursprünglicher war, als
    „das singen alter lieder“ : Nominalisierungen vermeiden
    „alte Lieder zu singen“, [und war] greifbarer als gott, jenseitiger als
    das klappert:
    farben, lust. ihr körper, hätte man
    ihn
    : wer ist hier das Subjekt?
    berührt, hätte man ihn an sein alter erinnert und an die gegenwart, er würde angefangen haben
    „würde angefangen haben“: Nee! Sondern „hätte angefangen
    : , zu rasen, er wäre, anstatt auf papier, mehr noch ein schriftzug in der luft gewesen,
    wen? [das braucht es, sonst zerflattert das abermals im Abstrakten]
    vernichtend, schneller als licht, finsterer als teer -
    „finsterer als Teer“: Das ist s e h r schön!
    sie ging auf einen berg am rand der stadt
    besser, wenn Sie den Berg benennen. Ganz wichtig: immer konkretisieren.
    , spürte die zu einem riesenhaften dunklen see angeschwollenen schallwellen
    auch schön, Alliteration: „angeschwollenen Schallwellen“, prima, wirklich
    aus den straßenschluchten in ihrem bauch und hielt ihre pochenden augen gegen die fernen straßenlampen, um sich nicht zu verlieren. sie schrieb -, auf beton mit den hacken: puck - puck - - puck puck - - - - puck, drückte den brustkorb so weit es ging nach vorn, drehte die oberarme mit der unterseite nach hinten, zog sehr langsam die schlüsselbeine höher und hob die arme mit den ellenbogen nach oben
    Hier nun wäre statt des Semikolons ein einfacher Punkt besser
    ; die hände waren gespannt, leicht gespreizt und die finger gebogen, so als hätte sie mit daumen und mittelfinger etwas an seiner spitze greifen wollen
    Und jetzt nicht mit „dann“ anschließen, sondern in der Erzählung a l s Erzählung bleiben:
    [Sie riß] das kinn hoch und [zog] die schulterblätter zusammen, [so] dass die arme sich hinter dem kopf fast berührten. das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die uhr eines kirchenturmes in jerez, in der mittagssonne, die stillsteht.

  55. read An | May 16, 2008 at 4:12 pm | Permalink

    Er hätte noch Stunden weiterfliegen können, die Nacht als Windschatten im Schlepptau hinter sich herziehend, ein sich ausbreitender Schleier, der die Silhouetten der Städte, Wälder und Gebirge sanft ineinander überfließen lässt. Kein blickbegrenzender Horizont, nur der narkotisierende Äther der Nacht, ein wirksamer Schmerzbetäuber, von dem er nur zu gerne eine Überdosis genommen hätte.
    Für einen kurzen Moment fragte er sich was seine wirklich verwundbarste Stelle war. War er überhaupt noch verwundbar? Ging es letztendlich nicht nur noch darum? Wieso nicht aufgeben und niederknien vor der jämmerlichen Anstrengung wieder und wieder Zeit zu schinden. Er fing an zu frieren. War es soweit? Hatten sie ihn eingeholt? Wie lange waren sie ihm schon gefolgt? Er fühlte den kalten monströsen Schauer im Nacken, spürte, wie sich jedes einzelne Haar an seinem Körper aufstellte, wie bei einer wilden Kreatur, die man umzingelt hatte. Nur wäre es kein Kampf auf Augenhöhe, kein Kampf um eine Rangentscheidung, es wäre überhaupt kein Kampf, denn Die kämpfen nicht. Sie sind die Überlegenen, nicht das Alphatier, nicht der Dompteur, sie sind die Administrative, universelle Phagozyten eines wuchernden Systems, in dem der Mensch der Fremdkörper ist. Er kannte sie genau, er hatte sie mitentwickelt. Man blickt in weiße gallertartige Gesichtsschablonen ohne Mimik, die ihre Informationen über Schläuche am Hinterkopf austauschen. Sterile Prototypen ohne Geschlecht. Künstliche Schaltkreise aus Silizium, nervenzelluläre Photovoltaik-Sonnenanbeter. So etwas braucht keinen Ausdruck. Zu spät! Sie waren auf seinem Radar aufgetaucht. Sie hatten ihn eingeholt. Die Instrumente spielten verrückt, es schien ein magnetisches Störsignal zu sein, das sie ihm gesendet hatten. Er konnte noch die ersten warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht spüren als er zur Landung ansetzte. Die unerbittlich voranschreitende Morgendämmerung kam ihm vor wie ein schlechter Maler, der glaubt er könne die Wirklichkeit durch scharfe Konturen abzeichnen. Wieder Boden unter den Füßen verließ er sein Cockpit und lief in vollem Bewußtsein dem Tag, sich selbst und dem Helikopterschwarm, der vor ihm am Horizont auftauchte entgegen…

    JA, die Überlegung zu diesem Text stammt aus dieser Diskussion. Mir fällt es leichter eine Idee aus einer Kommunikationssituation heraus zu entwickeln. Da ich vorher nicht genau auf das Wesen der Bedrohung eingegangen bin, was nun wirklich nicht unwichtig ist, habe ich mir die Freiheit genommen die Geschichte ein wenig umzuschreiben, erstens um den vorgegebenen Rahmen nicht zu sprengen und zweitens weil sie durch das Beschreiben der Bedrohung konkreter wird, weshalb ich dann auch die ursprüngliche Idee des Traumsegments fallen gelassen habe.

