Skip to content

Allgemeine Texte (2).

Hier stellen Sie nunmehr neue allgemeine Texte ein, d.h. solche, die nicht an eine Aufgabenstellung gebunden, sondern bei Ihnen “einfach so” entstanden sind und zu Lektorat und Diskussion gestellt werden sollen.

{ 62 } Comments

  1. Shoshannah | March 26, 2009 at 1:49 am | Permalink

    Oh kranker Mond. Noch näher bei Dir, mein Gott. Brausekopf aus den 50er Jahren sprüht nach allen Seiten 60°C warmes Wasser in ein vergilbtes Badezimmer, draußen Schneegestöber. Oh Gott, Du weißt es. Hummelflug für die lahmen Hummeln um den Hortensienbusch. Letzter Gruß, es lebe das Flusspferd. Erlöser, sei gebenedeit. Es gibt Probleme in der Legebatterie. Die Wärter werden mit tiefen Wunden, durch Schnäbel geschlagene, ins Krankenhaus gebracht. Gottseidank war es nur ein Traum, den aber alle hatten. Sie kommen auf die Arbeit, tatsächlich brennen einige Großkäfige, das Feuer wird unter Kontrolle gebracht, Eier legen die Hühner an diesem Tag nicht mehr. Dem Tag wird die dunkle Nacht weichen. Wir sind alle sicher im Kaninchenbau angekommen und besehen nun unsere flauschigen Kojen voller Moos, werden vor den Bettwanzen gewarnt, schlafen. Alles blüht und sprießt. Aus dem Gottesdienst falle ich direkt in die Loveparade, ein Unbekannter mit buntem Papierchen auf der Zunge fällt mir um den Hals und küsst mich, leider wirkt es nicht und Techno mag ich auch nicht. Pfingstblüte, erhebt Euch, göttliche Gedanken. Heute ist ein Tag, an dem man am besten den Webstuhl abstaubt und zu Hause bleibt, vielleicht sehen wir später noch Comissario Montalbano. Oh Christenheit. Endlich kann der Sommer losgehn: Mit meinem neuen Rasenmäher gegen die Froschplage und die hässlichen Hortensienbüsche meines Nachbarn. Taufe. Das Badewasser ist nun eingelaufen, gart bereits die Kartoffeln fürs Mittagessen, derweil fragt sich der Schmutzige, schon nackt, ob er nicht doch Erfrieren dem Verbrühen vorzieht. Entäußere Dein Leben! Du willst es doch auch. Konsonanz und Konsens, kostenlose Blumenbeete für alle Hippiedeppen, das passive Bepflanzen darf nicht aussetzen. Ja, ich lebe in dieser farbenreichen Welt.

  2. ANH | March 26, 2009 at 8:35 am | Permalink

    @ Shoshannah zu “Oh kranker Mond”:

    Oh kranker Mond.

    Das

    Noch

    wegnehmen; einfach nur:

    näher bei Dir, mein Gott.

    Aber direkt angeschlossen, ohne Absatz. Der nächste Satz ist wegen der Verkürzung um den bestimmten oder unbestimmten Artikel nicht gut; das wirkt zu gewollt:

    Brausekopf aus den 50er Jahren sprüht nach allen Seiten 60°C warmes Wasser

    würde das nicht schon als „heiß“ empfunden werden?

    in ein vergilbtes Badezimmer

    nicht

    ,

    sondern

    . D(d)raußen Schneegestöber. Oh Gott, Du weißt es.

    Du weißt w a s? Das steht ein wenig wie sinnlos da, braucht eine Bindung. Im Folgenden kommt mir der Hummelflug und um die Hortensien zu schroff daher, wenn man doch noch von Schneegestöber ausgeht. Daß dies ein surrealistische, jedenfalls Traum-Text ist, ist schon klar, es genügt aber nicht, den Traum nur zu referieren.

    Hummelflug für die lahmen Hummeln um den Hortensienbusch. Letzter Gruß

    : wer grüßt wen?

    , es lebe das Flusspferd. Erlöser, sei gebenedeit.

    Ob man die religiösen Anrufungen direkter mit der erzählten Legebatterie zusammenbekommt?

    Es gibt Probleme in der Legebatterie. Die Wärter werden mit tiefen Wunden, durch Schnäbel geschlagene

    : dieses nachgestellte „durch Schnäbel geschlagene“ ist nicht sehr schön; die Szene gäbe sowieso viel mehr her.

    , ins Krankenhaus gebracht.

    Und hier jetzt, statt

    Gottseidank war es nur ein Traum, den aber alle hatten.

    viel härter werden:

    Alle hatten diesen Traum. Als sie auf die Arbeit kommen, stehen die Käfige in Flammen.

    :Etwa so. Das Folgende ist dann zu distanziert, zu sehr einfaches Referieren:

    das Feuer wird unter Kontrolle gebracht, Eier legen die Hühner an diesem Tag nicht mehr. Dem Tag wird die dunkle Nacht weichen.

    :Brannten die Käfige bei Nacht, und bei Nacht noch kommen die Arbeiter? Nicht vielmehr am frühen Morgen? - Versuchen Sie, die Erzählung in einem nachvollziehbaren Kontinuum zu fassen, und es darf gerne unklar bleiben, was Traum ist, was Realität.

    Wir sind alle sicher im Kaninchenbau

    :auch hier ein zu unvermittelter Sprung; wieso plötzlich „Kaninchen“bau? Statt narrativer Stetigkeit könnten Sie allerdings auch mit >>>> cut up http://de.wikipedia.org/wiki/Cut-up arbeiten; das erforderte dann eine andere Rhythmisierung des Textes.

    angekommen und besehen nun unsere flauschigen Kojen voller Moos, werden vor den Bettwanzen gewarnt

    statt des folgenden

    ,

    wäre v i e l schöner: „und“

    schlafen. Alles blüht und sprießt.

    Wieder zu unvermittelt:

    Aus dem Gottesdienst falle ich direkt in die Loveparade, ein Unbekannter

    schönes Bild:

    mit buntem Papierchen auf der Zunge fällt mir um den Hals

    :versinnlichen Sie das bitte noch.

    und küsst mich,

    das jetzt ist wieder zu lapidar, einfach, weil Sie „den Leser“ kriegen müssen.

    leider wirkt es nicht

    Komma

    und Techno mag ich auch nicht. Pfingstblüte

    „aber“

    , erhebt Euch, göttliche Gedanken.

    Und hier:

    Heute ist ein Tag, an dem man am besten den Webstuhl abstaubt

    : eben n i c h t, sondern direkter:

    Am besten, man staubt den Webstuhl ab und bleibt zu Hause bleibt

    Punkt statt: „,“ - S e h r schön dann wieder (groß anschließen, als neuen Satz):

    vielleicht sehen wir später noch Comissario Montalbano. Oh Christenheit.

    Und statt:

    Endlich kann der Sommer losgehn: Mit meinem neuen Rasenmäher gegen die Froschplage und die hässlichen Hortensienbüsche meines Nachbarn.

    Folgendes:

    Mit neuem Rasenmäher geht der Sommer gegen die Froschplage los und die Hortensien des Nachbarn.

    Auch würde ich hier, als Klammer, die Hummeln wieder aufnehmen, nur kurz, aber kräftig zusammengezurrt.

    Taufe. Das Badewasser ist

    streichen:

    nun

    eingelaufen, gart bereits die Kartoffeln fürs Mittagessen

    : das wollen Sie, daß das Badewasser die Kartoffeln gart?

    , derweil fragt sich

    unschön:

    der Schmutzige

    außerdem: welcher?

    , schon nackt, ob er nicht doch Erfrieren dem Verbrühen vorzieht.

    :siehe oben:: warm/heiß. Und: Ist es so kalt in der Wohnung, oder steht die Badewanne draußen im winterlichen Garten? Nein, steht sie nicht, denn der undichte Sprühkopf sprühte ja oben im Badezimmer herum.

    Entäußere Dein Leben! Du willst es doch auch. Konsonanz und Konsens, kostenlose Blumenbeete für alle Hippiedeppen,

    Welche Funktion hat die Denunziation von Hippies hier? Das steht zu lose im Text. Und was heißt das Folgende?:

    das passive Bepflanzen darf nicht aussetzen.

    Nun würde ich einen Absatz machen und dann rhetorisch griffiger statt

    Ja, ich lebe in dieser farbenreichen Welt.

    einfach nur

    Ich lebe in einer farbenreichen Welt.

    schreiben. Dann bekommt der Text eine gut abschließende Bewegung.

  3. kaira | March 30, 2009 at 1:24 pm | Permalink

    Auflösung, Impuls

    Die Mauern des Worte sind abzutragen,

    aufzutragen dagegen die Lücken, die doppelten Böden,

    durch die ein Du Einlass finden könnte

    als wäre es immer schon da gewesen, hinter der Mauer.

    Verbunden durch das selbe Sein, aus dem wir die selben sehnlichen Schreie schicken,

    zu unterscheiden nur durch die Schwere der Elemente durch die sie dringen müssen,

    um ins Offene zu kommen.

    Nicht zu unterscheiden mehr das Spiegelbild vom Spiegel, das Du vom Ich.

    Zwei Augenpaare reflektieren, verdoppeln oder subtrahieren sich,

    es gilt, die Begegnungsfläche nicht aus Wut oder Gier zu zerkratzen,

    das Bild zu verzerren, das Einig-zweifache.

    Schieß einen Pfeil hinein und küsse Spiegelscherben,

    wer jauchzt, wer schreit? Wir schmecken Blut

    und immer wieder Worte im schmalen Raum zwischen unseren Lippen,

    verstehst du mich, verstehst du mich, verstehst du mich…?

    Lösen uns auf in Schweigen,

    werden zu Haut, zu Händen, die umfassen das Nichts und das All,

    gemeinsam.

  4. ANH | March 30, 2009 at 4:37 pm | Permalink

    @kaira zu „Auflösung, Impuls“

    Ein Problem bei dieser Art Gedicht ist i m m e r das allzu Abstrakte, irgendwie „gewollt“ Expressive/Expressionistische, dem sich eine konkrete Erfahrung nicht zuordnen läßt oder nur s o zuordnen läßt, daß alles Konkrete in einem irgendwie-gemeinten Allgemeinen verlorengeht. Versuchen Sie doch erst einmal, bei eigener Erfahrung zu bleiben, vor allem sie zu nennen, zu beschreiben, ohne sie gleich derart zu verallgemeinern (was ja „abstrahieren“ bedeutet). Zumal, werden Sie sich klar darüber, was die einzelnen „Bilder“ sagen/erzählen sollen. Was ist z.B., gemeint mit „die Mauern der Worte“ (oder ist „die Mauern des Wortes“ gemeint – hier herrscht bereits Unklarheit. Was meint „die Lücken auftragen“? Was sind „sehnliche Schreie“?: Schreie, die sich sehnen oder die „sehnlich“ sind, was ein sehr seltsames Adjektiv aus „sich sehnen“ wäre.

    Die Mauern des Worte sind abzutragen,
    aufzutragen dagegen die Lücken, die doppelten Böden,

    :schöne Rhythmisierung hierüber!

    durch die ein Du Einlass finden könnte
    als wäre es immer schon da gewesen, hinter der Mauer.
    Verbunden durch das selbe Sein, aus dem wir die selben sehnlichen Schreie schicken,
    zu unterscheiden nur durch die Schwere der Elemente durch die sie dringen müssen,

    auch schön, wie Sie hier aus dem Rhythmus springen:

    um ins Offene zu kommen.

    Nicht zu unterscheiden mehr das Spiegelbild vom Spiegel,

    dieses aber, besonders in Lyrik, ist viel zu oft schon gehört:

    das Du vom Ich.

    Zwei Augenpaare reflektieren, verdoppeln oder

    das Bild bekomme ich nicht hin, zumal in dieser Abstraktion:

    subtrahieren sich,

    es gilt, die Begegnungsfläche nicht aus Wut oder Gier zu zerkratzen,

    :die Augen zu zerkratzen? Wollen Sie das wirklich so verstanden haben?

    das Bild zu verzerren, das Einig-zweifache.

    Schieß einen Pfeil hinein und

    Bild hinkt:

    küsse Spiegelscherben,

    : ein in einen Spiegel geschossener Pfeil…. oder ein Pfeil, ins Auge geschossen, was dann aber keine Scherben, auch nicht Splitter ergibt. Gute lyrische Bilder sind immer konkret u n d, wenn beabsichtigt, symbolisch.

    wer jauchzt, wer schreit? Wir schmecken Blut

    aus den Augen?

    und immer wieder Worte im schmalen Raum zwischen unseren Lippen,

    also ohne , daß die Lippen geöffnet sind?

    verstehst du mich, verstehst du mich, verstehst du mich…?

    : für das symbolisch Aufgeladene hierüber ist das zu klein, das trägt nichts mehr. Und dann wird es Kitsch:

    Lösen uns auf in Schweigen,
    werden zu Haut, zu Händen,

    und n-facher Kitsch:

    die umfassen das Nichts und das All,
    gemeinsam.

  5. herr urian | March 30, 2009 at 11:01 pm | Permalink

    Eine Frage @ANH vorweg: Sind die Kategorien des letzten Semesters quasi “zu”, d.h. sollen wir Texte, die wir noch besprechen wollen, h i e r posten? Ein, zwei Texte waren außerdem, glaube ich, noch aufgelaufen.

    Nun aber mein Text:

    Am Bahnhof

    K. hat die Vorhalle bereits durchquert und in Richtung der Bahnsteige verlassen. Wo wird J. ankommen? Vier, hat er sich notiert. Sie wird die Rolltreppe nehmen, vermutet er. Sie wird hetzen und ein wenig ängstlich sein. Nahe der Tür postiert er sich. Sobald sie mich sieht, wird sie lächeln.

    Gestern war K. bei ihr. Zuerst nur bei ihr in der Stadt in einem Betonturm, in dem man ihnen Cocktails mixte und der einen Blick auf die Nachtlichter bot. Später in ihrer Wohnung, Einzimmer plus Bad, bis der letzte Zug verpasst war.
    J. sagte, sie brauche Zeit. Sie sei benutzt worden wie ein Stück Fleisch, von einem fleischigen Typen. Sie berichtete von der Mechanik, die das Rein-Raus mit ihm ausgemacht habe. Von der Manie dieses Typen, seiner blinden Ekstase. K. hörte zu.
    Sie lagen bereits auf dem Bett, als sie sich näher kamen. Sie zogen sich gegenseitig aus, wie K. es gewohnt war. K. war erregt. Er küsste sie, streichelte ihren festen Busen und strich ihr nach Bedarf durchs Haar, wie K. es gewohnt war. Sogar ihr Gesicht befühlte er. J. trug nur noch ein Höschen. K. wollte es ihr ausziehen. Sie wehrte ab.

    Heute wird K. ihr sagen, wie es wirklich sei. Er ist es gewohnt, die Frau noch einmal zu treffen. Das Café, in das er sie bringen wird, hat er bereits ausgewählt.
    Ein Stockwerk tiefer steigt J. aus der S-Bahn. K. öffnet sich nicht, er ist verständnisvoll, anders. Er hört ihr zu. Er berührte sie zärtlich. Mehr als das, denkt sie.
    J. nimmt die Rolltreppe. J. ist aufgeregt. Sie hetzt ein wenig. Oben sieht sie ihn in der Nähe der Tür zur Bahnhofshalle stehen. Er trägt seine braune Lederjacke, die ihn älter und souverän wirken lässt. J. strahlt ihn an und geht auf ihn zu. Die Lippen, denen sie sich hinzugeben bereit ist, umspielt ein Lächeln, das ihn nicht verrät.

  6. ANH | March 31, 2009 at 8:45 am | Permalink

    @ herr urian zu „Am Bahnhof“.

    Das ist eine schöne kleine psychologische Situationsschilderung. Aber organisieren Sie bitte die Rahmenumstände besser: „Spiel“orte, woher, wohin usw. Etwa die Vorhalle zu verlassen, um zu den Bahnsteigen zu kommen, aber dann steht man an einer Tür. Sowas verwirrt, wenn man den Spielort nicht kennt. Der also muß plastisch werden, wobei das mit einzwei Sätzen schon umfassend skizziert werden kann. Mir ist schon klar, daß man bei einem so kurzen Text auf die Balance achten muß. Wo erzähle ich, und wie weitgehend, was?

    K. hat die Vorhalle bereits durchquert und in Richtung der Bahnsteige verlassen. Wo wird J. ankommen? Vier, hat er sich notiert.

    : Schöner, sinnlicher, wäre: „Er hat sich eine vier notiert“, wobei man eine Vier an sich nicht notieren muß, es sei denn, man ist s e h r vergeßlich. Oder?

    Sie wird die Rolltreppe nehmen, vermutet er. Sie wird hetzen und ein wenig ängstlich sein. Nahe der Tür

    Tür an der Rolltreppe? Bitte erzählen Sie, was Sie meinen.

    postiert er sich. Sobald sie mich sieht, wird sie lächeln.
    Gestern war K. bei ihr.

    Ah so! Sie meinen so etwas wie eine S-Bahn, U-Bahn… „Bahnsteig“ läßt aber als allererstes an die Eisenbahn denken. Wäre dem s o, wäre „er“ gestern in einer anderen Stadt gewesen, auch nachts noch. Waren dann Züge zurückgefahren? Weshalb fährt er nachts? Bitte hier die Szene konkretisieren. Da reichen allerdings einzwei Bemerkungen.

    Zuerst nur bei ihr in der Stadt in einem Betonturm, in dem man ihnen Cocktails mixte und der einen Blick auf die Nachtlichter bot. Später in ihrer Wohnung, Einzimmer plus Bad, bis der letzte Zug verpasst war.
    J. sagte, sie brauche Zeit. Sie sei benutzt worden wie ein Stück Fleisch, von einem fleischigen Typen. Sie berichtete von der Mechanik, die das Rein-Raus mit ihm ausgemacht habe.

    „Mechanik macht das Rein-Raus aus“: unschön. Es sei denn, Sie fassen das in Rollenprosa.

    Von der Manie dieses Typen, seiner blinden Ekstase.

    Kann Ekstase „sehen“? Falls ja, wäre es eine religiöse Kategorie. Oder?

    K. hörte zu.
    Sie lagen bereits auf dem Bett, als sie sich näher kamen.

    Vorsicht. I n d e m sie auf dem Bett zumal „liegen“, s i n d sie einander schon nähergekommen.

    Sie zogen sich gegenseitig aus, wie K. es gewohnt war. K. war erregt. Er küsste sie, streichelte ihren festen Busen und strich ihr nach Bedarf durchs Haar, wie K. es gewohnt war.

    „Wie k: es gewohnt war“ klappt in der kurzen Aufeinanderfolge als Leitmotiv nicht.

    Sogar ihr Gesicht befühlte er.

    Weshalb „sogar“?

    J. trug nur noch ein Höschen. K. wollte es ihr ausziehen. Sie wehrte ab.
    Heute wird K. ihr sagen, wie es wirklich sei. Er ist es gewohnt, die Frau noch einmal zu treffen. Das Café, in das er sie bringen wird, hat er bereits ausgewählt.
    Ein Stockwerk tiefer steigt J. aus der S-Bahn.

    :ah ja, S-Bahn, okay. Ich lasse meinen Einwand von oben dennoch stehen, weil er zeigt, wie die Konstruktion die Rezeption stolpern läßt.

    K. öffnet sich nicht, er ist verständnisvoll, anders. Er hört ihr zu. Er berührte sie zärtlich. Mehr als das, denkt sie.
    J. nimmt die Rolltreppe. J. ist aufgeregt. Sie hetzt ein wenig. Oben sieht sie ihn in der Nähe der Tür zur Bahnhofshalle stehen.

    „der Tür zur Bahnhofshalle“: dito. Diese Ortsbestimmungen nach oben nehmen.

    Er trägt seine braune Lederjacke, die ihn älter und souverän wirken lässt. J. strahlt ihn an und geht auf ihn zu. Die Lippen, denen sie sich hinzugeben bereit ist, umspielt ein Lächeln, das ihn nicht verrät.

    : gutes, wenn auch rhetorisches Ende.

  7. Shoshannah | April 1, 2009 at 3:25 pm | Permalink

    ad Herrn Urian:

    K., nicht nur, dass damit fast gewungenermaßen an Kafka erinnert wird, ist als Platzhalter mehr als verbraucht.

  8. n_a | April 1, 2009 at 8:23 pm | Permalink

    @ANH zu “Auflösung, Impuls”

    >>Was ist z.B., gemeint mit „die Mauern der Worte“ (oder ist „die Mauern des Wortes“ gemeint – hier herrscht bereits Unklarheit. Was meint „die Lücken auftragen“? Was sind „sehnliche Schreie“?: Schreie, die sich sehnen oder die „sehnlich“ sind, was ein sehr seltsames Adjektiv aus „sich sehnen“ wäre.<>Zwei Augenpaare reflektieren, verdoppeln oder

    das Bild bekomme ich nicht hin, zumal in dieser Abstraktion:

    subtrahieren sich, es gilt, die Begegnungsfläche nicht aus Wut oder Gier zu zerkratzen,

    :die Augen zu zerkratzen? Wollen Sie das wirklich so verstanden haben?

    das Bild zu verzerren, das Einig-zweifache.
    Schieß einen Pfeil hinein und

    Bild hinkt:

    küsse Spiegelscherben,

    : ein in einen Spiegel geschossener Pfeil…. oder ein Pfeil, ins Auge geschossen, was dann aber keine Scherben, auch nicht Splitter ergibt. Gute lyrische Bilder sind immer konkret u n d, wenn beabsichtigt, symbolisch.<<

    Symbol Spiegel: Selbstzüglichkeit. Zerstörung des Spiegels parallel zu den Mauern. Dass es der Spiegel ist der zerstört wird, wird doch gerade dadurch deutlich, dass es Splitter gibt? Natürlich ist es abstrakt sich vorzustellen, dass sich zwei Menschen durch die Überwindung eines gedanklichen Konzeptes bzw. “frame of mind” begegnen statt in einem Café… aber ich hatte gehofft, die Bilder seien trotz allem deutlich genug. Ich weiß das lässt sich nicht verteidigen. Ich werde mich bemühen, meinen nächsten Text konkreter zu gestalten.

  9. n_a | April 1, 2009 at 8:25 pm | Permalink

    argh dass man hier nicht bearbeiten kann…. in 3. Zeile zwischen “wäre” und “Zwei Augenpaare…” fehlt:

    Der Worte ist gemeint, das “s” steht noch aus einer älteren Fassung fälschlicherweise da; die Mauern stehen für festgefahrene Deutungsmuster, die sich für jeden ein wenig anders erschließen und dadurch oft Verständigung verhindern. Daher müssen die Lücken und doppelten Böden aufgetragen werden, bzw. einfach das Bewusstsein geschaffen werden, dass Wörter keine geschlossenen Gestalten sind, sondern offen und für jeden ein wenig anders… indem ich das akzeptiere kann ich dieser Differenz auch nachspüren, d.h. mich dem “Du” annähern, statt auf eigenen Deutungen zu beharren.

  10. herr urian | April 1, 2009 at 9:10 pm | Permalink

    @ANH: Vielen Dank für Ihre Hinweise. Ich hoffe, Rahmen und Ort der Geschichte sind in der verbesserten Version deutlicher. Also: warum der Mann dort ist, wo er ist, und auch wo die beschriebenen Szenen sich jeweils abspielen. Zur S-Bahn-Problematik: Es handelt sich hier, wie jetzt klar sein sollte, um einen großen Bahnhof, an dem natürlich „normale“ Züge u n d S-Bahnen fahren (auch auf der gleichen Strecke). Der Assoziation, beim Wort „S-Bahn“ an eine Bahn innerhalb der Stadt zu denken, komme ich damit im ersten Abschnitt zuvor. Dann kann ich, wie ich finde, J. später aus der „S-Bahn“ steigen lassen. Das bringt zusätzlich den Kontrast zum Mann, der „Zug“ bzw. „Bahn“ fährt.
    Andererseits mag der Leser auch an dieser späteren Textstelle diese (von mir ungewollte) Assoziation haben. Ich lasse jetzt erst einmal „S-Bahn“ stehen. Was meinen Sie?

    @Shoshannah: Deine Kritik scheint mir berechtigt. “K.” ruft beim Leser Kafka-Assoziationen hervor (oder kann es zumindest), die er natürlich nicht haben soll. Keinesfalls in d i e s e m Text. Die Entscheidung, hier Platzhalter zu verwenden, leuchtet mir aber ein. Ich bin nicht sicher, ob deine Kritik überhaupt auch in diese Richtung stoßen will?
    In der ersten Version des Textes stand beim “Mann” dort noch ein “R.” (sprich [er], was in diesem Fall als Wortspiel unsinnig ist, weil “R.” auch als “er” bezeichnet wird). Ersetzt habe ich es dann durch “K.”, weil ich einen harten Anlaut wollte bzw. auch, weil J und K alphabetisch zusammenprallen. Deshalb habe ich in der neuen Version “R.” durch “T.” ersetzt.
    “Richtige” Namen will ich den Personen nicht geben. Andererseits: Welchen Effekt hätte es, wenn ich dem männlichen Protagonisten einen solchen gäbe, die Frau jedoch weiterhin “J.” nennen würde? D a s könnte wieder als “umgedreht” kafkaesk wahrgenommen werden, was ich auch nicht will.

    Am Bahnhof (2)

    T. hat die Vorhalle bereits durchquert und in Richtung der Bahnsteige verlassen. Menschen kommen ihm entgegen, eilen von hinten an ihm vorbei, warten. Helles Nachmittagslicht fällt durch das hohe Dach, durch Glas, das von einem Stahlskelett gehalten wird. An den Seiten tauchen Treppen hinab zu den Gleisen. Wo wird J. ankommen? Vier, hat sie T. am Telefon gesagt, die Ankunftszeit genannt. Das ist mittags gewesen. Sie wird die Rolltreppe nehmen, vermutet er. Sie wird hetzen und ein wenig ängstlich sein. Noch nahe der Tür zur Bahnhofshalle postiert er sich. Sobald sie mich sieht, wird sie lächeln.

    Gestern war T. bei ihr. Zuerst nur bei ihr in der Stadt, die seiner benachbart war. In einem Betonturm, in dem man ihnen Cocktails mixte und der einen Blick auf die Nachtlichter bot. Später in ihrer Wohnung, Einzimmer plus Bad, bis der letzte Zug verpasst war. Sie saßen auf dem Bett.
    J. sagte, sie brauche Zeit. Sie sei benutzt worden wie ein Stück Fleisch, von einem fleischigen Typen. Sie erzählte, es sei Mechanik gewesen, die das Rein-Raus mit ihm ausgemacht habe. Berichtete von der Manie dieses Typen. Er sei blind gewesen in seiner Ekstase. T. hörte zu.
    Sie lagen bereits, als sie sich umschlangen. Sie zogen sich gegenseitig aus, wie T. es gewohnt war. T. war erregt. Er küsste sie, streichelte ihren festen Busen und strich ihr nach Bedarf durchs Haar. Auch ihr Gesicht befühlte er. J. trug nur noch ein Höschen. T. wollte es ihr ausziehen. Sie wehrte ab.

    Mit der ersten Bahn fuhr T. nach Hause. Heute wird er J. sagen, wie es wirklich sei. Er ist es gewohnt, die Frau noch einmal zu treffen. Das Café, in das er sie bringen wird, hat er bereits ausgewählt.
    Eine Ebene tiefer steigt J. aus der S-Bahn. T. öffnet sich nicht, er ist verständnisvoll, anders. Er hört ihr zu. Er berührte sie zärtlich. Mehr als das, denkt sie.
    J. nimmt die Rolltreppe. J. ist aufgeregt. Sie hetzt ein wenig. Oben sieht sie ihn in der Nähe der Tür stehen. Er trägt seine braune Lederjacke, die ihn älter und souverän wirken lässt. J. strahlt ihn an und geht auf ihn zu. Die Lippen, denen sie sich hinzugeben bereit ist, umspielt ein Lächeln, das ihn nicht verrät.

  11. n_a | April 2, 2009 at 11:46 am | Permalink

    @urian zu Am Bahnhof (2)

    T. hat die Vorhalle bereits durchquert und in Richtung der Bahnsteige verlassen.

    Hm, komm ich irgendwie nicht so gut rein mit diesem unvermittelten Einstieg, ich glaube es ist das “bereits”, das mich stört.

    Menschen kommen ihm entgegen, eilen von hinten an ihm vorbei, warten. Helles Nachmittagslicht fällt durch das hohe Dach, durch Glas, das von einem Stahlskelett gehalten wird. An den Seiten tauchen Treppen hinab zu den Gleisen.

    Gefällt mir. Höchstens “..das von einem Stahlskelett gehalten wird” scheint mir ausbaufähig. Vielleicht “getragen von einem Stahlskelett”? oder “das gehalten wird von einem Stahlskelett”.

    Wo wird J. ankommen? Vier, hat sie T. am Telefon gesagt, die Ankunftszeit genannt.

    Wenn ich so weiter durch den Text gehe, komme ich mir ein bißchen seltsam vor… ich kann ja nur sagen wie etwas auf mich wirkt, und dabei kann ich daneben liegen, weil ich es evtl. schlicht nicht verstanden habe. Aber da das hier ein Experiment ist mache ich einfach mal weiter, um dir einen Eindruck zu geben wie ein normaler Mensch wie ich deinen Text wahrnimmt.

    Außerdem kann ich mich nicht anfreunden mit dem J. und dem T. Zunächst erscheinen mir die Figuren wie stinknormale Menschen und ich hätte sie auch gern so bezeichnet, die Initialien irritieren mich.

    Das ist mittags gewesen. Sie wird die Rolltreppe nehmen, vermutet er. Sie wird hetzen und ein wenig ängstlich sein. Noch nahe der Tür zur Bahnhofshalle postiert er sich. Sobald sie mich sieht, wird sie lächeln.

    Hm. Diese Zeilen laufen in meinem Kopf nicht sehr glatt. Worüber ich stolpere ist das vermutet und das postieren, außerdem das 2fache “Sie wird..” sobald du’s 3x machst kriegst wieder Flow, aber 2x wirkt auf mich hier eher nicht, einmal Satzstellung ändern?

    Gestern war T. bei ihr. Zuerst nur bei ihr in der Stadt, die seiner benachbart war.

    Wozu benachbart? Wirkt auf mich befremdlich.

    In einem Betonturm, in dem man ihnen Cocktails mixte und der einen Blick auf die Nachtlichter bot. Später in ihrer Wohnung, Einzimmer plus Bad, bis der letzte Zug verpasst war. Sie saßen auf dem Bett.

    Das ist bestimmt Absicht mit “bis der letzte Zug verpasst war” und danach erst “Sie saßen auf dem Bett”. Ich weiß nicht was du damit bezwecken willst, dass die Zeitwahrnehmung der Beiden hin- und herspringt? Dass die Tatsache, dass sie den letzten Zug verpasst haben dazu führte, dass sie auf dem Bett rumsaßen?

    Sie lagen bereits, als sie sich umschlangen.

    Ich mus sagen im Gegensatz zu ANH mag ich diesen Satz. Löst in mir auch keine kausalen Verdreher aus Fragen. Völlig einleuchtend, wie das zustande kam ;)

    Sie zogen sich gegenseitig aus, wie T. es gewohnt war.

    Wie T. es gewohnt war? Erstens ein recht einzeln dastehendes Detail zur Vertiefung von T.s Charakter. Zweitens willst du nicht das Gefühl der Ungewöhnlichkit für die Szene erhalten? Ich würds weglassen.

    T. war erregt. Er küsste sie, streichelte ihren festen Busen und strich ihr nach Bedarf

    nach Bedarf??? Mag ja sein dass Sex etwas mit den Prinzipien von Angebot und Nachfrage zu tun hat, aber willst du diese Assoziation hier wirklich haben? T. wird ebenfalls zu einem mechanischen Typen. Passt dann natürlich auch zu dem “wie er es gewohnt war” und zu dem “postieren”. Ahhhhh! Okay, jetzt wird mir einiges klar. Brrr.

    durchs Haar. Auch ihr Gesicht befühlte er. J. trug nur noch ein Höschen. T. wollte es ihr ausziehen. Sie wehrte ab.
    Mit der ersten Bahn fuhr T. nach Hause. Heute wird er J. sagen, wie es wirklich sei. Er ist es gewohnt

    Schon wieder gewohnt. Obwohl ich jetzt weiß, was du damit bezwecken willst, lässt sich vielleicht eine andere Phrase finden um die Wiederholung zu vermeiden?

    , die Frau noch einmal zu treffen. Das Café, in das er sie bringen wird, hat er bereits ausgewählt.
    Eine Ebene tiefer steigt J. aus der S-Bahn. T. öffnet sich nicht, er ist verständnisvoll, anders. Er hört ihr zu. Er berührte sie zärtlich. Mehr als das, denkt sie.
    J. nimmt die Rolltreppe. J. ist aufgeregt. Sie hetzt ein wenig. Oben sieht sie ihn in der Nähe der Tür stehen. Er trägt seine braune Lederjacke, die ihn älter und souverän wirken lässt. J. strahlt ihn an und geht auf ihn zu. Die Lippen, denen sie sich hinzugeben bereit ist, umspielt ein Lächeln, das ihn nicht verrät.

    Hm jetzt wo ich so durchgegangen bin erschließt sich mir der Text besser, obwohl er mir immer noch an der einen oder anderen Stelle holprig erscheint, aber das zuweilen starr wirkende Gefüge macht jetzt Sinn, so dass es mich an manchen Passagen sogar etwas schüttelt, wenn ich die Kälte erahne. Brrr. Weiche von mir, T.!
    Postete sie und verließ die Bahnhofshalle, ohne sich noch einmal umzudrehen.

  12. maudit | April 2, 2009 at 4:09 pm | Permalink

    Er fiel.

    Er fiel, etwas riß ihm die Beine weg.

    Er fiel, die Überraschung war seinerseits und versteifte sein Rückgrat.

    Er fiel, auf etwas Weiches war er getreten, etwas Weiches und Warmes stellte er sich vor, dachte: Scheiße, dachte: ich falle.

    Er fiel, einen Augenblick lang war er geglitten, über das Pflaster gerutscht wie ein verirrter Surfer, dann hatte er das Gleichgewicht verloren.

    Er fiel, die Zeit verlangsamte sich, oder: sein Puls beschleunigte, doch die Relativität der Perspektive - hatte je sie bestanden? - war aufgehoben, bloß er fiel, nicht der Brunnen stürzte um, nicht das Pflaster schwankte, auch die Bäume schlugen nicht hin.

    Er fiel, er allein, und sein Blick raste himmelan, die Fassaden entlang, Balkone, Balkone, Fenster, Tauben auf den Schornsteinen, Anntennen: der Himmel, der weiße Morgenhimmel über der Metropole, die Straßen sind noch leer, Lieferwagen legen sich in die Kurven, die Jalousien und Lider sind halb noch geschlossen, der weite weiße Morgenhimmel, der eine Sehnsucht in ihm weckte, ihn arglos machte gegen die Tücken der Wachwelt.