  56. ANH | May 20, 2008 at 11:10 am | Permalink

    Zu read Ans Nachtflug.

    Solche Texte brauchen mehr Sinnlichkeit, das heißt 1) sie müssen konkreter sein, 2) die Konkretheit darf sich aber nicht verdinglichen lassen, da muß etwas Konkretes sein, das zugleich unfaßbar ist, sonst haben Sie das Problem, daß man den Text als Text-als-Parabel liest, w e i ß (zu wissen glaubt), es sei eine Parabel – und schon ist seine Kraft dahin, bzw. kommt nur bei solchen an, die eine ähnliche Welt- und Befürchtungssicht haben. Übrigens ist das das Problem fast aller „aufklärerischen“ Belletristik. Erreicht werden müßte etwas andere: Die Bedrohung kriecht in den Leser hinein, indem sie ihm keine Deutungshoheit läßt; Kafka ist ein enorm gutes Beispiel dafür, wie man so etwas schreiben kann. Ich selbst habe mich u. a. >>>> hiermit daran versucht; vielleicht läßt sich daraus lernen.
    Oder aber, Sie erzählen eine konkrete Geschichte, geraten dann aber ins Risiko der U-Literaturen, die gelesen wird, damit man Spannung und Entspannung erfährt: Literatur als Vademecum. Wenn Sie das nicht möchten (was möchten Sie?), muß in Ihrem Text ein Geheimnis sein, das nicht Sie selbst hineingetan haben, sondern das sich aus der Arbeit selbst ergibt und zu einem signifikanten Teil auch Ihnen selbst geheimnisvoll bleibt. Erst dann nämlich kann Interpretationsarbeit sinnvoll werden; in allen übrigen Fällen ist die Arbeit keine des Interpretierens („Deutens“), sondern eine der Entschlüsselung. Das ist ein ontologischer Unterschied.

    Aber im Einzelnen:

    Er hätte noch Stunden weiterfliegen können, die Nacht als Windschatten im Schlepptau
    : das ist egentlich verdoppelnd, Windschatten und Schlepptau; und d a s verdoppelt nochmals:
    hinter sich herziehend, ein sich ausbreitender
    „sich ausbreiternder“ ist unschön
    Schleier, der
    „die Silhouetten der“ streichen
    Städte, Wälder und Gebirge sanft ineinander überfließen
    :eigentlich auch verdoppelt, „überfließen“ dürfte langen
    lässt. Kein
    unschön:
    blickbegrenzender
    zumal der
    Horizont
    denm Block sowieso begrenzt
    , nur der narkotisierende Äther
    : abermals eine Verdopplung
    der Nacht
    und: vermeiden Sie Genitivmetaphern; w e n n Sie eine verwenden, muß sie vor lauter Evidenz wie ein Schlag vor die Stirn sein, man darf gar nicht m e r k e n, daß es ein ist
    , ein wirksamer Schmerzbetäuber
    „Schmerzbetäuber“, hm
    , von dem er nur zu gerne
    „nur zu gerne“ banalisiert, das ist ineffektiv für Ihren Spannungsaufbau
    eine Überdosis
    und wozu „über“?
    genommen hätte.
    Für einen kurzen Moment
    Momente s i n d kurz; idiomatische Banalität
    fragte er sich
    ,
    was seine wirklich verwundbarste
    verwundbar, verwundbarer, am verwundbarsten… mit „wirklich“ gekoppelt, ist das auch keine sonderlich elegante Lösung
    Stelle war.
    Und jetzt fällt man aus dem Erzählfluß:
    War er überhaupt noch verwundbar?
    Zumal die nächste Frage eine Vorgeschichte anklingen läßt, für die die Frage selbst keine genügende Aura hat:
    Ging es letztendlich nicht nur noch darum? Wieso nicht aufgeben und
    das verstehe ich jetzt rein inhaltlich nicht:
    niederknien vor der jämmerlichen Anstrengung wieder und wieder Zeit zu schinden.
    Man kniet vor einem Gott nieder, aus Achtung, aus Demut. Das „jämmerlich“ paßt hier nicht. Oder Sie wollten etwas ganz anderes sagen.
    Er fing an zu frieren. War es soweit? Hatten sie ihn eingeholt?
    Müßte erzählt werden: Wann immer d i e s e r Feind erscheint, kündigt sich das durch Frieren an – so, wie >>>> Leverkühn, bevor der Teufel sein Gespräch mit ihm beginnt, einen kalten Wind im Zimmer verspürt. Thomas Mann läßt ihn sich dann ein Plaid über die Knie legen. Das wird, wichtig!, nicht als Metapher erzählt!
    Wie lange waren sie ihm schon gefolgt?
    : Man möchte meinen, er s e i doch auf der Flucht gewesen, wieso dann diese Frage?
    Er fühlte den
    Vorsicht vor U-Literaturen:
    kalten monströsen Schauer im Nacken, spürte,
    banales, viel zu abgegriffenes Bild; wenn Sie’s verwenden, müssen Sie eine neue Form dafür finden, irgend etwas, das aus dem Bild hinausspringt, es verfremdet:
    wie sich jedes einzelne Haar an seinem Körper aufstellte, wie bei einer wilden Kreatur
    Sie meinen „Katze“, schreiben aber Kreatur, obwohl man sofort das Bild der Katze h a t; das kriegen Sie durch „Kreatur“ nicht weg
    , die man umzingelt hatte. Nur wäre es kein Kampf auf Augenhöhe, kein Kampf um eine Rangentscheidung
    „Rangentscheidung“ ist eine ziemliche papierene Wortwahl
    , es wäre überhaupt kein Kampf,
    „denn“ streichen
    Die kämpfen nicht.
    Das Folgende, durch abstrahierende Überbestimmung, verwässert das Bild, das sich ein Leser machen könnte:
    Sie sind die Überlegenen, nicht das Alphatier, nicht der Dompteur, sie sind die Administrative, universelle Phagozyten eines wuchernden Systems,
    und das jetzt wird Öko-Klage, dafür müssen Sie ebenfalls etwas anderes finden:
    in dem der Mensch der Fremdkörper ist.
    Das brauchte eine Ausführung, die am besten schon weiter oben, ohne scheinbaren Zusammenhang, vielleicht nur als Typisierung, auftauchen würde:
    Er kannte sie genau, er hatte sie mitentwickelt.
    Jetzt wieder Vorsicht, das ist SF-Standard in der C-movie-Kategorie:
    Man blickt in weiße gallertartige Gesichtsschablonen ohne Mimik, die ihre Informationen über Schläuche am Hinterkopf austauschen.
    Wertungen vermeiden!, die Wertung nimmt Angst weg:
    Sterile Prototypen ohne Geschlecht. Künstliche Schaltkreise aus Silizium, nervenzelluläre Photovoltaik-Sonnenanbeter.
    Dito:
    So etwas braucht keinen Ausdruck.
    Und dieser Ruf wird kindlich; so etwas zwingt Ihren Text in die Knie:
    Zu spät!
    Zumal das dann fast komisch ist:
    Sie waren auf seinem Radar aufgetaucht. Sie hatten ihn eingeholt.
    Und abermals eine vermeidbare Stanze:
    Die Instrumente spielten verrückt, es schien ein magnetisches Störsignal zu sein
    :wie???? daß die Instrumente verrückt spielen, ist ein magnetisches Störsignal? Nein, das ist ungenau. Sie spielen verrückt, weil ein magnetisches Störsignal das auslöst. Bitte genau in Grammatik und Semantik sein.
    , das sie ihm gesendet hatten.
    ABSATZ!!!!! AM BESTEN DREI LEERZEILEN (Dramaturgie: Wie strukturiere ich einen Text?)
    Er konnte noch die ersten warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht spüren
    ,
    als er zur Landung ansetzte. Die unerbittlich voranschreitende Morgendämmerung
    eigentlich meinen Sie ja mit „unerbittlich“ den Feind, oder? Zumindest müßte diese Vermenschlichung ausgeführt, bzw. durch den Text in sich selbst gebunden sein
    kam ihm vor wie ein schlechter Maler, der glaubt
    ,
    außerdem funktioniert das Bild nicht
    er könne die Wirklichkeit durch scharfe Konturen abzeichnen. Wieder Boden unter den Füßen verließ er sein Cockpit
    : erst hat er Boden unter den Füßen u n d d a n n steigt er aus? Wie das?
    und lief
    „in vollem Bewußtsein“ ist restlos unnötig
    dem Tag, sich selbst und dem Helikopterschwarm, der vor ihm am Horizont auftauchte entgegen…
    Wieso „sich selbst“? Wieso wieder metaphorisiert? Oder i s t der Feind er selbst? Das bräuchte dann aber ebenfalls Rückbindung.

  57. sirenomele | May 21, 2008 at 11:01 pm | Permalink

    ((man hat hier das gefühl, man müsste pfeile zeichnen, um die bezüge wenigstens in dieser weise klar zu machen. absurde linearität hier.) - ich danke für die korrekturen, sie waren für mich recht einsichtig. ich habe sie, so oft es ging beachtet. an einigen punkten wollte ich nichtsdestotrotz einen bestimmten rhythmus, klang, eine bedeutungsnuance oder ein tempo nicht hergeben. im ganzen hoffe ich, dass ich ihnen, so weit es ging, entgegenkommen konnte und der text insgesamt etwas klarer und fleischiger geworden ist. - bemerkenswert, eigentlich geht es hier sogar um das fehlen von “fleisch” und der sinne. - der text heißt jetzt:)