    Er fiel und wurde begraben unter einer Woge von Grün, einer Woge diesigen Morgenlichts, das Hundebellen war sehr nah an seinem Ohr, der Verlust des Gleichgewichts wurde pariert durch eine Steigerung der Herzfrequenz, Adrenalin schlug an, schreckte ihn auf, doch er fiel schon und fühlte den Kaffee in der Magengrube schwappen, stürzte und fiel und sah, wie er sich dem Pflaster näherte, stand da, neben sich, unter einem der Bäume, die den Vorplatz säumen, und sah sich fallen, in Zeitlupe, ein unkomischer Slapstick, wie er so fiel.

    Er fiel, er sah sich fallen, wünschte sich, der Sturz wäre vorbei, die Zeit lief immer zäher, er wünschte sich anzukommen, auf dem Pflaster, spürte schon das Reißen der Schädelnaht, eine Volte seiner Fantasie, er war überreizt, hatte schlecht geschlafen und mit dem Erwachen war jene verschüttete Sehnsucht in ihm aufgestiegen, und diese Unrast, auf leeren Magen bloß einen lauen Kaffee, und seine Gedanken, seine Gedanken, fielen, entfielen, er konnte sie nicht fassen, konnte sich selbst und seine Sehnsucht nicht fassen: weckten das Licht, die Stille in den Straßen dieses leere Sehnen? — und weiter Richtung Büro war er geeilt, weiter über Straßen und Plätze, beschwingt fast, da war er gefallen, nein er fiel noch, sah sich fallen, wünschte sich anzukommen, endlich.

  13. Pierre Lachaise | April 3, 2009 at 8:59 pm | Permalink

    Nocturne

    Gebunden in Saphir und Glas
    zur Silhouette einer Stadt,
    die man verließ,
    die kalten Monolithe.
    Im Strom der langen
    Wellblechtunnel
    verblieb noch Zeit für dieses Bild:
    Ein Flügelstern
    verfängt im Sammetgrund
    zu Wolkenglanz
    und dunklem Abendstrahl.

  14. Andreas Borkenkoff | April 4, 2009 at 1:52 am | Permalink

    Zusammenkunft und Findung

    Kennt ihr das?
    Man schaut in den Spiegel
    Und erblickt sich
    Man bewundert sich
    Und es ist widerlich

    Als ich gerade heftig dabei war etwas zu suchen, von dem ich schon längst vergessen hatte, was es war, kam ein alter Herr an mich heran und stellte sich daneben, wie um irgend etwas zu sagen. Ich ignorierte ihn und dachte mir, dass es bei dem nicht weit her sein konnte, dass er sich nur beschweren wollen würde.
    Ich ging ein paar Schritte weiter und schaute angestrengt-bösen Blickes in eine Ecke des dunklen Raums. Wieder nichts. Der Herr folgte mir die paar Schritte und stand abermals auffällig nahe an mir. Da ich an ihm vorbei gemusst hätte und dieses Spiel mir lächerlich erschien, senkte ich die Arme und drehte mich um. Ich schaute ihm ins Gesicht und stellte fest, dass es ein älterer, ergrauter Herr war, der inständig mit den Worten zu ringen schien.
    „Bitte?“, fragte ich barsch, in dem Augenblick als er sagte: „Ich bin…“
    „Ach so, Sie reden ja.“, bemerkte ich sarkastisch.
    „Ich bin Peter.“, sagte er und wie um diesen Umstand zu erklären sagte er.
    „Ich wohne auch hier.“
    Natürlich meinte er nicht den Raum, in dem wir uns befanden, sondern das Haus darüber. Denn wir hielten uns beide derzeit in der unterirdischen Parkanlage auf.
    „Das freut mich.“, sprach ich gleichgültig und wollte mich wieder meiner Arbeit zuwenden.
    „Sind Sie immer hier?“, wollte er wissen.
    „Manchmal.“, antwortete ich. „Oft.“, gestand ich gleich, „Wieso wollen Sie das wissen?“
    „Nun ja.“, sprach er, „Ich bin auch oft hier, aber sehe Sie zum ersten Mal.“
    „Vielleicht liegt das ja, an der Verbissenheit mit der ich es suche.“, fügte er sogleich hinzu.
    „Vielleicht.“, gab ich zurück und dachte mir, dass der Kerl log, denn ich war ja fast immer hier und sah ihn zum ersten Mal.
    „Es lohnt sich nicht zu suchen und es lohnt sich nicht Nettigkeiten auszutauschen.“, kam es plötzlich aus mir heraus, „Im Hinblick auf die Lächerlichkeit des Ganzen und die Widerlichkeit seiner Teile frage ich mich ohnehin wie ein Mensch sich in diesem komischen Alptraum wohl fühlen kann.“
    Der Mann machte einen nicht altersgemäßen Sprung bei diesen Worten.
    „Oh, wenn Sie nur wüssten, was diese Worte für mich bedeuten, junger Mann.
    Man sagt über mich immer ich sei verschlossen, unangenehm und abstoßend.
    Aber genau dieselbe Meinung vertrete ich ja auch. Da sind wir schon zwei hier.“, und er schien lachen zu wollen, besann sich aber gleich.
    Von dem Augenblick an wusste ich, dass dieser Charakter nicht echt war, doch
    ich sponn ihn weiter.
    „Entschuldigung.“, sprach der Mann sodann, „Ich habe Sie ja von etwas abgehalten.“
    „Keineswegs.“, erwiderte ich kurz.
    „Aber Sie suchten doch nach etwas, als ich kam?“, fragte der Mann.
    „Nein, wozu denn auch?“
    „Komisch, ich hatte das Gefühl, dass Sie es taten, als Sie von Ecke zu Ecke den Raum abgingen. Vielleicht irre ich mich ja.“
    „Untrüglich.“
    „Aber kommen Sie. Es hat doch keinen Sinn. Sie suchten etwas. Und auch ich suche etwas. Vielleicht sogar dasselbe, wer weiß? Lassen Sie uns gemeinsam suchen.“
    „Nein. Ich muss ablehnen. Denn weder suche ich etwas, noch kann ich mit jemandem zusammen etwas suchen.“
    Und ich ging los, in die andere Ecke des Raumes. Soeben noch vertraut und angenehm, erschien mir der Mann jetzt nur noch lästig. Da war auch nichts in der Ecke.
    Der Mann begab sich ebenfalls auf die Suche. Wir warfen uns gegenseitig misstrauische Blicke zu, als wir aneinander vorbeizogen, denn offenbar suchten wir dasselbe.
    Hatte er etwas gefunden? Nein, er band sich nur seinen Schuh.
    Ich nutzte die Gelegenheit um so zu tun, als ob ich etwas in meiner Jacke verschwinden ließ.
    Er drehte sich erschrocken um, erkannte, dass ich ihn sah und drehte sich beleidigt wieder weg, blieb aber fortan in meiner Nähe. Sehr gut, dachte ich, vielleicht wird er, überzeugt, dass ich über es verfüge, die Suche nicht weiter betreiben, sondern mich verfolgen. Dann wäre ich der Finder, dann gehörte es mir. Doch blind musste ich gewesen sein, denn ich übersah etwas in einer der vielen Ecken hier. Der Mann aber sah es und stürzte sich drauf, als ich mich ein paar Schritte von ihm entfernt hatte. Ich sofort zurück. Rede auf ihn ein, er solle es mir zeigen. Er, schüttelt wie ein Kind den Kopf. Was für ein Augenblick! Das Adrenalin steigt mir zu Kopf und verwirrt mein Denken. Ich muss es haben, denke ich mir.
    „Lass mich in Ruhe.“, schreit er.
    „Ich kenne dich nicht, Dieb.“, schreie ich zurück.
    „Du bist eingebrochen. Du wohnst hier nicht. Verschwinde von hier.“
    Ich lasse ihn aber nicht los, noch heftiger packe ich den alten Mann am Kragen.
    „Zeig her was du gestohlen hast!“, zische ich.
    „Ich krieg keine Luft…“, stöhnt er.
    Ich glaube ihm – er ist alt – und lasse ihn los.
    Das war der Augenblick als er versuchte zu flüchten und seinen Fund zu retten.
    Doch ich bin schneller, ich bin jünger. In drei Sprüngen hole ich ihn ein und ziehe ihm mit dem Feuerlöscher, den meine Hand unerwarteterweise umklammert hält, über seinen grauen Kopf. Er stürzt und blutet, aber kein Stöhnen, kein Schrei entfährt seinem Körper. Das war der Augenblick als ich wusste, dass ich ihn getötet hatte, den alten Dieb. Tot war er, verdient hatte er es. Doch genug davon.
    Ich tastete seinen Mantel ab und spürte da einen Gegenstand. Mit zittrigen Händen holte ich ihn heraus und schrie. Es war ein Joghurt. Das wonach wir gesucht hatten sollte ein Joghurt gewesen sein? Ein verdammtes Milchprodukt?
    Doch behutsam tat ich den Joghurt in meine Tasche und stieg hinauf in meine Wohnung.
    Die Polizei verhörte mich. Missverständnis, Notwehr, alles geregelt. Ich darf weiterleben.
    Ein paar Tage später war die Klingel von „P. Hermann“ leer. Er hatte also wirklich hier gewohnt. Naja, Missverständnis, Notwehr, was sollte man da machen?

  15. herr urian | April 4, 2009 at 7:57 pm | Permalink

    @Lachaise zu Nocturne: Wieder ein “Musik”-Gedicht. Etwa ein Zyklus?

    Gebunden in Saphir und Glas
    zur Silhouette einer Stadt,
    die man verließ,
    die kalten Monolithe.

    Entweder sind die “kalten Monolithe” in “Saphir und Glas” gebunden. Müssten solche Monolithe dann nicht aus einer Mischung dieser beiden Stoffe bestehen? Wofür stehen diese überhaupt? Soll “Glas” für die Fenster der Häuser stehen?
    Oder aber ich kann das gebunden nicht zuordnen.
    Ich glaube, der Effekt, den du erzielen willst, ist doch das “Verlassen” der Stadt auch räumlich mitzumachen, also die Häuser dann nur noch als “Monolithe” und eine “Silhouette” wahrzunehmen. Dann würde ich die beiden Wahrnehmungen trennen und klarer zeigen, w a s da aus Saphir und Glas ist, sonst funktionieren die Monolithe nicht.

    Im Strom der langen
    Wellblechtunnel

    Was sind Wellblechtunnel und warum “strömen” sie? Ich assoziiere mit Wellblech sofort Wellblech-”Hütten”. Die sind aber nicht gemeint?

    Ein Flügelstern
    verfängt im Sammetgrund

    Das Bild ist mir unklar. Und impliziert der Titel (wenngleich er auf die “musikalische Form” verweist) nicht, dass es Nacht ist bzw. sehr früh am Morgen? Passt dann “Abendstrahl”?

  16. herr urian | April 5, 2009 at 7:29 pm | Permalink

    @n_a: Danke für deine Kommentare.

    ich kann ja nur sagen wie etwas auf mich wirkt

    Darum geht es ja!

    Außerdem kann ich mich nicht anfreunden mit dem J. und dem T. Zunächst erscheinen mir die Figuren wie stinknormale Menschen und ich hätte sie auch gern so bezeichnet, die Initialien irritieren mich.

    „Normale“ Menschen sind J. und T. sicher, jedenfalls keine Übermenschen. Und es mag sein, dass die Initialen irritieren, aber ich glaube, dass die hier insofern wirken, als dass sie (korrespondierend mit den kurzen Sätzen) eine Distanz kreieren, die bei vollen Namen verloren ginge. Die Situation wird „allgemeiner“, gerade in diesem kurzen Einblick. Voll entwickelte Charaktere entstehen sowieso nicht. Und doch h a b e n sie Namen, die nur nicht ausgeschrieben werden.

    Hm. Diese Zeilen laufen in meinem Kopf nicht sehr glatt. Worüber ich stolpere ist das vermutet und das postieren, außerdem das 2fache “Sie wird..” sobald du’s 3x machst kriegst wieder Flow, aber 2x wirkt auf mich hier eher nicht, einmal Satzstellung ändern?

    Ich glaube eigentlich, dass das „Sie wird“ als Gedanke T.’s funktioniert, zumal das „vermutet er“ eingeschoben ist. Würde ich die Satzstellung da verändern, wirkte der Satz nicht mehr als Gedanke. Das Dritte „Sie wird“ kommt außerdem in der Inversion „wird sie lächeln“. Möglich wäre aber:

    Sie wird die Rolltreppe nehmen, vermutet er, hetzen und ein wenig ängstlich sein.

    Wie wirkt das auf dich?

    Wozu benachbart? Wirkt auf mich befremdlich.

    Hier, um klar zu machen, wie das räumliche Verhältnis der beiden Städte ist. ER fährt hinüber zu IHR.

    Das ist bestimmt Absicht mit “bis der letzte Zug verpasst war” und danach erst “Sie saßen auf dem Bett”. Ich weiß nicht was du damit bezwecken willst, dass die Zeitwahrnehmung der Beiden hin- und herspringt? Dass die Tatsache, dass sie den letzten Zug verpasst haben dazu führte, dass sie auf dem Bett rumsaßen?

    Wieso springt die „Zeitwahrnehmung hin und her“? Von der Chronologie verpasst „T.“ den Zug. Dann sitzen sie auf dem Bett. Es ist nicht klar, was die beiden in der Zwischenzeit in der Wohnung gemacht haben. Das sollte ich vielleicht verdeutlichen. K a u s a l wird aber kein Zusammenhang behauptet. Vielleicht so:

    Später in ihrer Wohnung, Einzimmer plus Bad, in der sie auf dem Bett saßen, bis der letzte Zug verpasst war.

    Mag eleganter sein als der schlichte Hinweis „Sie saßen auf dem Bett“. Und so wird die Lücke gefüllt.

    nach Bedarf??? Mag ja sein dass Sex etwas mit den Prinzipien von Angebot und Nachfrage zu tun hat, aber willst du diese Assoziation hier wirklich haben? T. wird ebenfalls zu einem mechanischen Typen. Passt dann natürlich auch zu dem “wie er es gewohnt war” und zu dem “postieren”. Ahhhhh! Okay, jetzt wird mir einiges klar. Brrr.

    Zu diesem Missverständnis: Klar ist „T.“ auch sowas wie ein „mechanischer Typ“, sicher nicht genau der, von dem „J.“ berichtet, erst recht nicht in J.’s Wahrnehmung.

    Schon wieder gewohnt. Obwohl ich jetzt weiß, was du damit bezwecken willst, lässt sich vielleicht eine andere Phrase finden um die Wiederholung zu vermeiden?

    Dieses „versuchte Leitmotiv“, auf das ANH mich hingewiesen hatte, habe ich entfernt. Ich weiß nicht, ob die Sätze, die dazwischen stehen, dieses „Mini-Leitmotiv“ nicht möglich machen, gerade, weil ich am Ende T.’s „Vermutungen“ noch einmal aufgreife. Andere Meinungen?
    Möglich wäre hier z.B., noch distanzierter, aber vielleicht sprachlich nicht ganz passend:

    „Er pflegt es, die Frau noch einmal zu treffen.“

    Postete sie und verließ die Bahnhofshalle, ohne sich noch einmal umzudrehen.

    Fänd ich interessant: Eine dritte Perspektive.

  17. ANH | April 9, 2009 at 9:24 am | Permalink

    @maudit zum “Fallen”.

    Hm. Mein erster Eindruck ist, daß Sie den Anlaß dieses Textes – offenbar rutscht jemand auf der Straße aus und fällt hin – komplett überinstrumentieren. Das ist gefährlich, weil man schnell meinen kann, der Autor habe eigentlich nichts zu erzählen, versuche aber, mit diesem Nichts eine Form zu entwickeln und von der aus zu etwas Allegorischen vorzudringen. Kann man machen, dann muß die Prosa aber kristallklar sein. Hier in diesem Text täuscht die deskriptive Haltung aber allzu deutlich über das hinweg, was sich unterdessen als „Weltschmerz“ auch in anderen Sprachen als dem Deutschen eingelagert hat. Nichts dagegen an sich, aber der Anlaß solch eines Weltschmerzes kann kaum in einem Ausrutschen und Hinfallen bestehen, sonst bekommt der Weltschmerz selbst etwas entweder Pueriles oder sogar Lächerliches, zumindest wäre er dann lachhaft. Es hat eine unfreiwillig Hyopochonder-Komik, wenn der Held der Geschichte im Ausrutschen (er tritt auf „etwas Weiches“) sofort befürchtet, seine Schädeldecke werde, wenn er aufkommt, platzen. Außerdem: wenn die Zeit sich so dehnt, wie Sie beschreiben, dann wird er seinen Kopf zu schützen wissen, den Sturz eben n i c h t einfach so hinnehmen.
    Im Einzelnen:

    Er fiel.
    Er fiel, etwas riß ihm die Beine weg.

    :Stimmt das, wenn er ausrutscht?

    Er fiel, die Überraschung war seinerseits

    : ja logisch, wessen sonst?

    und versteifte sein Rückgrat

    :ist das physiologisch wahr; führt der Adrenalin-Ausstoß, von dem Sie weiter unter schreiben, nicht gerade dazu, daß die Reaktionsbereitschaft angeheizt wird?
    .
    Er fiel, auf etwas Weiches war er getreten, etwas Weiches und Warmes stellte er sich vor, dachte: Scheiße

    : das ist nun überaus komisch. Bis hierher würde das allerdings als Groteske funktionieren.

    , dachte: ich falle.
    Er fiel, einen Augenblick lang war er geglitten, über das Pflaster gerutscht wie ein

    s e h r gesuchtes Bild:

    verirrter Surfer,

    und d a s wissen wir doch schon:

    dann hatte er das Gleichgewicht verloren.
    Er fiel, die Zeit verlangsamte sich, oder: sein Puls beschleunigte

    : w e n? Sie meinen das aber doch reflexiv…

    , doch die Relativität der Perspektive

    hier rutscht die Erzählhaltung ins unbegründet Philosophische:

    - hatte je sie bestanden? - war aufgehoben, bloß er fiel

    : ja, wer sonst? Wozu das Folgende?:

    , nicht der Brunnen stürzte um, nicht das Pflaster schwankte, auch die Bäume schlugen nicht hin.
    Er fiel,

    in der Wiederholung s e h r komisch:

    er allein,

    stimmt das folgende Bild? (ich denke spontan, es wäre besser, den Blick vom Körper zu trennen, der Blick bleibt statisch, der Körper aber fällt – das würde den Schrecken deutlicher herausstellen):

    und sein Blick raste himmelan, die Fassaden entlang, Balkone, Balkone, Fenster, Tauben auf den Schornsteinen, Anntennen: der Himmel, der weiße Morgenhimmel

    :wozu das doppelte „Himmel“?

    über der Metropole

    :warum „Metropole“?

    , die Straßen sind noch leer

    : das sieht er, wenn sein Blick himmelwärts zumal rast?:

    , Lieferwagen legen sich in die Kurven, die Jalousien und Lider sind halb noch geschlossen, der

    und noch ein drittes Mal! Wozu?:

    weite weiße Morgenhimmel, der eine Sehnsucht in ihm weckte,

    der folgende Satz ist nur schrecklich:

    ihn arglos machte gegen die Tücken der Wachwelt

    :außerdem stimmt das ja nun gerade n i c h t, daß er (noch immer?) arglos sei, während er fällt.

    .
    Er fiel und wurde begraben unter einer Woge von Grün

    :bitte? Was wogt da über ihn? Gras?

    , einer Woge diesigen Morgenlichts

    :das grün ist?

    , das Hundebellen

    :w e l c h e s Hundebellen?

    war sehr nah an seinem Ohr,

    und wieder ein häßlicher Satz („wurde pariert von“):

    der Verlust des Gleichgewichts wurde pariert durch eine Steigerung der Herzfrequenz, Adrenalin schlug an

    :das passiert sehr viel früher, das passiert bereits im Moment des Ausrutschens.

    , schreckte ihn auf, doch er fiel schon

    :ja klar, das wurde eingehend erzählt.

    und fühlte den Kaffee in der Magengrube schwappen

    : „schwappen“ stimmt auch nicht, andernfalls müßte der Held immer wieder abwärts- und aufwärts „stürzen“.

    , stürzte und fiel und sah, wie er sich dem Pflaster näherte, stand da, neben sich, unter einem der Bäume, die den Vorplatz säumen, und sah sich fallen, in Zeitlupe, ein unkomischer Slapstick

    :sehen Sie, Sie haben selbst ein gutes Gefühl für die Szene, heben das unfreiwillige aber nicht dadurch auf, daß Sie das benennen. Das funktioniert nicht, auch nicht dieses plötzlich lapidare

    , wie er so fiel.
    Er fiel, er sah sich fallen, wünschte sich

    :dauert „zu wünschen“ nicht länger, als die Szene hier erlaubt?

    , der Sturz wäre vorbei,

    zu kindlich jetzt:

    die Zeit lief immer zäher, er wünschte sich anzukommen, auf dem Pflaster, spürte schon das Reißen der Schädelnaht, eine Volte seiner Fantasie

    : „Volte“ ist hier viel zu konstruiert. Sie müßten das sinnlich hinbekommen.

    , er war überreizt, hatte schlecht geschlafen

    und von hier ab, das ist ja eine Rückblende, einen ganz anderen als bloß den deskriptiven Dreh finden:

    und mit dem Erwachen war jene verschüttete Sehnsucht in ihm aufgestiegen, und diese Unrast, auf leeren Magen bloß einen lauen Kaffee, und seine Gedanken, seine Gedanken, fielen, entfielen, er konnte sie nicht fassen, konnte sich selbst und seine Sehnsucht nicht fassen

    : Gedanken und Sensucht werden vermischt, ohne daß man eigentlich erfährt, weshalb, also es sinnlich erfährt.

    : weckten das Licht

    : grammatisch: seine Gedanken weckten das Licht?

    , die Stille in den Straßen dieses leere Sehnen?

    : „seine Gedanken weckten die Stille in den Straßen dieses leere Sehnen“?

    — und weiter Richtung Büro war er geeilt, weiter über Straßen und Plätze

    je nun…

    , beschwingt fast, da war er gefallen, nein er fiel noch, sah sich fallen, wünschte sich anzukommen, endlich.

  18. ANH | April 9, 2009 at 9:41 am | Permalink

    @Pierre Lachaise zu “Nocturne”.

    Das ist ein ganz schönes Gedicht. Darf ich dennoch die Bilder einmal „abklopfen“?

    Nocturne

    Gebunden in Saphir und Glas
    zur Silhouette einer Stadt,
    die man verließ,
    die kalten Monolithe.

    Was kann ich mir unter „i n Saphir und Glas gebunden“ vorstellen. Man bindet mit Seilen, Tauen, meinethalben auch noch Stahlbändern… selbst Glasbänder gingen… Wie ist „gebunden“ hier gemeint? Wenn es nur-metaphorisch wäre, funktionierte das Bild nicht. Es wäre gut, hier ein k o n k r e t e s Bild zu evozieren. Wobei die „kalten Monolithe“ etwas haben, auch wenn ich nicht genau weiß, was Sie meinen.

    Im Strom der langen
    Wellblechtunnel

    „Wellblechtunnel“ nach „im Strom der“ ist s e h r schön!

    verblieb noch Zeit für dieses Bild:

    warum „verblieb? Die rhythmischen Gründe sind klar, nur müßten sie mit sinnlichen zusammengehen, um dann wirklich g u t e Gründe zu sein.

    Ein Flügelstern
    verfängt im Sammetgrund

    „verfängt“ muß reflexiv gebraucht werden, “er” „fängt“ ja nicht, und finge er, w a s finge er dann? Auch „Sammet“ kommt mir, statt „Samt“, seltsam altertümelnd vor. Nähmen wir aber „Samt“, wäre das Bild wieder fragwürdig…

    zu Wolkenglanz
    und dunklem Abendstrahl.

  19. Andreas Borkenkoff | April 9, 2009 at 2:22 pm | Permalink

    Teamwork

    Schaufel dir dein eignes Grab
    Eignes Grab mit eigner Schaufel
    Ja, mit einer eig’nen Schaufel,
    deren abgenutzter Griff
    Deren Griff in deinen Händen
    Deren Griff sie feste hält
    Deren Halt sie zielgerichtet
    Gegen Erde kämpfen lässt
    Gegen Erde, die dich formte
    Gegen Erde, die dich nährte
    Gegen Erde, gegen Erde
    Schaufelst freudig du dein Grab
    Mit dem Griff der kalten Hände
    Mit den Händen, an dem Griffe
    Mit dem Griff, der alten Schaufel
    Deren pausenloses Treiben
    Dunkle Erde vor dir weitet
    Und dazwischen liegt dein Grab
    Geh hinab und finde Ruhe
    Alles andre kommt von selbst

    Kommt ein Mann daher gelaufen
    Und erblickt ein Loch und Schaufel
    Ja, da kommt ihm der Gedanke
    Dass das Leben ihm nicht glückt
    Nimmt die Schaufel in die Hände
    Fängt ein Grab sich an zu schaufeln
    Und im munteren Geschaufel
    Deckt er blind dein Grab dir zu
    Denn der Mann hat andre Ziele
    Als die Gegend zu betrachten
    Denn der Mann hat andre Pläne
    Schaufelt er sein eignes Grab

    Vieles braucht man nicht im Leben
    Bisschen Kraft und eine Schaufel
    Nur hinab in eure Löcher
    Alles andre kommt von selbst

  20. ANH | April 9, 2009 at 3:51 pm | Permalink

    @Andreas Borkenkoff zu „Zusammenkunft und Findung“.

    Eigenartige Groteske, deren „Auflösung“ zu banal ist, um wirklich überraschen zu können. Dahinter steht eine Bewegung der Wahrnehmung von Sinnlosigkeit, also von Absurdität, von der aber nicht recht klar wird, woher sie rührt und die ich Ihnen, als wirklich wahrgenommene Absurdität, aus diesem Text auch nicht abnehmen kann. Dazu kommen die seltsamen Verschränkungen von in einem Parkhaus wohnen, aber dann doch nicht da wohnen usw. Eine Zeit lang dachte ich, die Erzählung werde darauf hinauslaufen, daß die beiden erzählten Figuren in Wahrheit identisch seien; dafür gibt es eine Reihe Anhaltspunkte, aber das läuft sich dann leer. Zumal ist in der Auflösung selbst, daß der Totschlag etwa „Notwehr“ gewesen sei, gegenüber der Polizei angegeben und von ihr akzeptiert, s o nicht schlüssig. Hinzu kommt die Fraglichkeit des Gegenstandes, nach dem gesucht wird. Man könnte das als Allegorie lesen, wäre dann nicht wieder die Absurdität des „Milchprodukts“ da. Ebenfalls unverständlich bleibt der hohe Aggressionsgrad, den vor allem der Jüngere gegenüber dem Alten hier an den Tag legt.
    Das sind aber erst einmal alles nur inhaltliche Einwände. Die formalen jetzt:

    Kennt ihr das?
    Man schaut in den Spiegel
    Und erblickt sich

    : das ist imgrunde schon entbehrlich.

    Man bewundert sich
    Und es ist widerlich

    Wieso bewundert man sich und wieso ist genau das dann widerlich? Völlig unklar. Zwar, es richtet die Aufmerksamkeit schon darauf, daß die beiden folgenden Figuren eigentlich identisch seien, aber genau das wird ja dann zur Fehlspur. Insofern ist diese kurze gedichtartige Einlage bereits wie ein loser, nicht mit der Erzählung verbundener, sondern heraushängender Faden.

    Als ich gerade heftig dabei war

    Komma; außerdem „heftig dabei war zu suchen“ ist schon seltsam.

    etwas zu suchen, von dem ich schon längst vergessen hatte, was es war, kam ein alter Herr

    : hier noch „Herr“, später „Mann“; hat das einen Grund?

    an mich heran und stellte sich daneben

    woneben? Neben das Suchen? Ungenau.

    , wie um irgend etwas zu sagen. Ich ignorierte ihn und dachte mir, dass es bei dem nicht weit her sein konnte

    : was bedeutet das „nicht weit her sein“ hier?

    , dass er sich nur beschweren wollen würde.

    : G a n z unschön: „beschweren wollen würde“; außerdem: wieso dachte das der Erzähler? Worüber sich beschweren, in einem Parkhaus?

    Ich ging ein paar Schritte weiter und schaute angestrengt-bösen

    : „angestrengt-bösen“ ist stilistisch angestrengt.

    Blickes in eine Ecke des dunklen Raums

    : „Raum“ funktioniert nicht für „Parkhaus“.

    . Wieder nichts. Der Herr folgte mir die paar Schritte und stand abermals auffällig

    :für was auffällig? In Bezug auf was?

    nahe an mir. Da ich an ihm vorbei gemusst hätte

    : das „hätte“ verlangt eine Kondition: Ich hätte vorbeigemußt, wenn das und das der Fall gewesen wäre

    und dieses Spiel

    :wieso „Spiel“?

    mir lächerlich erschien, senkte ich die Arme

    :wieso hatte er sie denn gehoben?

    und drehte mich um. Ich schaute ihm ins Gesicht

    : unnötig.

    und stellte fest

    : 1) hat er ihn nicht vorher schon angesehen? 2) wieso sieht er nicht einfach

    , dass es ein älterer, ergrauter Herr war, der inständig mit den Worten zu ringen schien.
    „Bitte?“, fragte ich barsch, in dem Augenblick

    Komma, aber insgesamt brauchen Sie „in dem Augenblick“ gar nicht, sondern können gleich s o weitermachen:

    als er sagte: „Ich bin…“
    „Ach so, Sie reden ja.“, bemerkte ich sarkastisch.

    :Nicht nachvollziehbare Bemerkung. Auch nicht schön ist, sein eigenes Verhalten adjekktivisch-bewertend zu beschreiben; ich meine hier das Wort “sarkastisch”.

    „Ich bin Peter.“, sagte er und wie um diesen Umstand

    : Umstand? S e h r umständlich.

    zu erklären sagte er.
    „Ich wohne auch hier.“
    Natürlich meinte er nicht den Raum, in dem wir uns befanden, sondern das Haus darüber. Denn wir hielten uns beide derzeit in der unterirdischen Parkanlage auf.
    „Das freut mich.“, sprach ich gleichgültig und wollte mich wieder meiner Arbeit zuwenden.

    Welcher Arbeit?

    „Sind Sie immer hier?“, wollte er wissen.

    Hier retardiert der Dialog:

    „Manchmal.“, antwortete ich. „Oft.“, gestand ich gleich, „Wieso wollen Sie das wissen?“
    „Nun ja.“, sprach er, „Ich bin auch oft hier, aber sehe Sie zum ersten Mal.“
    „Vielleicht liegt das ja, an der Verbissenheit mit der ich es suche“, fügte er sogleich hinzu.

    W e r sucht jetzt? Der Erzähler oder der alte Mann? Und wieso nennen Sie das, was er sucht, ein „es“?

    „Vielleicht.“, gab ich zurück und dachte mir, dass der Kerl log, denn ich war ja fast immer hier und sah ihn zum ersten Mal.
    „Es lohnt sich nicht zu suchen und es lohnt sich nicht Nettigkeiten auszutauschen.“, kam es plötzlich aus mir heraus, „Im Hinblick auf die Lächerlichkeit des Ganzen und die Widerlichkeit seiner Teile frage ich mich ohnehin

    Komma

    wie ein Mensch sich in diesem komischen Alptraum wohl fühlen kann.“

    : außerdem, wer spricht hier? Sie schließen den Dialogpart des Alten mit einem Komma an den des Jungen an.

    Der Mann machte einen nicht altersgemäßen Sprung bei diesen Worten.
    „Oh, wenn Sie nur wüssten, was diese Worte für mich bedeuten, junger Mann. Man sagt über mich immer ich sei verschlossen, unangenehm und abstoßend. Aber

    Wieso „aber“?

    genau dieselbe Meinung vertrete ich ja auch. Da sind wir schon zwei hier.“, und er schien lachen zu wollen, besann sich aber gleich.

    :Hier gegen die Dialogparts dann munter durcheinander.

    Von dem Augenblick an wusste ich, dass dieser Charakter nicht echt war

    : was bedeutet: „nicht echt“?

    , doch ich sponn ihn weiter.

    : Schöne Idee jetzt: der Alte als Erfindung. Das ist fein, kommt aber zu lax daher und wird später ja auch wieder aufgegeben.

    „Entschuldigung.“, sprach der Mann sodann

    :altertümlich hier, dieses „sodann.

    , „Ich habe Sie ja von etwas abgehalten.“
    „Keineswegs.“, erwiderte ich kurz.
    „Aber Sie suchten doch nach etwas, als ich kam?“, fragte der Mann.
    „Nein, wozu denn auch?“
    „Komisch, ich hatte das Gefühl, dass Sie es taten, als Sie von Ecke zu Ecke den Raum

    :abermals: „Raum“ paßt nicht auf „Parkhaus“.

    abgingen. Vielleicht irre ich mich ja.“
    „Untrüglich.“
    „Aber kommen Sie. Es hat doch keinen Sinn.

    :Er meint: Es hat keinen Sinn, es zu leugnen. Gramm. Sagt es aber, es habe keinen Sinn zu suchen.

    Sie suchten etwas. Und auch ich suche etwas. Vielleicht sogar dasselbe, wer weiß? Lassen Sie uns gemeinsam suchen.“
    „Nein. Ich muss ablehnen. Denn weder suche ich etwas, noch kann ich mit jemandem zusammen etwas suchen.“
    Und ich ging los, in die andere Ecke des Raumes. Soeben noch vertraut und angenehm

    :wo war ihm bitte der alte Mann vorher vertraut und angenehm? Ganz das Gegenteil ist doch immer erzählt worden.

    , erschien mir der Mann jetzt nur noch lästig. Da war auch nichts in der Ecke.
    Der Mann begab sich ebenfalls auf die Suche.

    :einfacher: Der Mann suchte ebenfalls weiter.

    Wir warfen uns gegenseitig misstrauische Blicke zu, als wir aneinander vorbeizogen

    : „vorbeizogen“: viel zu groß!

    , denn offenbar suchten wir dasselbe.

    Das retardiert, wenn jetzt narrativ lapidar bestätigt wird, was oben abgestritten wird.

    Hatte er etwas gefunden? Nein, er band sich nur seinen Schuh.
    Ich nutzte die Gelegenheit um

    :das „um“ brauchen Sie nicht; sonst ein Komma davorsetzen.

    so zu tun, als ob ich etwas in meiner Jacke verschwinden ließ.
    Er drehte sich erschrocken um, erkannte

    :besser: „bemerkte“

    , dass ich ihn sah und drehte sich beleidigt wieder weg, blieb aber fortan in meiner Nähe. Sehr gut, dachte ich, vielleicht wird er, überzeugt, dass ich über es

    :siehe oben: „es“.

    verfüge, die Suche nicht weiter betreiben, sondern mich verfolgen. Dann wäre ich der Finder, dann gehörte es mir.

    Wäre er nicht sowieso der Finder, wenn er „es“ gefunden hätte? Dann holprige Satzstellung:

    Doch blind musste ich gewesen sein, denn ich übersah etwas in einer der vielen Ecken hier. Der Mann aber sah es und stürzte sich drauf, als ich mich ein paar Schritte von ihm entfernt hatte. Ich sofort zurück. Rede auf ihn ein, er solle es mir zeigen. Er, schüttelt wie ein Kind den Kopf. Was für ein Augenblick!

    :unecht dramatisch.