    marta

    … dauernd war sie zu müde, um zu arbeiten oder sie hatte zuviel getrunken, um zu schlafen, oder hatte nicht genug getrunken, hatte zu viel oder zu wenig cola auf einen cold turkey geschüttet, überhaupt: zu wenig coffein. jeden abend ging sie hinaus und wünschte, dass ihr die nacht ins gesicht wachsen würde oder aus dem gesicht heraus: aus den augen, kilometerlang, dumpf und trocken wie gesponnene asche - sie biss in die strähnen ihres haars, lief von einem ende der stadt zum anderen und versuchte, sich an etwas zu erinnern -, die dinge schienen im innersten erfroren zu sein von einer maßlosen traurigkeit, einer wut oder einer sehnsucht, greifbarer als gott, diesseitger als farben, ursrünglicher als die stimmen der gitanos. hätte man den körper dieses mädchens berührt, hätte man ihn an sein alter erinnert und an die gegenwart, er hätte angefangen, zu rasen, er wäre, anstatt auf papier, mehr noch ein schriftzug in der luft gewesen: vernichtend, schneller als licht, finsterer als teer -

    sie schlug den weg in richtung gaiberg ein und blieb stehen auf einer straße, die quer durch die weinberge führte. hier oben nur ein fernes dröhnen - in ihrem bauch vibrierten die zu einem riesenhaften dunklen see angeschwollenen schallwellen der stadt und sie hielt ihre pochenden augen gegen die kleinen lichter der straßenlampen, um sich nicht zu verlieren. sie fing an -, sie schrieb -, auf beton mit den hacken: puck - puck - - puck puck - - - - puck, drückte den brustkorb so weit es ging nach vorn, drehte die oberarme mit der unterseite nach hinten, zog sehr langsam die schlüsselbeine höher und hob die arme mit den ellenbogen nach oben. die hände waren gespannt, leicht gespreizt und die finger gebogen, so als hätte sie mit daumen und mittelfinger etwas an seiner spitze greifen wollen. plötzlich warf sie das kinn hoch und riss die schulterblätter zusammen, so dass die arme sich hinter dem kopf fast berührten -

    das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die uhr eines kirchturmes in jerez, in der mittagssonne, die stillsteht.

  58. ANH | May 22, 2008 at 9:44 am | Permalink

    Zu sirenomeles 1) Bemerkung 2) Marta

    ((man hat hier das gefühl, man müsste pfeile zeichnen, um die bezüge wenigstens in dieser weise klar zu machen. absurde linearität hier.)
    Das liegt einfach daran, daß Sie sich entweder noch nicht, wie das Heidelberger System es vorsieht, korrekt registriert haben, oder aber etwas funktioniert hier immer noch nicht. Ich hoffe, daß bei unserer nächsten realen Sitzung am 13. 6. Herr Neef dabeisein kann, der das Programm verwaltet. So daß wir das endlich auf die Reihe kriegen. Denn eigentlich sollten Heidelberger Studenten ihre Texte als B e i t r ä g e einstellen können und nicht als Kommentar, wir das für Gäste vorgesehen ist. Unter solchen Beiträgen stünden dann immer nur Kommentare, die sich direkt auf den eingestellten Text beziehen.

    Zu Ihrer Neufassung, die mir sehr gefällt, also zu Marta:

    … dauernd war sie zu müde, um zu arbeiten
    ,
    oder sie hatte zuviel getrunken, um zu schlafen, oder hatte nicht genug getrunken, hatte zu viel oder zu wenig cola auf einen cold turkey geschüttet, überhaupt: zu wenig coffein. jeden abend ging sie hinaus und wünschte, dass ihr die nacht ins gesicht wachsen würde oder aus dem gesicht heraus: aus den augen, kilometerlang, dumpf und trocken wie gesponnene asche - sie biss in die strähnen ihres haars, lief von einem ende der stadt zum anderen und versuchte, sich an etwas zu erinnern -, die dinge schienen im innersten erfroren zu sein von einer maßlosen traurigkeit
    : in diesem „Maßlosen“ der „Traurigkeit“ steckt die Wut eigentlich schon drin, das ist hier eine, aber nur leichte redundfanz:
    , einer wut oder einer sehnsucht, greifbarer als gott, diesseitiger als farben, ursprünglicher als die stimmen der gitanos. hätte man den körper dieses mädchens berührt, hätte man ihn an sein alter erinnert und an die gegenwart, er hätte angefangen, zu rasen,
    der folgende Satz ist unklar: inwiefern ist der Körper auf Papier?::
    er wäre, anstatt auf papier, mehr noch ein schriftzug in der luft gewesen:
    „vernichtend“ ist unschön und für „schneller als licht“ brauchen sie, gerade wegen der unmittelbaren Nachbarschaft ein ähnlich starkes Bild wie:
    finsterer als teer -
    sie schlug den weg in richtung gaiberg ein und blieb
    „stehen“ nachstellen, es wird dann flüssiger:
    auf einer straße STEHEN, die quer durch die weinberge führte. hier oben
    Wenn Sie hier das Satzprädikat weglassen, irritiert das.
    nur ein fernes dröhnen - in ihrem bauch vibrierten die zu einem riesenhaften dunklen see angeschwollenen schallwellen
    : problematisch, weil man die Stadt selber als dunkeln See sieht, derart mächtig ist das Bild; wenn Sie das dann auf so etwas Abstrates wie Schall- zumal -wellen verschieben, geht Ihnen der Ausdruck kaputt
    der stadt und
    mit sowas gaaaaanz vorsichtig sein, um unfreiwillige, sich durch Konkretisierung herstellende Komik zu vermeiden (nehmen Sie Ihren Ausdruck mal wörtlich…)
    sie hielt ihre pochenden augen gegen die kleinen lichter der straßenlampen, um sich nicht zu verlieren. sie fing an -, sie schrieb -, auf beton mit den hacken: puck - puck - - puck puck - - - - puck, drückte den brustkorb so weit es ging nach vorn, drehte die oberarme mit der unterseite nach hinten, zog
    „sehr“ würde ich streichen
    langsam die schlüsselbeine höher und hob die arme mit den ellenbogen nach oben. die hände waren gespannt, leicht gespreizt und die finger gebogen, so als hätte sie mit daumen und mittelfinger etwas an seiner spitze greifen wollen. plötzlich warf sie das kinn hoch und riss die schulterblätter zusammen, so dass die arme sich hinter dem kopf fast berührten -
    das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die uhr eines kirchturmes in jerez, in der mittagssonne, die stillsteht.