    Das Adrenalin steigt mir zu Kopf

    : unschön.

    und verwirrt mein Denken. Ich muss es haben, denke ich mir

    :zu sanft, zu distanziert für den Adrenalinschub, der behauptet wird.

    .
    „Lass mich in Ruhe.“, schreit er.
    „Ich kenne dich nicht, Dieb.“, schreie ich zurück.
    „Du bist eingebrochen. Du wohnst hier nicht

    :im Parkhaus?

    . Verschwinde von hier.“
    Ich lasse ihn aber nicht los, noch heftiger packe ich den alten Mann am Kragen.

    :Das geht, glaube ich, nicht, jemanden am Kragen zu packen und es dann gleich „noch heftiger“ zu tun.

    „Zeig her was du gestohlen hast!“, zische ich.
    „Ich krieg keine Luft…“, stöhnt er.
    Ich glaube ihm – er ist alt

    :wissen wir. Aber ist Alter ein Faktum, das einen jemandem etwas glauben läßt?

    – und lasse ihn los.
    Das war der Augenblick als er versuchte zu flüchten und seinen Fund zu retten.

    :umständlich. Weshalb nicht einfacher: „In dem Moment wollte er flüchten“?

    Doch ich bin schneller, ich bin jünger. In drei Sprüngen hole ich ihn ein und ziehe ihm mit dem Feuerlöscher, den meine Hand unerwarteterweise

    :????? Besser, dieses „unerwarteterweise“ gar nicht erst nennen; viel besser, es einfach als ganz normal vorauszusetzen und so zu schildern.

    umklammert hält, über seinen grauen Kopf. Er stürzt und blutet, aber kein Stöhnen, kein Schrei entfährt seinem Körper

    : „ein Stöhnen entfährt seinem Körper“? Welcher Körperstelle? Welchen Körperstellen? Unfreiwillig komisch.

    . Das war der Augenblick

    Komma

    als ich wusste, dass ich ihn getötet hatte, den alten Dieb. Tot war er, verdient hatte er es. Doch genug davon.
    Ich tastete seinen Mantel ab und spürte da einen Gegenstand. Mit zittrigen Händen holte ich ihn heraus und schrie. Es war ein Joghurt. Das

    Komma

    wonach wir gesucht hatten

    Komma

    sollte ein Joghurt gewesen sein? Ein verdammtes Milchprodukt?
    Doch

    :wird stärker ohne dieses „doch“.

    behutsam tat ich den Joghurt in meine Tasche und stieg hinauf in meine Wohnung.
    Die Polizei verhörte mich. Missverständnis, Notwehr, alles geregelt. Ich darf weiterleben

    :auch komisch. Selbst, hätte er den Alten mit Absicht getötet, hätte er weiterlebenkönnen, wäre nur halt eingesperrt worden.

    .
    Ein paar Tage später war die Klingel von „P. Hermann“ leer

    :Sie meinen das Klindelschild, oder? Wohl nicht die Klingel. Aber auch ein Klingelschild ist weniger leer als bisweilen unbeschriftet.

    . Er hatte also wirklich hier gewohnt.

    :auch nicht nachvollziehbar, wenn „die Klingel leer“ ist, jedenfalls wohl nicht als ein Beleg dafür, daß da einer gewohnt habe, deren Namen man kennt.

    Naja, Missverständnis, Notwehr, was sollte man da machen?

    Das Ende kippt sich einfach leer aus.

  21. Andreas Borkenkoff | April 10, 2009 at 1:58 am | Permalink

    Lieber Herr Herbst,

    in allen Punkten gebe ich Ihnen Recht.
    Die verbale und inhaltliche Unausgereiftheit
    des Textes ist eine Zumutung.

    Beste Grüße,

    Andreas

  22. maudit | April 10, 2009 at 2:07 am | Permalink

    @ANH: vielen Dank für Ihre Kritik. Weltschmerz liegt mir fern: der Text war als “Etüde” intendiert, ich wollte immer mehr Wahrnehmungen des Fallenden einschieben und so die Zeit - sprachlich - verlangsamen; das ist wohl misslungen. Ich habe den Text stark überarbeitet, euphemistisch gesprochen, d.h. einen neuen geschrieben, und einzwei Sätze hinüber genommen.

    Die Entdeckung des gekrümmten Raums

    Der Frühling war da, ohne daß er sich am Vortag angekündigt hätte. Als Dr. Einstein die Haustür absperrte, war ihm, als habe er seinen Geruchssinn nach langer Zeit des Verlustes wiedererlangt. Gewohnheitsmäßig ging er die Lesnická-Straße hinunter und bog dann rechts ein in den Janáčkovo-Quai.

    Er trug noch immer den Wintermantel und geriet ins Schwitzen. Der Hut war ihm plötzlich zu eng oder hatte sich der Kopf über Nacht vergrößert? Der Erfinder der Relativitätstheorie versuchte, sich gegen diese Abschweifungen - Abirrungen, die ihn von seinen eigentlichen Überlegungen entfernten - zu wehren. Oft brachte der fünfzehn bis zwanzig minütige Gang zum Institut die fruchtbarsten Gedanken des Tages. Später würde er, kaum in seinem Büro angekommen, mit der Vorlesung beginnen; auch die Zeit danach wäre von unerfreulichen Verpflichtungen überschattet: Hopfens Aufbruch stand bevor, Kollege Lampa bestand darauf, ihn in die Kantine zu begleiten, zwischendurch war die amtliche Tintenscheißerei zu erledigen.

    Wäre irgendwo am Weg eine Bank gestanden: Dr. Einstein hätte nicht gezögert, er hätte sich gesetzt, um ungestört den Faden seiner Überlegungen aufzunehmen. Nein, es gab keine Bank, und als er zum Kirchturm schaute, bemerkte er verärgert, daß er zwei Minuten in Verzug war. Er wollte nicht so recht vorankommen. Dr. Einstein ermahnte sich, zügiger zu gehen.

    Plötzlich geriet er ins Rutschen und verlor das Gleichgewicht. Auf etwas Weiches war er getreten, etwas Weiches und Warmes stellte er sich vor, dachte: Scheiße, dachte: ich falle. Der Puls beschleunigte sich, Adrenalin schlug an, schreckte ihn auf, er stürzte, sein Blick kippte himmelan, die Fassaden entlang, Balkone, Balkone, Fenster, auf den Schornsteinen Tauben. Und wie Dr. Einstein immer schneller auf das Pflaster zuraste, schien ihm, als beschrieben die Sonnenstrahlen einen Bogen: gekrümmtes Licht, gekrümmter Raum.

    Dr. Einstein war glücklich, auch der leidige Hut war ihm endlich vom Kopf gerutscht. Später, wenn er vor Freunden die “Prager Groteske” zum besten gab, vermied er, die profane Ursache seines Sturzes zu enthüllen, und machte das blank getretene Kopfsteinpflaster der Palackého-Brücke für das so folgenreiche Malheur verantwortlich. In seinem “leicht verständlichen” Buch zur Relativitätstheorie verlegt er den Ort der Erkenntnis sogar in die “stillen Räume des Theoretisch Physikalischen Instituts”. Die wahren Umstände sind längst vergessen. Bloß einige treue Hunde halten das Andenken hoch und markieren noch heute die erwürdige Stelle.

  23. ANH | April 10, 2009 at 6:20 pm | Permalink

    Lieber Herr Borkenkoff,

    “Zumutung” finde ich wirklich einen zu harten Begriff. Das Seminar ist ja dafür da, daß man auch unfertige Texte diskutiert. Vieles, das ich selbst mal geschrieben habe, war vor einer Überarbeitung - meistens mehrerer Überarbeitungen - ganz ebenso unfertig. Ja, würden hier einfach nur ganz “perfekte” Texte eingestellt werden, hätte ein solches Seminar auch gar keinen Sinn. Im übrigen gibt es sicherlich immer auch Punkte, in denen i c h mich irre während eines Lektorates. Es ist sowohl an Ihnen wie an anderen, so etwas auszudiskutieren.

    Mit einem guten Gruß
    ANH
    http://www.albannikolaiherbst.de

  24. n_a | April 11, 2009 at 12:25 pm | Permalink

    @Andreas Borkenkoff - Zusammenkunft und Findung

    Das Ganze kommt mir vor wie ein Traum - ein Alptraum - in dem sich ein innerer Kampf ausformuliert. Diese Suche, von der man nur das Gefühl der Dringlichkeit kennt, aber nicht das Ziel. Die Implikationen dieses Gefühls, die zu zerstörerischen Handlungen führen, zu Feindschaft, Neid, Konkurrenz. Als sei das ganze Leben ein Wettkampf um ein nicht näher bestimmbares höchstes Gut, und jeder darauf programmiert, dieses Gut als Erster und Einziger zu erlangen. Es spricht sich eine Vorrangstellung des Subjekts aus: hierin liegt für mich auch der Zusammenhang zu den anfänglichen Zeilen. Das lyrische Ich bewundert sich, und da es das aber im Grunde widerlich findet, braucht es dafür eine Rechtfertigung. Diese Rechtfertigung findet es in der Suche, bzw. streng genommen erst dann, wenn es endlich in den “Besitz” dieses “etwas” gekommen ist, das einen deutlich gegenüber den Anderen auszeichnet. Daher auch der Kampf, der bis aufs Blut geht. Umso krasser dann natürlich: Das Milchprodukt. Da schließe ich mich ANH an, das ist als Auflösung viel zu banal. Allerdings vielleicht auch so gewollt als Kontrast, als Erkenntnis der Lächerlichkeit dieses ganzen Bestrebens. Was dann aber nicht passt ist die fehlende Einsicht, dass der Mord, den man ja im Namen dieses jetzt eingesehen lächerlichen Bestrebens begangen hat, schrecklich war. Das fehlt. Es bleibt Notwehr. Natürlich. Was kann man dafür, dass man qua Menschsein sucht, dass dieses Streben in das Gehirn eingeschrieben wurde, als einziger zu überleben. Mein bescheidener Vorschlag wäre am Schluss den Bogen zu schlagen zu der Widerlichkeit oben (und ein andere Bild als den Joghurt zu nehmen).
    So, ich hoffe ich hab nicht zuviel reininterpretiert. Ich fand die ganze beschriebene Situation - abgesehen von den sprachlichen Schwächen und Ungenauigkeiten - stark. Wäre gespannt auf eine zweite Version mit einem kraftvolleren Ende.

  25. sirenomele | April 12, 2009 at 11:06 pm | Permalink

    @ herr urian,
    schön brr(”ealistisch”)-mutiger text — der text produziert auf jeden fall ekel in mir, die pointe ist widerlich und banal, und das halte ich für einen vorteil.

    – ich bin am anfang über das “gewohnt” gestolpert, da ich dachte, dass es sich um eine beziehung handelt. du gibst zwar entsprechende hinweise, dass es keine ist und außerdem ist das wort so eine art schlüssel- oder aufmerkwort — in bezug auf den schluss –, vielleicht kann man aber doch anders formulieren? (ich denke an so etwas wie “den regeln entsprechend”, den regeln der verführung, der körper … oder nur so eine kleine kälte in der formulierung, wie es schon bei “bedarf” anklang, aber nicht ganz passte — “umschlingen” klingt zum beispiel zu innig für mich — man kann beschreiben, wie er sie mit latenter berechnungn auszieht, als wäre sie genau das hilflose ding, das sie offensichtlich darstellt. )

    – insgesamt hängt diese ungewissheit aber, denk ich, mit den perspektivsprüngen der erzählhaltung zusammen. j. und t. und ihre parallelität haben ja selber immanente erzählerperspektiven. wenn in einer anonymen bahnhofshalle “j.” und “t.” sich auf ein treffen vorbereiten, denkt man, die beiden würden sich gut kennen und dann denkt man eben gleich schemata. anders wäre es, wenn man z.b. im ersten absatz, wo t. über j. nachdenkt, “diese j.” oder ” j. von gestern” oder “die krampfhafte brünette von gestern” schreiben würde und dadurch (eigentlich berechtigt?) distanz ihrer beziehung markieren.

    – die perspektivumbrüche fielen mir erst im letzten absatz ins auge. der absatz hört mit einer schön den anfang konterkarrierenden außenperspektive auf, der blick auf seine figur, seine jacke usw., der absatz beginnt aber mit einer intention. (heute würd er es ihr sagen …) — ich weiß, das “heute” ist wichtig als markierung der chronologie. aber trotzdem, wenn man insbesondere diesen letzten perspektivwechsel vermeiden könnte, würd’ ich zufriedener sein.

    – dann auch die frage: wann ist j. benutzt worden? das ist eine frage der zeitlichkeit, dann auch der psychologie. so, wie du schreibst, muss es kurz vorher gewesen sein, denke ich … — dann wäre sie aber wirklich ganz schön blöd, das nächste fick-treffen nicht gleich ganz abzublasen — oder aber sie will es dann wirklich wissen. oder die sitution wird insgesamt interessanter/ komplizierter und verdient meines erachtens ein wenig mehr aufmerksamkeit, feingliedrigkeit. wenn es sich schlicht um das problem der rein-raus-mechanik handelt, dann würde ich auch nicht “benutzt” schreiben, eher “frustiert”, “gelangweilt” oder “angewidert”. “benutzt”-sein konnotiert doch anderes …

    gruss

  26. nurso | April 13, 2009 at 12:58 pm | Permalink

    Der Tag

    Er hat noch garnicht angefangen da vergeht er schon
    Nach einer Tasse Kaffee, Feuilleton
    lädt milder Frühlingssonnenschein
    zum inspirierenden Spaziergang ein

    Doch sitz ich lieber unentschlossen
    Auch wenn die Wünsche noch so pochen
    In meinem Zimmer mit nur einem Flügel
    Und träume still vom fernen Hügel

    Wo ich ganz leicht und lachend bin
    Von Freiheit und Erlösung sing
    In ewiger Verbundenheit mit dir
    Mit allem eins, der Himmel, hier

    In meinem Kopf. So sitz ich lang
    Was ist auch, was ich in der Welt erring
    Ein Schein, ein Scheitern, ab und an
    Verführung, taumelnde Berührung, Wahn

    Der Tanz der jungen Götter um den alten Gral
    Mir wirkt es heute alles schal
    So sitz ich, wund, und tue keinen Schritt
    Bis du mich holst und rufst: Komm mit!

  27. Andreas Borkenkoff | April 14, 2009 at 11:43 pm | Permalink

    Lieber Herr Herbst,

    Sie haben Recht, ich werde doch mal versuchen den
    Text zu überarbeiten. Tatsächlich hatte ich die Hauptfigur
    am Ende aus einem Traum erwachen und ein
    graues Haar an sich entdecken lassen, womit eine
    Brücke zum alten Mann und der Identität beider
    im Traum dieser Person geschlagen werden sollte.
    Kam mir dann aber zu lächerlich vor und ich löschte
    diese Passage bevor ich den Text hier einschickte.
    Aber ich glaube ich nehme sie wieder auf und
    den Joghurt wahrscheinlich raus etc.
    Auf jeden Fall vielen Dank.

    Liebe(r) n_a,

    Mit fast allem was du schreibst bin ich einverstanden.
    Nur erscheint im Spiegel zwar man selbst, im Traum
    hingegen ist der “Spiegel” des jungen Mannes nicht er selbst.

    Danke nochmals und entschuldigt die Verspätung.

    Beste Grüße, Andreas

  28. Mausezahn | April 16, 2009 at 11:08 am | Permalink

    Musikstück

    Allegro. In G-Dur. Wir beide. Auf Wiesen. Auf Blumen. In Seide.
    Der Sommer. Die Sonne. Die Wärme. Die Nächte. Am Himmel die Sterne.
    Die Nähe. Die Träume. Am Morgen. Zusammen. Einander. Versorgen.
    Der Klang deiner Stimme. Stringendo. Der Rhythmus. Ein Echo. A tempo.

    Andante. In a-Moll. Im Dunkeln. Gespräche. Vier Augen. Ein Funkeln.
    Der Herbst und der Wind und Gefühle. Der Sturm und die Wolken. Die Kühle.
    Die Wärme. Zuhause. In e-Moll. Mit Kerzen und Wein. Etwa glasvoll.
    Den Körper. Umhüllen. Bedecken. Die Tränen. Verweigern. Verstecken.

    Adagio. In h-Moll. Piano. Dein Seufzen. Mein Weinen. Soprano.
    Versprechen. Im Winter. Versagen. Verlieren. Im Schnee. Und vertragen.
    Entdecken. Ein Feuer. Entzünden. Ein Wechsel. In C-Dur. Verkünden.
    Ein Lächeln. In e-Moll. Staccato. Ein Lachen. Im Frühling. Da capo.

  29. Marcel Stefan | April 20, 2009 at 8:41 pm | Permalink

    Hier stehe warte ich vor jenem Schrein
    umrandet von in Gold gesetzten Lettern
    Heiligtum des Vertrauens
    Hier stehe ich
    bedürftig
    hoffend es stimmt was du mir erzählt

    WO BIST DU DENN?

    Wo bist du denn wo deine Worte die
    Sommergärten und Paläste bauten
    Wo ist Erfüllung wo Heilsgeschichte
    dass an deine Lehren glauben lohnt
    Wo ist das Paradies wo die Erfüllung
    die in deinen frühen Schriften Gesten wohnt

    Wo bist du denn in jenen schweren Zeiten in
    denen meine Welt das Sterbezimmer sieht
    mein Blütenbaum entwurzelt blutet

    Wo ist der Halt den du versprichst und
    jene Liebe die den Sünder nimmt

    Kein Wort Versöhnen kommt von dir
    Kein Beweis für deine Wundertätigkeit
    Keine Arme die ihn bremsen
    meinen stummen tauben Fall

    Fern von jenem Geist dem sie erbaut
    voll Juwelen leerem Ritual
    Menschen fremd bigott und starr
    deine Kathedrale monumental

    Wo bist du denn . . .

  30. kaira | April 20, 2009 at 10:40 pm | Permalink

    hm mal eine spontane Reaktion auf die beiden Gedichte:

    @Mausezahn - Musikstück

    Schön :) Ich habs mir ausgedruckt und probiert, dazu die Akkorde zu spielen, klang sehr klassisch (ein Rondo) mit deutlichem Hang zur Romantik. Die Idee den Takt so umzusetzen ist interessant, kurzatmig, das macht das Tempo aus. Sehr schön finde ich wenn du in der 2. Zeile der Adagio-Strophe damit brichst, würde ich fast wünschen dass es die ganze Strophe so wäre. Über einzelne Wörter stolpere ich etwas weil ich sie keinem Bild zuordnen kann, z.B das “etwa glasvoll” oder das Lächeln in e-moll, Staccato. Aber sonst…

    @Marcel Stefan

    Der Text wirkt roh, ein authentischer Aufschrei. Ich versuche mal… hm… also so einen Text auseinandernehmen, rein formal und literaturkritisch, da müsste man ja auch erstmal über den Pathos wegkommen… hm… also aber ich hab auch so nen Text in der Schublade, vielleicht als Antwort:

    Choral

    Als die verlorene Mutter noch sang
    Rumpelstilzchen noch tanzte
    Noch Hoffnung war auf Lösung der Verwirrung
    Liebten wir Sie - noch

    Als Eins und Eins und Eins die Wurzel
    Kain und Alles war
    Und Wenn und Aber nur Bezug auf Dich
    Liebten wir Dich - noch

    Als Liebe ewig schien und Tod Gewinn
    Blut und Sehnsucht Nahrung für die Seele
    Und alles gleich sich in Vergebung zu erhöhen ging
    Suchten wir Sie - noch

    Als du begannst dich für die Freiheit aufzulösen
    in Illusion. Du Grund des Grundes ohne Grund,
    gabst uns den alleinigen Befund: Natur
    Da zweifelten wir schon

    Als du den Götzen unterlagst
    damit sie deine heilige Saat verschlingen konnten
    und zurückließen leere Mägen, die du nicht mehr füllen konntest
    Da begannen wir langsam zu verzweifeln

    Als Heilige Teufelswerk vollbrachten
    Und geschundene Seelen aus Rache
    und in deinem Namen die Hölle schufen auf Erden
    Da hassten wir dich

    Jenseits der Worte bist du nicht zu fassen,
    die larmoyant nur immer um die heile Welt des Mutterbauches kreisen.
    Verblendung jeder Komplexität. Sinnenreduktion.
    An dieser Stelle stehn wir nüchtern
    und fürchten keine Schuld. Nur Konsequenzen
    Und das Chaos im Gehirn.

    Doch sind wir diese Sehnsucht los,
    die ewig wartend nichts gewinnt.
    und gehen Schritt für Schritt
    uns endlich selbst zu erlösen.

  31. so einfach.. | April 20, 2009 at 11:35 pm | Permalink

    ..wirst du mich nicht los

    http://www.lastfm.de/music/Thomas+Quasthoff/_/Belsazar%2C+Op.+57%3A+Die+Mitternacht+zog+n%C3%A4her+schon

    CHAOS: oh bitte erlöse mich doch wer!!

    Also Stefan… Schulterschluss. Sich mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen ist die Hölle. Respekt dass du es tust. Egal wie. Und sogar dass du glaubst dass es noch jemand gäbe, irgendwo, den man tatsächlich anrufen könnte. So ein Glaube muss schon ziemlich stark sein.

    *SchattenboxenEnde*

  32. read An | April 21, 2009 at 4:39 pm | Permalink

    nackter tausch der gezeiten

    der mond
    die sichel
    die sense im takt
    wie ein akt
    ist ein bild ein brand
    ist bewegung
    ist wasser ist meer ist das land
    wie ein rumpf ohne rast
    ein baum deiner last
    ist es mann
    ist es frau
    ist der regen
    ist tau
    kommt und geht
    weht
    tastend
    durch die wellen und wogen
    weht
    geht
    tastend
    durch die wellen und wogen

    welt

    der mond
    die sichel
    die sense im takt
    wie ein akt

    nackt

    ist ein bild ein brand

    ist bewegung ist wasser ist meer ist das land

  33. read An | April 21, 2009 at 6:05 pm | Permalink

    es muss heißen: durch wellen und wogen, ohne best. Artikel.

  34. read An | April 21, 2009 at 8:35 pm | Permalink

    das “das” muss auch weg, 2x vor land, ist ein bischen blöd sich selbst zu korrigieren wenn das hier ne Werkstatt ist aber ich kann das auch selbst und find das echt unmöglich von mir, sorry! Aber der Rest.

  35. kaira | April 22, 2009 at 11:09 pm | Permalink

    @read An

    wie ich es deuten kann ist der beweis

    für was ich nicht weiß, was ich weiß

    und was ich träume - auf dunklen Geheiß

    das du, ich ahne es, verflicht

    die melodie zum inneren Gesicht

    und weht und geht zu besserem Geschick

    komm näher, setz dich zu mir

    sieh doch, da

    steht ein stuhl

    wir können singen, schweigen

    die wörter mit dem besen treiben

    hier ist so gut wie jeder ort

    sind wir doch gleichzeitig da

    und fort

  36. kaira | April 22, 2009 at 11:38 pm | Permalink

    Pause, äh Absatz, nach Geheiß, Geschick und treiben.

    ((Technologie übernimmt die Kontrolle. Die Werkstatt gerät ins Blickfeld.
    Schraubenschlüssel und Klebeband überall verstreut.
    Taschenlampen in Händen an den Wänden.
    Jeder kann Lichtkegel werfen.))

  37. read An | April 24, 2009 at 2:35 pm | Permalink

    @kaira,
    wenn du stuhl schreibst, musst du wissen das aktiviert etwas längst geschriebenes bei mir!

    im multiplikationsmaschinenland

    eine lampe brennt

    DORT

    ein stuhl
    eine hütte

    es war wie ein mord

    doch niemals hört ich einen schrei

    was unvollendet
    bleibt
    fragment

    ein wort
    und wollt´ es auch nur lindern

    HIER

    wo wir sind
    sind wir entzwei

    und können´s nicht verhindern

    na ja, fiel mir jetzt dazu so auf die schnelle ein, ließe sich noch ausbauen.
    ja wenn das mit dem singen hier so einfach wäre! schreib auf von was du träumst!

  38. GreenPaladin | April 25, 2009 at 10:04 am | Permalink

    Wow, ich bin erstaunt, dass es hier so viele Gedichte gibt. Naja, jedem das seine. Hier ist ein etwas älterer Text von mir.

    Grau

    Es war kalt. Und dunkel. Um sie herum war nichts. Kein Ton, kein Atem. Nur Leere. Ihr ganzer Körper war taub. Dann, ein Fleck im Dunkel. Ein graues Leuchten nur eine Armlänge entfernt. Sie ging darauf zu. Ihre nackten Füße machten keinerlei Geräusche auf dem unsichtbaren Boden. Gab es einen Boden? Sie wusste es nicht. Dann stand sie plötzlich vor einem grauen Tor. Dort war die Außenwelt. Sie warf einen Blick über die Schulter und sah nur Schwarz. Sie trat hinaus.
    Und sie stand in der Welt. Um sie herum waren Ruinen. Zerfallene Häuser bäumten sich in der kargen Landschaft auf. Felsbrocken, Stahlträger und zersplittertes Holz lagen zu ihren Füßen. Die Welt war kalt und leer. Und alles war grau. Sie trat vom schwarzen Tor weg. Ohne ein Geräusch verschwand es. Sie sah an ihr herunter und sie war grau. War sie vorher schwarz gewesen? Sie wusste es nicht.
    Sie lief durch die Trümmer. Zerbrochenes Glas und gesichtslose Gegenstände säumten ihren Weg. Und alles war grau. Es gab keine Töne, keine Bewegung, nur absolute Stille. Kein Lebewesen existierte in der Stadt. Doch sie fühlte keine Einsamkeit, denn sie war grau. Ihr Herz war taub und kalt. Langsam ließ sie die Stadt hinter sich. Tote Bäume säumten ihren Weg und das graue Gras brach unter ihren Füßen. Doch es störte sie nicht, denn sie war grau.
    Dann sah sie ein Licht. Unter einer gewaltigen, grauen Eiche versteckt saß das Licht. Sie ging darauf zu. Und sah eine weiße Blume. Sie sank zwischen den toten Wurzeln des Baumes auf die Knie. Vorsichtig schloss sie ihre Hände um die zarte Pflanze. Und plötzlich weinte sie. Sie weinte um die Bäume, um die Tiere, um die Menschen, um die Welt und um sie selbst. Und als alle Tränen versiegt waren, färbte sie sich weiß. Ein leuchtendes Tor erschien vor ihr. Ohne einen Blick zurück trat sie hindurch. Die Blume wurde grau und zerfiel. Und die Welt ward leer.

  39. kaira | April 26, 2009 at 1:34 am | Permalink

    weiter
    als worte geht die stunde
    und weiter als die Tat
    der Pfad

    HIER
    sind wir - zwei
    und drei und viele
    mauern bilden doch ein haus
    in dem wir uns verbergen

    nun ja und dann komm ich grad nicht weiter… vielleicht “lass uns nicht liegen wie in Särgen” oder so etwas, aber dann… ich lass es mal offen, wenn dir was einfällt…
    und das mit dem Stuhl musst du mir erklären, welches längst Geschriebene aktiviert das bei dir? Nicht dass ich irgendetwas schreibe und es wird gegenteilig aufgenommen… das ist ja immer die Gefahr, wenn man nicht alle Zitate und Konnotationen beherrscht - und wer kann das schon? Vielleicht sollte man es grundsätzlich trennen, die Worte und die Wirkung? Es wäre dann wie Holzstücke in einen Fluss zu werfen…

    @GreenPaladin
    ich kenne dieses traurige Gefühl, dieses Grau. Es wiederholt sich nur sehr monoton. Schön, dass du eine Blume findest… nur wer färbt sich weiß, nachdem die Tränen versiegt waren? Das lyrische Ich? Aber wenn das Ich nun weiß ist, und durch das Tor gegangen ist, wieso endet die Geschichte dann damit, dass die Welt leer wird, die Blume grau? Es erschließt sich mir nicht ganz… müsste sich nicht etwas verändert haben, etwas aufscheinen, jenseits? Oder vielleicht verstehe ich den Schluss einfach nur nicht… könntest du das klarer machen?

  40. GreenPaladin | April 26, 2009 at 12:13 pm | Permalink

    Also… es ist nicht ganz einfach zu erklären. Denn um ehrlich zu sein ist es nicht wirklich ein Gefühlszustand von mir gewesen, noch wurde es von einem Erlebnis ausgelöst. Vielmehr erschien urplötzlich ein Blid vor meinem inneren Auge. Von einer Person, die durch eine graue Welt läuft. Und das hat sich zu einem kurzen Film entwickelt, den ich niederschreiben musste. Und ja, sie, die Person färbt sich weiß. Und naja, die Welt verändert sich nicht, weil… es keinen Grund dazu gibt. Die Welt ist tot, grau und kann durch diese einzelne, kleine Blume nicht gerettet werden. Die Blume hat ihre Kraft, ihre Reinheit an das Mädchen abgegeben und das Mädchen konnte dadurch die tote Welt verlassen. Da es aber alle Kraft der Blume aufgebraucht hat, starb sie und wurde grau. Es ist… irgendwie apokalyptisch, oder?

  41. kaira | April 26, 2009 at 3:00 pm | Permalink

    Apokalyptisch? Nein. Ja, es gibt Elemente… der Gang durch die Pforte in ein weißes, reines Licht, der Ewigkeit und des Himmels. Das Opfer der Blume, ihre rettende Kraft. Aber… grau ist in der Apokalypse garnichts. Blut und Hurerei und Sündenpfuhl und Heilige und Propheten und Kampf und Niedertracht. Schwarz und Weiß, und ein klares Urteil, wer steht im Buch des Lebens und wer nicht, wer die Zahl des Tieres trägt und wer nicht. Diese Gräue oder Gräunis oder dieses langsame Grauen, das du beschreibst, das ist eine neue Hölle, die aus Blindheit und Angst und Betäubung entsteht und kein klares Urteil mehr fassen kann und daher weder die orgiastische Ekstase der Sünde noch die Reinheit des Himmels kennt. Notwendigerweise… da die (Alltags-)Welt, in der wir leben, wie ich es in einem älteren Text von mir mal ausdrücke, ein Reich der Schatten ist: Nur in unseren Träumen streben wir noch auf den Grund des Ozeans, ins Innere der Sonne. Die Körper aber würden am Grund des Ozeans erdrückt, im Innern der Sonne verbrennen. Leben ist allein im Zwischenreich der Schatten. (ah wie pathetisch ^^ aber dein Text hat mich genau daran erinnert, sorry wenn ich das jetzt hier so einschiebe)

    Der Dualismus ist trotz allem eben noch sehr präsent in unseren Köpfen, selbst wenn wir uns die größte Mühe geben, uns mit den Graustufen zufrieden zu geben und in Indifferenz zu glänzen. Es scheint immer wieder etwas davon auf: Wer die Blume noch sehen kann, lebt noch in ihm. Und die entscheidende Frage, die deine Erklärung jetzt für mich aufwirft, und wo du wahrscheinlich den apokalyptischen Charakter siehst: Die Welt ist so weder lebenswert noch irgendwie lebenswert zu machen. Man kann nur aus ihr fliehen/errettet werden.
    Und nun muss ich einfach so herangehen, auch wenn eine solche Diskussion den Rahmen dieser Werkstatt leicht sprengen kann und auch eine Form des Textkritik ins Spiel bringt, die doch für ein solches Stadium der ersten Schritte ungewöhnlich ist (ANH kann mich ja bremsen)…. Ist das nicht eine faule Fluchttendenz, die ständig leidet, aber nie versucht, etwas zu ändern? Gegenthese: Die Gräue ist ein Schleier, den unsere Wahrnehmung (Befindlichkeit) über die Welt wirft. Was sagst du dazu?

  42. kaira | April 26, 2009 at 3:11 pm | Permalink

    PS: Es ist mir bewusst, dass das nicht einmal mehr Textkritik ist, sondern Diskussion über den Text, und dass, was du in dem Text darstellst, nicht deine “Meinung” widergibt. Aber ich finde es trotzdem wichtig, auf diese Weise Texte zu betrachten… das Wie mag wichtig sein, aber ist das Was nicht wichtiger, die Wirkung, die ein Text entfalten kann? Vielleicht wäre es aber nötig, hier eine grundlegendere Debatte darüber zu führen. Das treibt mich schon um.

  43. GreenPaladin | April 27, 2009 at 9:34 am | Permalink

    @ kaira
    Wow, wird ja richtig philosophisch hier. Aber mal der Reihe nach. Vielleicht war apokalyptisch ein bisschen ungeschickt ausgedrückt.(Irgendwie wäre die ganze Chose schon vorbei… egal). Inwiefern meinst gibt es eine Fluchttendenz. Weil die Person aus der Welt flieht anstatt etwas zu ändern? Und ob wir die Gräue selbst auf die Welt werfen… ist ne schwierige Frage. In dem Falle meines Textes müsste ich sagen; Nein. Denn die Person stammt nicht aus der grauen Welt. Mann kann noch nicht mal sagen ob sie wirklich ein Mensch ist. Sie ist vielmehr ein… Wesen. Wie im Text schon gesagt als sie vor dem grauen Tor steht: “Dort war die Außenwelt.” Die Person/das Wesen ist eher eine Art Beobachter…. Ich weiß, dass ist ein bisschen schwer zu verstehen, aber so ist es nun mal. Aber wenn man die Frage der Gräue aufs echte Leben anwendet, dann würde ich durchaus sagen, dass wir selbst uns den Schleier überstüölpen, so zu sagen. Ich meine, wer wenn nicht wir bstimmen unsere Wahrnehmung der Dinge?

  44. read An | April 27, 2009 at 4:17 pm | Permalink

    @kaira,
    texte weiter mit mir, sei mal die vase, das gefäß meiner verse, das V in das mein A ich kopfüber stürzen kann :-) , streng dich an denn
    mir fällt längst anderes ein aber ich denke mal darüber nach…

    V

    scheidend
    schlüpft sie aus ihrer haut
    während dein rücken mich birgt

    rastlos

    im strom einer zerregneten regung

    dort
    ist sie versteckt

    die
    die sich schlängelt

    in die wurzeln deiner wirbel

    weiß

    nur einen pulsschlag weit entfernt
    den grat zu durchmessen

    im land wacher räume

    wo worte nicht sind
    bricht sich licht

    als säule eines aufrechten ganges

    unentwegt

    bis ins mark gespalten
    zischt sie wie das zünglein an der waage

    zeichen deiner weltnacktheit

    kaira, das ist die migräne der medusa, und was die särge angeht, keine ahnung, mir fällt noch dämme uriger sande ein oder ädriger senderaum, wo willst du denn hin mit dem was du schreibst, dein choral allerdings hat´s in sich.

    @ Andreas Borkenkoff
    gerade dass es ein Joghurt ist gefällt mir, weiß, irgendwie unschuldig und so absurd, kein Laib Brot oder ein Stück Fleisch oder ähnliches, womöglich noch etwas wertvolles.