  59. sirenomele | June 2, 2008 at 9:47 pm | Permalink

    … dauernd war sie zu müde, um zu arbeiten, oder sie hatte zuviel getrunken, um zu schlafen, oder hatte nicht genug getrunken, hatte zu viel oder zu wenig cola auf einen cold turkey geschüttet, überhaupt: zu wenig coffein. jeden abend ging sie hinaus und durchkreuzte die viertel, als würde sie sich selbst auf einer kompassnadel entgegenlaufen, als müsste sie sich auf schritt und tritt noch begegnen. und sie wünschte, dass ihr die nacht ins gesicht wachsen würde oder aus dem gesicht heraus: aus den augen, kilometerlang, dumpf und trocken wie gesponnene asche - sie biss in die strähnen ihres haars, lief von einem ende der stadt zum anderen und versuchte, sich an etwas zu erinnern; aber die dinge schienen im innersten erfroren zu sein, verbrannt, ausgelöscht, durch eine maßlose wut. hätte man den körper des mädchens berührt, hätte man ihn an sein alter erinnert und an die gegenwart, er hätte angefangen, zu rasen. und eine bewegung hätte sich gelöst wie ein schriftzug ins vakuum - lautlos und absolut -, gleißender als licht, finsterer als teer -

    sie schlug den weg in richtung gaiberg ein und blieb auf einer straße stehen, die quer durch die weinberge
    führte. die luft bebte wie von einer nahen brandung; unter ihr lag die stadt wie ein dunkler see riesenhafter wellen aus schall und sie hielt den blick geradeaus um sich nicht zu verlieren. sie schrieb -, auf beton mit den hacken: puck - puck - - puck puck - - - - puck, sie drückte den brustkorb, so weit es ging, nach vorn, drehte die oberarme mit der unterseite nach hinten, zog langsam die schlüsselbeine höher und hob die arme mit den ellenbogen nach oben. die hände waren gespannt, leicht gespreizt und die finger gebogen, so als hätte sie mit daumen und mittelfinger etwas an seiner spitze greifen wollen. plötzlich warf sie das kinn hoch und riss die schulterblätter zusammen, so dass die arme sich hinter dem kopf fast berührten -

    das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die uhr eines kirchturmes in jerez, in der mittagssonne, die stillsteht.

  60. ANH | June 4, 2008 at 7:51 am | Permalink

    Zur Weiterbearbeitung von sirenomeles nachtflug
    Es gefällt mir sehr, wie und daß Sie (Sie alle) an Texten weiterarbeiten und sie nicht aufgeben. Die Resultate lohnen den Aufwand in der Tat.