  45. Valivarius | April 28, 2009 at 11:47 pm | Permalink

    Zwei Krisen

    Schweinegrippe!
    die Schweinegerippe
    stapeln sich faulig
    wie Berge dem Himmel ins Licht

    Köpfe in Hitze*)
    die Kassen geöffnet
    wenden sich aufwärts
    zu heilen die Krankheit der Welt

    Zwei Strudel aus Elend
    winden sich wieder nach oben
    und Opfer ist
    wer es sich wünscht**)

    „Eine Demütigung.“, sagt er, „Ausgerechnet die Schweinegrippe.
    Und dabei esse ich gar kein Schwein. Kann man das überleben?“
    Die Krankenschwester, die nur mit einem Ohr zugehört hat, antwortet:
    „Daran werden sie nicht sterben. Sie sind in Behandlung und es besteht keine Gefahr.“
    Sie wechselt den Katheder und geht ins nächste Zimmer.
    Man lässt ihn nicht sterben und er bekommt weitere Infusionen und Medizin, damit er sich beruhigt.***)
    „Es lässt mich nicht los.“, sagt er. Der Psychologe gibt ihm die Auskunft:
    „Dafür kann nicht die Schweinegrippe verantwortlich sein, da steckt etwas Anderes dahinter.“
    Er antwortet: „Vielleicht.“.
    „Wahrscheinlich.“, fügt er hinzu.
    „Aber es ist doch bezeichnend.“

    Kleine Anmerkungen zum Text im Voraus:

    Mir wäre wichtig zu erfahren, ob euch das Gedicht und der Text
    sinnvoll verbunden oder eher willkürlich zusammengewürfelt
    erscheinen.

    *) Ist es verständlich genug, dass “Hitze” sich auf Fieber bezieht?
    Wenn nicht ist “Fieber” metrisch genauso einwandfrei,
    allerdings fehlt eine Konnotation, die mir wichtig scheint.
    Was meint ihr?

    **) “…und Opfer ist wer es sich wünscht”
    Ich hatte den Gedanken diesen Teil einfach wegzulassen.
    Versteht man wer das Opfer eigentlich ist?

    ***) Ursprünglich waren dies zwei Sätze in Folge:
    “Er bemüht sich zu sterben. Aber man lässt ihn nicht
    und er bekommt weitere Infusionen und Medikamente,
    darunter Beruhigungspillen”
    Einer gewissen Ofensichtlichkeit wegen habe ich das bemühte Sterben,
    also den möglichen versuchten Selbstmord,
    weniger scheinbar in den folgenden Satz eingebaut
    und auch die Beruhigungspillen abgeschwächt, allerdings
    seine Unruhe, wie mir scheint, verstärkt.
    Hat es sich gelohnt?

    Ich wäre euch dankbar, wenn auch diese Variationen gegeneinander
    abgewogen werden würden.

  46. kaira | April 29, 2009 at 1:43 pm | Permalink

    @read An

    ich bin deinen Zeilen gefolgt und weiter gegangen, auch auf die Gefahr, mich wieder entfernt oder nicht richtig verstanden zu haben hier meine Antwort (es sind zwei Texte, der erste ist nur so, ohne direkten Bezug aber im selben Atemzug entstanden, daher lass ich ihn hier):

    Keim, Fragment

    unterirdisch regt er sich

    zur Sonne

    die er, noch nicht gesehen
    schon im eigenen Aufgang
    begriff

    Für A, fließend

    n-dimensional
    tangieren den Grat der Säule
    geradlinig Wellen
    Kulminationsprodukt, sich formierend
    nach Bedarf und Kraft
    zum bergenden Rücken

    zu Stein erstarrt, wer weiter
    das Bild der Schlange nährt
    mit gespaltener Zunge spricht der
    der nur zwei Seiten kennt

    nackt, wer die Schlange begrub
    im Fluss
    nicht wissend, sondern weise
    windet sich, wer wahren will
    die offene Gestalt

    das Gefäß die Zeit
    die Form die Wandlung
    die Regung das Meer
    die Brechung das Licht
    die Verschmelzung das Gesicht

  47. Krull | May 3, 2009 at 7:15 pm | Permalink

    @Valivarius:

    eine allgemeine Bemerkung dazu:
    ist es sinnvoll, ein Thema zu behandeln, das seine Relevanz erst noch erweisen muss? Wenn wir Glück haben, ist die Schweinegrippe in einem Jahr Schnee von gestern.
    Was wird dann mit deinen Texten?

  48. herr urian | May 3, 2009 at 10:57 pm | Permalink

    @Valivarius:
    Mir erschließt sich nicht ganz, was die “zweite Krise” ist oder die “Krankheit der Welt”. Ich denke sofort an die Finanzkrise. Die meinst du aber nicht. Eher was in Richtung “Lebensmüdigkeit”. Dass ein Psychologe “Auskunft gibt”, reicht, finde ich, nicht, um das deutlich zu machen.
    Irgendwie scheint mir, als trenntest du die zwei Krisen nicht, zumindest nicht im Gedicht.

    Ah, ok. Selbstmord. Aber wen betrifft die Krise? Dann n u r deinen Protagonisten? Was ist dann die Krankheit der Welt? Warum will der Mann sich umbringen?

    „Wahrscheinlich.“, fügt er hinzu.
    Auf wen bezieht sich dieses “er”?

    Katheder
    Ich denke, du meinst “Katheter”. Bist du dir sicher, dass der bei Grippe-Patienten gelegt wird?

    Köpfe in Hitze*)
    Hitze an sich hast du in Fieber ja auch. Meinst du die Konnotation “Hitzkopf”?
    Haben die “Köpfe in Hitze” die Kassen geöffnet?

    Man lässt ihn nicht sterben und er bekommt
    Wie wär’s mit: “und gibt ihm”.

    @Krull: Was relevant ist, kann man als Dichter selbst entscheiden. Und deshalb auch Randerscheinungen herausstellen (das k a n n so etwas Triviales wie eine Grippewelle sein). Nicht funktionieren wird das dann, wenn man z.B. die “Schweinegrippe” zu etwas macht, was sie n i c h t ist.
    Mir persönlich ist noch nicht klar, für was sie hier stehen soll. Allerdings gebe ich dir Recht, dass sie in der aktuellen Version des Textes nicht als “nur etwas außergewöhnliche Grippe” dargestellt wird.

  49. herr urian | May 3, 2009 at 11:29 pm | Permalink

    @Valvarius again and my first intuition:

  50. herr urian | May 3, 2009 at 11:30 pm | Permalink

  51. Valivarius | May 4, 2009 at 1:13 am | Permalink

    Danke für euere Kommentare!

    @Krull: Kommt drauf an wie man das Thema verwendet, würd ich sagen.
    Ob es in meinem Fall gerechtfertigt ist, durch die Verwendung, ist die
    andere Frage.

    @herr urian: Mit “Köpfe in Hitze” wollte ich auf die Schweinegrippe und
    mit “Die Kassen geöffnet” auf die Finanzkrise hinweisen. Mit den Worten
    “Zwei Strudel aus Elend winden sich wieder nach oben” wollte ich auch
    direkt eine Beziehung zwischen beiden herstellen. Aber du hast Recht:
    Es gibt noch eine Krise, die eigentlich viel zentraler ist, als die beiden
    und die sich in der Perspektive des Gedichts äußert. Und der Psychologe
    gibt eine sehr kärgliche Auskunft, also ich würde sie für gar keine Auskunft halten.
    Der Mann will sich nicht etwa wegen der Schweinegrippe oder der Finanzkrise umbringen, sondern wegen deren Auswirkungen auf die Menschen.
    “Lebensmüdigkeit” alleine ist es nicht, sondern vielmehr die Tatsache,
    dass der Mann mit der Erbärmlichkeit und Verletzlichkeit der Existenz nicht zurechtkommt. Die “Krankheit der Welt” ist weder die Schweinegrippe
    noch die Finanzkrise. Aber die gesamte Welt macht sie für den Protagonisten
    mit und deswegen, weil er sie sieht durchlebt er seine eigentliche Krise.
    Weiterhin:
    „Wahrscheinlich.“, fügt er hinzu. Er = der Patient
    “Katheter”, ja das meinte ich.
    Nein, ich meine eigentlich nicht die Konnotation “Hitzkopf”.
    (zugegeben: sie ist naheliegend)
    —————————————————————————————————————-
    Auf jeden Fall ist einiges zu überarbeiten.

  52. ANH | May 5, 2009 at 3:50 pm | Permalink

    @Mausezahn zu „Musikstück“.

    Das ist ein ziemlich schöner Versuch, auch wenn einen die vielen verschiedenen Tonarten innerhalb ein- und desselben Musikstücks vor einige Aufführungs-, aber vor allem kompositorische Probleme stellen; da ist nicht nur eine Kunst des Modulierens gefragt… (Dies aber nur, und mit einem Lächeln, zur Seite bemerkt). Schwieriger ist die Folge von in ihrer Abstraktheit ungefüllten Nomen, die hier als quasi-Bilder gereiht sind: Wärme, Nächte, Sterne, der Klang deiner Stimme (je nun: wie denn?), dann Kerzen und Wein, schließlich gar „Verkünden“ als Dingwort usw. Man spürt hier wohl, was gemeint sein könnte, aber ein wirklicher Eindruck, der über Eindrücke „normaler“ Verliebtheiten hinausginge, entsteht in mir nicht. Dazu kommt in der Reihung Piano-Staccato-da Capo das seltsame „Soprano“, wie eine Verlegenheit, um zum Reim zu gelangen. Dazu ist mir auch die wechselnde Mischung aus reinen und unreimen Reimen poetologisch nicht ganz klar; an sich m a g ich unreine Reime sehr, weil sie wie Anspielungen sind; hier aber wirkt das auf mich ebenfalls nach Verlegenheitslösungen.
    Hübsch dagegen ist die Jahreszeitenfolge Sommer-Herbst-Winter mit dem Versprechen des da Capos im folgenden Frühling einkonstruiert. Doch jeweils den Jahrszeiten zugeordnet sind dann banale Sowieso-Zuordnungen: auf Wiesen, auf Blumen:: Sommer / der Wind, die Kühle:: Herbst / Schnee und Feuer (? spielt das auf einen K a m i n an)):: Winter. Wäre es nicht pfiffiger, gerade auch für solch ein Gedicht, gegenläufig zu arbeiten und Erwartungen, die j e d e r hat, eben n i c h t zu erfüllen?

    Unabhängig hiervon: ein schönes, etudenartiges Pasticcio.

  53. ANH | May 5, 2009 at 4:10 pm | Permalink

    @Marcel Stefan zu Wo bist du denn?

    Hm. Ich hatte in der ersten Strophe, des Schreines wegen, das Gefühl, hier werde Maria angesprochen. Erst ab der zweiten ist zu merken, daß der Nazarener gemeint ist. Da gibt es dann aber gleich inhaltliche Probleme, vom Schrein einmal abgesehen: 1) Es ist schon s e h r „übertragend“ gemeint, wenn gesagt wird, Jesu Worte hätten Paläste gebaut; bei Kirchen wäre ich weniger empfindlich. 2) Schriften Jesu kenne ich nicht; meines Wissens haben die vier Evangelisten Jesu Lehren weitergereicht. Man korrigiere mich bitte, falls ich hier etwas nicht weiß. Weiteres dann in den Lehrbücher des Neuen Testamentes.
    Aber ins Einzelne:

    Hier stehe warte ich vor jenem Schrein

    „jenem“: das ist so gut wie n i e schön, es sei denn, sie verwenden eine Kreuzkonstruktion in den Bezügen: dieser hier und jener da

    umrandet von in Gold gesetzten Lettern

    :wer ist gemeint, der umrandet sei? der Schrein oder das klagende Ich?

    Heiligtum des Vertrauens
    Hier stehe ich
    bedürftig

    „bedürftig“ meint eigentlich: finanziell arm, also wirklich arm.

    hoffend

    :Parizipien sind unschön sowieso, erst recht aber in einem Gedicht; hier gibt es ihm auch noch einen sehr flachen, ziemlich leeren Ton

    es stimmt was du mir erzählst

    :abermals s e h r übertragend; es sei denn, Jesus spricht im inneren Ohr des Ichs „tatsächlich“: das genau wäre aber poetisch zu formen. Hier ist es reine Behauptung.

    WO BIST DU DENN?
    Wo bist du denn wo deine Worte die

    das „denn“ würde ich dringend streichen

    Sommergärten und Paläste bauten
    Wo ist Erfüllung wo Heilsgeschichte

    jetzt wir es auch grammatisch heikel:

    dass an deine Lehren glauben lohnt

    wenn schon, dann „z u glauben“; aber die daß-Formulierung stimmt hier nicht.

    Wo ist das Paradies wo die Erfüllung
    die in deinen frühen Schriften Gesten wohnt

    „wohnt“ das Paradies darin? Die verwendeten Wörter bitte genau abklopfen.

    Wo bist du denn in jenen schweren Zeiten in

    abermals „jenen“; und dann sind die „schweren Zeiten“ so abgegriffen.

    denen meine Welt das Sterbezimmer sieht

    die „Welt“ sieht es??

    mein Blütenbaum entwurzelt blutet

    :symbolisch an sich passend; nur: was ist ein Blütenbaum, w e l c h e r ist es?, und dann: ein entwurzelter Baum ist umgekippt, hier im Gedicht s t e h t er aber

    Wo ist der Halt den du versprichst und

    „jene“:

    jene Liebe die den Sünder nimmt
    Kein Wort Versöhnen kommt von dir

    :Das stimmt doch nicht; das Versöhnungsw o r t ist es doch gerade, was weitergereicht wurde und wird; aber eben nur das Wort.

    Kein Beweis für deine Wundertätigkeit
    Keine Arme die ihn bremsen
    meinen stummen tauben Fall
    Fern von jenem Geist dem sie erbaut

    „jenem“

    voll Juwelen leerem Ritual

    das müßte, w e n n schon, heißen: voll von der Juwelen leerem Ritual; Ihre Verkürzung geht grammatisch nicht. Darüber hinaus ist mir das Bild nicht nachvollziehbar; wie können Juwelen ein Ritual sein, bzw. eines vollziehen? Und danach fehlt eigentlich ein Partizip:

    Menschen fremd bigott und starr
    deine Kathedrale monumental

    klar: Kathedralen, monumental…

    Wo bist du denn . . .

  54. ANH | May 5, 2009 at 4:34 pm | Permalink

    @kaira zu „Choral“.

    Eigentlich spannend, wie Ihr Gedicht mit Gedicht- und Prosaform umgeht; etwa der Satz „die larmoyant nur immer um die heile Welt des Mutterbauches kreisen“ ist eher n i c h t Lyrik. Dieser Ansatz wird aber dadurch gebrochen und geht dann, meiner Meinung nach, schief, wenn Sie deutliche Prosazeilen durch leichte Satzstellungsverschiebngen lyrisch aufmotzen, z.B. „ Noch Hoffnung war auf Lösung der Verwirrung“ statt „Noch Hoffnung auf Lösung der Verwirrung war“ - allein die Stellung der Satzteile ist es ja n i ch t, was ein Gedicht zum Gedicht macht.
    Schön ist der Text, wo er sprachspielt, so daß sich dadurch eine Ähnlichkeit ergibt, die rätselhaft ist, etwas „Kain und Alles“. Auch hier mal im Einzelnen:

    Als die verlorene Mutter noch sang
    Rumpelstilzchen noch tanzte

    Ist Ihnen bewußt, daß Rumpelstilzchens Tanz d r o h e n d ist? Er droht mit Vernichtung, ist also k e i n Ausdruck menschlicher Sehnsucht, was die Vorformulierung „verlorene Mutter“ ist.

    Noch Hoffnung war auf Lösung der Verwirrung

    Was ist mit „Verwirrung“ gemeint? Im biblischen Zusammenhang wohl Babel? Das Goldene Kalb war, biblisch gesehen, z.B. keine Verwirrung, sondern eine Verirrung – das ist ein Unterschied.

    Liebten wir Sie – noch

    dieses „Sie“: wirklich großgeschrieben?

    Als Eins und Eins und Eins die Wurzel
    Kain und Alles war
    Und Wenn und Aber nur Bezug auf Dich
    Liebten wir Dich - noch
    Als Liebe ewig schien

    schien die Liebe (wie Licht) ewig? Oder schien sie ewig zu s e i n? Je nachdem, was gemeint ist, braucht es eine andere Formulierung. In der Ihren s c h e i n t die Liebe (wie Licht), und zwar ewig. Wenn dem so ist, muß sie jetzt noch scheinen, sonst wäre „ewig“ falsch.

    und Tod Gewinn
    Blut und Sehnsucht Nahrung für die Seele

    „Blut“ als Nahrung ist auch nicht gerade etwas, das nach gläubigem Glück klingt, oder?

    Und alles gleich sich in Vergebung zu erhöhen ging

    was ist mit „gleich“ gemeint? „Sofort“? Dann wäre der Satz konkret gemeint?

    Suchten wir Sie

    abermals: großes Sie?

    - noch
    Als du begannst dich für die Freiheit aufzulösen
    in Illusion.

    Schwieriger Satz. Er besagt nämlich, der Gott habe begonnen sich aufzulösen, damit Freiheit sei (=w e r d e): er tat das dann absichtlich.

    Du Grund des Grundes ohne Grund,
    gabst uns den alleinigen Befund

    „alleiniger Befund“: sehr medizinisch.

    : Natur
    Da zweifelten wir schon
    Als du den Götzen unterlagst
    damit sie deine heilige Saat verschlingen konnten

    Logisches Problem wie hierüber: Gott erlag absichtlich den Götzen, weil er w o l l t e, daß sie die heilige Saat (was soll das übrigens sein) verschlingen

    und zurückließen leere Mägen, die du nicht mehr füllen konntest

    Hat Gott j e Mägen gefüllt? Doch eher nicht. Eher doch wohl die Natur.

    Da begannen wir langsam zu verzweifeln
    Als Heilige Teufelswerk vollbrachten

    „Heilige“? Wen meinen Sie?