    … dauernd war sie zu müde, um zu arbeiten, oder sie hatte zuviel getrunken, um zu schlafen, oder hatte nicht genug getrunken, hatte zu viel oder zu wenig cola auf einen cold turkey geschüttet, überhaupt: zu wenig coffein. jeden abend ging sie hinaus und durchkreuzte die viertel, als würde sie sich selbst auf einer kompassnadel entgegenlaufen,
    wunderbar!
    als müsste sie sich auf schritt und tritt noch begegnen. und sie wünschte, dass ihr die nacht ins gesicht wachsen würde oder aus dem gesicht heraus: aus den augen, kilometerlang, dumpf und trocken wie gesponnene asche
    : toll!
    - sie biss in die strähnen ihres haars, lief von einem ende der stadt zum anderen und versuchte, sich an etwas zu erinnern; aber die dinge schienen im innersten erfroren zu sein, verbrannt
    „erfroren“ zu „verbrannt“ finde ich hier problematisch; um der Klarheit willen sollten Sie sich entscheiden, auch wenn Verbrennungen ganz ähnliche Symptome wie Erfrierungen haben
    , ausgelöscht, durch eine maßlose wut. hätte man den körper des mädchens berührt, hätte man ihn an sein alter erinnert und an die gegenwart, er hätte angefangen,
    : kein Komma
    zu rasen. und eine bewegung hätte sich gelöst wie ein schriftzug ins vakuum
    „gelöst wie ein schriftzug ins vakuum“ : dieses Bild stimmt noch nicht
    - lautlos und absolut -, gleißender als licht, finsterer als teer -
    sie schlug den weg in richtung gaiberg ein und blieb auf einer straße stehen, die quer durch die weinberge führte. die luft bebte wie von einer nahen brandung; unter ihr lag die stadt wie ein
    statt „ wie ein“ nehmen Sie „als“, das ist eleganter und vermeidet die Verdopplung
    dunkler see riesenhafter wellen aus schall und sie hielt den blick geradeaus
    ,
    um sich nicht zu verlieren. sie schrieb -, auf beton mit den hacken: puck - puck - - puck puck - - - - puck, sie drückte den brustkorb, so weit es ging, nach vorn, drehte die oberarme mit der unterseite nach hinten, zog langsam die schlüsselbeine höher und hob die arme mit den ellenbogen nach oben.
    Hier ist eine „mit“/“mit“-Konstruktion, die Sie ganz sicher noch auflösen können
    die hände waren gespannt, leicht gespreizt
    die H ä n d e gespreizt, nicht die Finger? Weil sie denen ein Extra-Atribut geben, fällt das auf:
    und
    “u n d” … eben
    die finger gebogen, so als hätte sie mit daumen und mittelfinger etwas an seiner spitze greifen wollen. plötzlich warf sie das kinn hoch und riss die schulterblätter zusammen, so dass die arme sich hinter dem kopf fast berührten -
    das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die uhr eines kirchturmes in jerez, in der mittagssonne
    vielleicht sogar „im Jerez der Mittagssonne“, es wird dann kräftiger, fast archetypisch, und Sie müssen nicht mit diesen Kurz-Einschüben formulieren, sondern schlagen das Bild wie eine gehämmerte Metallscheibe
    , die stillsteht.

  61. Mathis Erml | June 10, 2008 at 8:57 pm | Permalink

    Meine liebe sirenomeles.
    Die Entwicklung Deiner marta ist spannend. Wenn ich Dir meinen Senf auf Dein Brot schmieren darf, du musst es auch nicht essen: Die durchgängige Vergangenheit rückt den Text so fern und lässt ihn so kompakt wirken, aber will er nicht (gerade bei diesem Sujet) atmen. Gerne lese ich auch

    Präsens…Präsens…Präsens…plötzlich wirft sie das kinn hoch und reißt die schulterblätter zusammen, so dass die arme sich hinter dem kopf fast berühren -
    das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die uhr eines kirchturmes in jerez, in der mittagssonne, die stillsteht.

    oder

    Präteritum…Präteritum…Präteritum…plötzlich warf sie das kinn hoch und riss die schulterblätter zusammen, so dass die arme sich hinter dem kopf fast berührten -
    das einzige, woran sie sich erinnern kann, ist die uhr eines kirchturmes in jerez, in der mittagssonne, die stillsteht.

    Verliert Dein Text so vor der Landung seine Idee? Oder öffnet er sich in Deinem Sinne?

  62. oinos | June 13, 2008 at 11:08 am | Permalink

    vol de nuit:
    voll die Nacht
    Athen Singapur, halbnächtens
    die Nacht voll:
    von Briefmarkenschirmen
    des Flugzeug-Kinos.
    vol d’ennui.

  63. ANH | June 15, 2008 at 7:33 am | Permalink

    zu oinos’ Nachtflug:

    das ist ein ganz wunderbares Sprachspiel:
    vol de nuit:
    voll die Nacht
    aber für das hier:
    Athen Singapur, halbnächtens
    die Nacht voll:
    von Briefmarkenschirmen
    schlüge ich eine andere Rhythmisierung vor:
    “Athen Singapur, halb
    die Nacht voll Briefmarkenschirme”
    wobei ich mit “Briefmarkenschirm” das Problem habe, daß ich zwar weiß, was Sie meinen (die vielen kleinen ausklappbaren Bildschirme), aber das weiß ich nicht der bildlichen Evidenz halber, sondern weil ich merke, daß Sie nach einem Ausdruck für diese kleinen Bildschirme gesucht haben; klopfe ich den Ausdruck dann ab, ist aber “Briefmarken”schirm sinnlich falsch, schon deshalb, weil man Briefmarken nicht ausklappt; da muß, g l a u b e ich, etwas anderes her.
    des Flugzeug-Kinos.
    und bei
    vol d’ennui
    denke ich, daß das, als Wertung, deshalb schiefliegt, weil es ein ganz wesentliches sinnliches Element nicht erfaßt, daß diese Film-Vorführungen haben: daß sie nämlich, wenn man ihnen folgt, etwas Halbbewußtes, auch leicht Irres bekommen, etwas Dahinschweifendes, das der Begriff eunnuier nicht erfaßt, der im übrigen literarisch über den Symbolismus (etwa bei Huysmans) besetzt ist. Er meint ja eben nicht nur “sich langeweilen”.
    Ansonsten ist das eine erstaunliche Umsetzung der Aufgabe und die Grundfolie eines tatsächlich guten Gedichtes.

  64. oinos | June 18, 2008 at 12:30 am | Permalink

    Vielen Dank für die Rückmeldung. Es ist eigentlich eher ein Gelegenheitsgedicht, aber Ihren Einwand, was die Rhythmik der Mittelverse angeht, teile ich. War damit selbst nicht glücklich.
    Über die “Briefmarken”schrime mache ich mir Gedanken, ein treffenderes Bild (oder ein Umbau) muß her.

    Über “d’ennui” etwas mehr, wenn ich wacher bin. Dann vielleicht auch schon zündende Ideen zum Rest.

    Einstweilen thx.

  65. oinos | July 1, 2008 at 12:13 am | Permalink

    Nachtflug II

    vol de nuit:
    voll die Nacht
    Athen, Singapur, halb
    die Nacht voll Guckkasten-Schirmen,
    doch flachen,
    des Flugzeug-Kinos.
    vol d’ennui.

    (Anm.: Sie sehen: An ennui möchte ich festhalten, Symbolisten hin oder her. Die wenigen Zeilen sollten doch als ganz unsymbolistisch zu erkennen sein. Die Assonanz zwischen Anfang und Ende funktioniert einfach, denke ich. — An den Schirmen habe ich lange die Zähne ausgebissen. Und kein Wort gefunden, das halbwegs poetisch auf diese Dinger gemünzt werden könnte. Mit der hier gebotenen Lösung bin ich nicht ganz zufrieden, aber es wäre der Vorschlag, der am nächsten drankommt. Zumal die Zurücknahme vom Kasten zum “flach” auch den Inhalt des dort in der Regel gezeigten mit einschließen kann.)

  66. ANH | July 8, 2008 at 6:16 am | Permalink

    @oinos. Guckkästen.
    Das Problem ist, daß “Guckkasten” meines Wissens ein fester Begriff für einen Sichtkasten ist, an den man nahe herangeht, um ein Auge ans Okular zu legen und dann hineinzuschauen. Drinnen sind meist erleuchtete Fotografien oder Bilder.
    Weshalb nicht auf den richtigen Begriff “Screen” gehen - deutsch wäre das der Bildschirm, bzw. die Mattscheibe; man müßte noch die Kleinheit der Geräte dazufassen. Sprechen Sie mich morgen abend doch noch mal drauf an; vielleicht finden wir gemeinsam etwas.

  67. sirenomele | July 10, 2008 at 12:29 am | Permalink

    lieber mathis,

    das ist ein so schöner kommentar und es tut mir leid, dass ich erst jetzt reagiere. die “marta” habe ich aus gewissenskonflikten vorerst nicht mehr bearbeitet und deshalb hier auch nicht mehr reingeschaut.

    deine vorschläge mag ich beide und vor allem fühlt er (der text) sich auch sehr verstanden. den präsenz als durchgehenden erzählmodus muss ich aber aus persönlichen und auch nicht näher definierbaren gründen ablehnen. - vielleicht und unter anderem auch, weil der text selbst so eine art spontane schriftspur im nichts ist - er war schreibstrategisch zuerst ein brief - und einen brief schickt man ab und alles ist schon vergangen und war nichtig und man lässt es hinter sich - im präteritum -

    die zweite variante ist strategisch eigentlich goldrichtig, weil es ja um einen moment von bewusstseinsintensität, also gegenwart geht. das problem ist:

    “das einzige, woran sie sich erinnern kann”

    in dem “einzigen” ist der moment der gegenwart schon reflektiert und ihn nochmal in die gegenwart zu setzen - das passt meines befindens nicht. man kann natürlich auf das “einzige” verzichten, ( “sie erinnert sich …”) dann hat man aber immer noch das “erinnern”, das einen grad an innerlicher vermitteltheit bezeichnet, der durch nichts mehr wett zu machen ist; d.h. dass also die uhr in der mittagssonne von jerez sowieso nicht unmittelbar in den aufmerksmakeits fokus gesetzt werden können, wie bei einem film. auf das “erinnern” kann man andererseits narrativ nicht verzichten. - möglicherweise gibt es eine lösung? aber sie fällt mir nicht ein.

    im übrigen würde man damit eine andere pointe oder klammer übertünchen und zwar eine, die mir vordergründig vorschebte - die geschilderte körperbewegung im zweiten absatz ist ja der beginn einer flamenco-improvisation. - das licht der mittagssonne von jerez soll quasi schon der vernichtende schriftzug ihres körpers ins nichts (durch die berührung der erinnerung) sein können - und das wiederum (durch die “schrift”) eine kurzschließung mit meiner autorschaft (die mir, mit verlaub, wichtig ist) - der präsenz im letzten absatz würde die bewegung der verlangsamung betonen, aber eben auch die zusammengehörigkeit der klammer etwas auflösen? (versteht man überhaupt, was ich zu sagen versuche?)

    lieber mathis. danke -

  68. maudit | July 23, 2008 at 1:17 am | Permalink

    Zu meinem Beitrag (Nr. 38) und Ihrer Kritik (Nr. 46): Vielen Dank fuer die kritischen Einwaende und Hilfestellungen. Sie bemaengeln meinen Hang zum “Gewitzel”, und ich gebe Ihnen recht: Aus Verlegenheit, Reflex oder Nicht-mehr-weiterwissen bediene ich mich leider noch zu oft dieser verunglueckten Volte.

    Die Neuversion krankt hoffentlich nicht mehr so sehr daran:

    Sie kommt auf Samtpfoten, schleicht um Hausecken, lüpft Röcke, fährt durch Strähnen, streicht über verschwitzte Nacken und Schläfen, gerät selbst ins Taumeln, dreht sich zum Wirbel, kommt fast zum Erliegen, erstarkt wieder, rüttelt an der Markise, schüttelt Lampions und ist plötzlich auf und davon. Als habe die nächtliche Bö die Bistrobesucher von einem Bannspruch befreit, kommt mit einem Mal Bewegung in die zuvor erstarrte Runde. Der Kellner berappelt sich, wechselt von einem aufs andere Bein und nimmt wieder Bestellungen entgegen. Zigarettenautomaten klappern, Flipper heulen auf und blinken. Und der schweifende Blick wendet sich abermals den Details zu: einem borstigen Muttermal, rougebeschmierten Wangen, vorsprießenden Bäuchen, die sich gegen die metallenen Umrandungen der Bistrotische drängen.

    In der Verbrauchtheit eines unentschlossenen Abendhimmels wirkte alles in unbestimmte Ferne gerückt, unter Glas. Und da, obwohl mitten im Geschehen, gleichermaßen entrückt: ich — Schlenderer in nächtlichen Gassen, Gefährte windverwehter Zeitungsfetzen, überschwemmter Kanaldeckel, blank getretener Trottoirs, in denen sich der Mond spiegelt.

    Trägtrantraumdusselig erhebt sich nun ein Kerl mit zu groß geratenem Kreuz, wirft einen Stuhl um, bemerkt es kaum, tritt zur Seite und dabei einem anderen auf den Fuß, der deutet die tapsige Berührung als Agression, welcher es zu begegnen gilt. Sich dem vermeintlich unvermeidlichen Gang der Dinge widersetzen, sich erheben und schlichtend dazwischen stellen — ist das nicht ein bißchen viel verlangt?

    Meine Mutter verachtete meinen Mangel an Mannhaftigkeit. Um mich gegen das Leben abzuhärten, schickte sie mich in die Turnstunde, hielt mich zu kalten Duschen an, riß früh morgens die Bettdecke von meinem traumwarmen Körper. Noch heute erwache ich manchmal fröstelnd mitten in der Nacht, reiße die Augen auf, doch steht da statt ihrer bloß der Mond groß und voll.

    Wind ist aufgekommen, weht Schnipsel und Servietten von den Tischen. Die meisten Gäste gingen mit den Streitenden, die sich bereits in unterschiedliche Richtungen bewegen und nur noch ab und an umwenden, um dem anderen ein Schimpfwort hinterher zu rufen.

    Doch auch diese Rufe werden immer leiser. In den Pausen zwischen dem Geschirrklappern, Stühlerücken, Kassenklingeln dröhnt bereits jene Nachstille, die das Wirbeln des Erdballs hörbar werden läßt. Und ein kurzzeitiges Aussetzen der Schwerkraft läßt die Passanten eine Handbreit über dem Asphalt schweben.

  69. dahe | November 21, 2008 at 9:21 pm | Permalink

    dädalus

    hör wie sie schnaubt, die verwunschene
    blutige missgeburt, zeugnis unserer
    sünden, aus der mitte der wirrnis
    stiert sie uns an, chthonisch und zeitlos
    die zeit der verbannung

    geht nun zu ende –
    mit gläsernen flügeln, porös
    feinädrig wie die von drachen
    fliegen, mit rebhuhnfedern geschmückt
    bunte kapseln wie leuchtfeuer speiend
    in denen das werden sich aufzehrt, lispelnd

    flieg ich voran

    die rubinquasare vor meinen facetten
    augen, vorbei an den fixsternen ins
    einzugsgebiet schwarzer löcher, wo
    die formen sich biegen ins violette
    pulsieren konzentrischer kreise, wo der barmherzige
    scharfrichter unserer harrt, dort können wir un
    gestraft ins unbegrenzte hinaus

    folg mir, folg mir wenn du mich liebst
    ins labyrinth der erlösten, durch das damastene
    himmelsgespinst der nacht

    erst morgen, mein sohn, erst morgen im suk
    kubischen taulicht der elektroden
    sonne stürzen wir ab

  70. Lalaine | July 25, 2011 at 5:14 pm | Permalink

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  71. jfekgq | July 25, 2011 at 7:51 pm | Permalink

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  72. ouabhwb | July 27, 2011 at 3:23 pm | Permalink

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  73. Nan | September 16, 2012 at 11:37 am | Permalink

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  79. Jhazmine | January 10, 2013 at 12:24 pm | Permalink

    Ha ha ja, for pre6dikanter og he5befulde friere er en tvyitdeg mumlen me5ske at anbefale!Den gamle P. G. Lindhardt var berygtet for sit mumleri. Ne5r man le6ser hans pre6dikener, er de skam udme6rkede og gennemte6nkte og sammenhe6ngende, men pe5 pre6dikestolen slap ingen forste5elig lyd ud over pibekravens kant. Der skulle ikke lefles for husarerne!

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