    Und geschundene Seelen aus Rache

    Rache wofür? Und die geschundenen Seelen sind Klischee.

    und in deinem Namen die Hölle schufen auf Erden

    Sie meinen jetzt die Inquisition? Wurde die von Heiligen durchgezogen? Wann waren die Heiligsprechungen?

    Da hassten wir dich

    Wer ist jetzt „wir“? Und wer, zur Zeit der Inquisition, haßte Gott, meinethalben auch die Kirche? Sicherlich (hoffentlich) die Gemordeten… aber das übrige Volk? Dann wäre da auch noch ein Unterschied zwischen hassen und fürchten. Aber schärfstes Problem ist hier das „wir“.

    Jenseits der Worte bist du nicht zu fassen,
    die larmoyant nur immer um die heile Welt des Mutterbauches kreisen.

    : Wo kreist das göttliche Wort um den Mutterbauch, vor allem um dessen heile Welt?

    Verblendung jeder Komplexität

    : Was bedeutet dieser Satz?

    . Sinnenreduktion.
    An dieser Stelle stehn wir nüchtern
    und fürchten keine Schuld. Nur Konsequenzen

    :Guter Gedanke.

    Und das Chaos im Gehirn.
    Doch sind wir diese Sehnsucht los,
    die ewig wartend nichts gewinnt

    :das ist Kitsch.

    .
    und gehen Schritt für Schritt
    (um)uns endlich selbst zu erlösen.

    : Was meinen Sie? Daß wir uns selbst erlösen? Oder daß wir selber uns erlösen? Aufpassen.

  55. kaira | May 5, 2009 at 6:15 pm | Permalink

    @ANH zu “Choral”

    Ein Text sollte natürlich auch “für sich” funktionieren können. Und wenn er das nicht tut, sollte er zumindest als solcher Anreiz genug sein, sich mit ihm soweit auseinanderzusetzen, dass er irgendwann funktioniert. Damit ist er wohl gescheitert. Trotzdem würde ich Sie bitten, nach meinen Antworten nochmal drüber zu gehen, ich lerne dabei auch wie es mit der Rezeption und Rezeptionshaltung bestellt ist, wie weit ich gehen kann und ab wo es keinen Sinn mehr macht, mir zu viele Gedanken zu machen.

    Als die verlorene Mutter noch sang
    Rumpelstilzchen noch tanzte
    Ist Ihnen bewußt, daß Rumpelstilzchens Tanz d r o h e n d ist? Er droht mit Vernichtung, ist also k e i n Ausdruck menschlicher Sehnsucht, was die Vorformulierung „verlorene Mutter“ ist.
    ++ Es ist mir nicht nur bewusst, dass er drohend ist, sondern dass die Bedrohung im Geheimnis liegt, das zur Verwirrung führt. Der Zusammenhang zur verlorenen Mutter besteht nicht im Sehnsuchtsmotiv, sondern im Singen und Tanzen, womit man das feiert und umschmückt, was wesentlich fort oder betrügerisch ist. Dass sonst die verlorene Mutter und Rumpelstilzchen als Bilder nicht zueinander passen, soll im Leser noch mehr das Gefühl der Verwirrung hervorrufen. ++
    Noch Hoffnung war auf Lösung der Verwirrung
    Was ist mit „Verwirrung“ gemeint? Im biblischen Zusammenhang wohl Babel? Das Goldene Kalb war, biblisch gesehen, z.B. keine Verwirrung, sondern eine Verirrung – das ist ein Unterschied.
    ++ Babel ja, das Goldene Kalb stammt meines Wissens aber aus einer anderen Geschichte und ist eher später unter den Götzen evtl. zur Deutung zu gebrauchen. ++
    Liebten wir Sie – noch
    dieses „Sie“: wirklich großgeschrieben?
    ++ Ja, wirklich großgeschrieben. Das “Sie” steht hier als Pro-Nomen, Statthalter für sowohl die Verwirrung als auch die verlorene Mutter, bzw. weiter zurück allen Mythen, die mit diesen Bildern arbeiten und sich dabei auf Gott, bzw. allgemeiner einem magisch-metaphysischen “Dahinter” beziehen. “Es” wird konkret im “Sie”, bezeichnet aber eigentlich etwas transzendentales, urgründig eigen-ständiges (Substantiv), daher großgeschrieben. ++
    Als Eins und Eins und Eins die Wurzel
    Kain und Alles war
    Und Wenn und Aber nur Bezug auf Dich
    Liebten wir Dich - noch
    Als Liebe ewig schien
    schien die Liebe (wie Licht) ewig? Oder schien sie ewig zu s e i n? Je nachdem, was gemeint ist, braucht es eine andere Formulierung. In der Ihren s c h e i n t die Liebe (wie Licht), und zwar ewig. Wenn dem so ist, muß sie jetzt noch scheinen, sonst wäre „ewig“ falsch.
    ++ Die Deutung, dass Liebe ewig schien (wie Licht) geht doch nicht, da das “als” davorsteht. Es schadet aber nicht wenn diese Assoziation entsteht, um sie eben dann beim nochmaligen Lesen eben als “Schein” im Sinne von Trugbild, zu begreifen. Das ist eine zeitliche Folge. Zumindest in meinem Kopf funktionierte das so ;) ++

    und Tod Gewinn
    Blut und Sehnsucht Nahrung für die Seele
    „Blut“ als Nahrung ist auch nicht gerade etwas, das nach gläubigem Glück klingt, oder?
    ++ Nein, wurde aber oft genug von Kirche und Konsorten als solches propagiert. Das ist es ja gerade, was ich durch diese Engführung bewusst machen will. ++
    Und alles gleich sich in Vergebung zu erhöhen ging
    was ist mit „gleich“ gemeint? „Sofort“? Dann wäre der Satz konkret gemeint?
    ++ Sowohl gleich im Sinne von sofort als auch im Zusammenhang “alles gleich”, also jeder gleichermaßen, ist als Deutung möglich. Meinen sie mit “konkret” dass man nach dem Lesen (bzw. Schreiben ;) ) dieses Textes direkt wieder sein Heil in der Vergebung sucht? ++
    Suchten wir Sie
    abermals: großes Sie?

    - noch
    Als du begannst dich für die Freiheit aufzulösen
    in Illusion.
    Schwieriger Satz. Er besagt nämlich, der Gott habe begonnen sich aufzulösen, damit Freiheit sei (=w e r d e): er tat das dann absichtlich.
    ++ Das ist Ausdruck des grundlegenden Paradoxes, das in der göttlichen Natur liegt. Im Garten Eden gibt er Adam und Eva die Möglichkeit, sich zu entscheiden zwischen Gehorsam und ewiger Glückseligkeit oder Erkenntnis. Man könnte natürlich sagen er hat das nicht als Entscheidungsfrage sprich mögliche Handlungsfreiheit in den Raum gestellt, weil ja auch Adam und Eva sich nicht selbstständig dazu entschließen, den Apfel zu essen, sondern dazu von der Schlange verführt werden. Aber worauf ich eigentlich hinauswill ist das Paradox der Allmacht Gottes, dessen Allmacht beinhalten muss, dass es Entscheidungen gibt, die außerhalb seiner Wirkmächtigkeit liegen, wo Subjekte selbstständig agieren können, um sich eben selbst für oder gegen ihn zu entscheiden. Indem er das aber tut, widerspricht er 1. seiner Almacht und 2., wenn man die neueren Erkenntnisse über Willensfreiheit, Determinierung etc. hinzunimmt, macht er sich selbst obsolet, da er in dem System, das er geschaffen hat, keinen Platz mehr hat. ++
    Du Grund des Grundes ohne Grund,
    gabst uns den alleinigen Befund
    „alleiniger Befund“: sehr medizinisch.
    ++ Bewusst medizinisch, naturalistisch, als Kontrapunkt zum metaphysischen Geschwafel kurz drüber. ++

    : Natur
    Da zweifelten wir schon
    Als du den Götzen unterlagst
    damit sie deine heilige Saat verschlingen konnten
    Logisches Problem wie hierüber: Gott erlag absichtlich den Götzen, weil er w o l l t e, daß sie die heilige Saat (was soll das übrigens sein) verschlingen
    ++ Ja, ich weiß auch nicht so recht ob ich das “damit” hier stehen lassen kann. Andererseits spielt es wieder mit dem Paradox seiner Allmacht. Hm wenn ich es mir überlege wäre es auch ganz reizvoll zu schreiben “als du dich den Götzen anbefahlst”, um deutlicher zu machen dass mit “Götzen” wirklich jede Form von Sekte oder Kirche gemeint ist, die mit der grundlegenden Sehnsucht der Menschen nach einem höheren Sein spielt, um diese dann zu unterwerfen und auszubeuten. Der Kontrast der aufgemacht wird ist dabei eigentlich keiner, das soll eben genau den Irrtum deutlich machen. Die “heilige Saat”, die man annimmt in Koran oder Bibel oder sonstwo verkörpert zu finden, und deren “richtige” Kultivierung zu Glückseligkeit führen sollte (nehmen wir an. In Wahrheit geht es in diesen heiligen Büchern um die Wahrung von Machtverhältnissen), es aber nicht tut. ++
    und zurückließen leere Mägen, die du nicht mehr füllen konntest
    Hat Gott j e Mägen gefüllt? Doch eher nicht. Eher doch wohl die Natur.
    ++ Nein hat er nicht. Er hat in seiner hehren Göttlichkeit und idealen Natur die Grundlage dafür geschaffen, dass uns hier und jetzt wesentlich der Mangel an ebendem “vollkommenen” schmerzlich bewusst wird. Aber dieser Mangel, für den es nie eine “reelle” Erfüllung (außer ihm Wahn, zugegeben) geben kann, manifestiert sich als Hunger und wird schnell zu Gier, Konsumwut, mit der überall versucht wird, einen gefühlten “Seinsmangel” auszugleichen. Man könnte auch noch weitergehen und sagen dass diese (unsere westliche) Gier und unsere Blindheit in dieser Gier dazu führt, dass woanders Leute w i r k l i c h e n Hunger leiden. ++

    Da begannen wir langsam zu verzweifeln
    Als Heilige Teufelswerk vollbrachten
    „Heilige“? Wen meinen Sie?
    ++ Bei katholischen Heiligen kenne ich mich nicht so aus, aber ich bin sicher da findet man einige. Man kann auch jeden Papst hernehmen, der Kreuzzüge befohlen hat. Insgesamt die Verquickung von “hehren” Motiven und deren schädigender Ausgang. Nicht einmal ein göttliches Gesetz kann sicherstellen, dass bei strikter Befolgung nur “das Gute” darauf folgt. ++
    Und geschundene Seelen aus Rache
    Rache wofür? Und die geschundenen Seelen sind Klischee.
    ++ Ja meinetwegen. Aber ich habe schon das Gefühl wenn man woanders hinblickt in andere Kulturen und Lebensverhältnisse, dass Neid und Rachegelüste aufkommen, vor allem wenn Übermacht gebraucht wird, um andere Kulturen zu missionieren und also zu sagen, “unsere Staatsform/Wirtschaftsform ist besser als eure”. Ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt und auch so vielleicht aus diesen Zeilen nicht herauszulesen, aber ich dachte an den Ost-West-Konflikt, der ja auch auf dem Rücken der Religion ausgetragen wird. ++
    und in deinem Namen die Hölle schufen auf Erden
    Sie meinen jetzt die Inquisition? Wurde die von Heiligen durchgezogen? Wann waren die Heiligsprechungen?
    ++ Ich meine die Terroristen, die im Namen Allahs handeln. Gott, Allah… ist für mich alles dasselbe (s.o.). ++
    Da hassten wir dich
    Wer ist jetzt „wir“? Und wer, zur Zeit der Inquisition, haßte Gott, meinethalben auch die Kirche? Sicherlich (hoffentlich) die Gemordeten… aber das übrige Volk? Dann wäre da auch noch ein Unterschied zwischen hassen und fürchten. Aber schärfstes Problem ist hier das „wir“.
    ++ Mir ist bewusst dass dieses “wir” eine Zumutung darstellt. Ich würds trotzdem gerne stehenlassen, als Provokation, als Frage. ++
    Jenseits der Worte bist du nicht zu fassen,
    die larmoyant nur immer um die heile Welt des Mutterbauches kreisen.
    : Wo kreist das göttliche Wort um den Mutterbauch, vor allem um dessen heile Welt?
    ++ Die heile Welt des Paradieses, die ja der ganze Ansporn ist, diesen Wahnsinn mitzumachen, und auch der einzige Ansatzpunkt, wo ein vernünftig denkender Mensch eventuell einen Sinn darin sähe. Außerdem eben dass er sich allein in den Worten (als Mythos) manifestiert, man aber nirgendwo sonst einen “Beweis” seiner Macht findet. Das mit dem Mutterbauch sollte ein bißchen in Richtung Freud gehen, eine frühkindliche Prägung zur Neurose, die Sehnsucht nach dem Aufgehen im Ganzen, Eingehen in die Einheit, etc. ++
    Verblendung jeder Komplexität
    : Was bedeutet dieser Satz?
    ++ Religion ist ein Mythos, und als solcher bietet er ein Erklärungsmodell für die Welt. Untersucht man es aber genauer, ist es sowohl widersprüchlich als auch irreführend als auch schlicht zweidimensional, also vereinfachend, einebnend. Dem zu folgen ist eine Verblendung durch den Mythos. Würde man die Welt nicht ständig durch die Brille d i e s e s Mythos betrachten, würde einem mehr Vielfalt, Komplexität, zu Bewusstsein kommen, und eher offenere Erklärungsmodelle für die Welt und unser Sein darin suchen. Ich denke sogar die meisten Menschen, die heute noch an Gott glauben, tun das bereits. Sie nehmen sich nur noch handliche Remineszenzen des alten Gedankens und passen ihn sonst an ihre weitere (wesentlich komplexere) Umwelt an ++

    . Sinnenreduktion.
    An dieser Stelle stehn wir nüchtern
    und fürchten keine Schuld. Nur Konsequenzen
    :Guter Gedanke.
    Und das Chaos im Gehirn.
    Doch sind wir diese Sehnsucht los,
    die ewig wartend nichts gewinnt
    :das ist Kitsch.
    ++ Definieren sie mir bitte Kitsch, vielleicht schaffe ich es dann ihn in nächsten Texten zu vermeiden. ++
    .
    und gehen Schritt für Schritt
    (um)uns endlich selbst zu erlösen.
    : Was meinen Sie? Daß wir uns selbst erlösen? Oder daß wir selber uns erlösen? Aufpassen.
    ++ Bewusst zweideutig. Auf jeden Fall Fokus auf aktiver Selbstbestimmung. ++

  56. ANH | May 5, 2009 at 7:14 pm | Permalink

    @read An zu “nackter tausch der gezeiten”.

    Sc h ö n e r Rhythmus. Ich hab nur Kleinigkeiten zu mäkeln:

    der mond
    die sichel
    die sense im takt
    wie ein akt

    :Geschmackssache. Ich würde nicht vergleichen, sondern auch hier „ist“ schreiben: ist ein akt; das zieht sie dann zum Folgenden besser eng:

    ist ein bild ein brand
    ist bewegung
    ist wasser ist meer ist das land

    : die d r e i “ist”’s in der Vorzeile lassen holpern

    wie ein rumpf ohne rast

    :einfach mal versuchen, Vergleiche zu vermeiden in so kurzen Phrasen, einfach: ein rumpf ohne rast.

    ein baum deiner last

    sehr schön jetzt im Folgenden das eingeschobene „es“!:

    ist es mann
    ist es frau
    ist der regen
    ist tau
    kommt und geht

    : ja, hm… „kommt und geht“, das ist nun s e h r banal und wird vom folgenden Reimwort nicht aufgehoben.

    weht
    tastend

    :außerdem, Bild: Geht das, ein tastendes Wehen? Eher nicht, oder?

    durch wellen und wogen
    weht
    geht
    tastend
    durch wellen und wogen

    welt

    Wenn Sie nachfolgend refrainartig den Anfang wiederaufnehmen, dann stört das vereinzelt stehende „welt“.

    der mond
    die sichel
    die sense im takt
    wie ein akt
    nackt
    ist ein bild ein brand

    und hier läuft jetzt der Rhythmus aus dem Ruder, als hätten Sie das richtige Ende noch nicht gefunden:

    ist bewegung ist wasser ist meer ist das land

  57. kaira | May 5, 2009 at 9:17 pm | Permalink

    Korrektur: ich meine nicht den Ost-West-Konflikt, sondern die Konflikte im und mit dem mittleren/nahen Osten. Und es tut mir leid falls das mit der Rezeptionshaltung zu harsch klang, ich möchte nur herausfinden, ob das überhaupt alles so verständlich ist und wenn nein, warum nicht. Im eigenen Kopf macht immer alles erstmal Sinn ;) Und manchmal auch nur für einen Moment…

  58. ANH | May 6, 2009 at 9:31 am | Permalink

    @GreenPaladin zu „Grau“.

    Es war kalt. Und dunkel. Um sie herum war nichts. Kein Ton, kein Atem. Nur Leere.

    „war nichts“ und „Nur Leere“ ist eine unnötige Verdoppelung.

    Ihr ganzer Körper war taub. Dann, ein Fleck im Dunkel. Ein graues Leuchten nur

    Satzzeichen fehlt.

    eine Armlänge entfernt. Sie ging darauf zu. Ihre nackten Füße machten

    Vermeiden Sie solche „machen“-Formulierungen; es fällt zwar leicht, mit „machen“ Sätze zu blden, aber liegt eigentlich fast immer n e b e n dem gemeinten Ausdruck.

    keinerlei Geräusche auf dem unsichtbaren Boden. Gab es einen Boden? Sie wusste es nicht.

    Und worauf schreitet sie?

    Dann stand sie plötzlich

    dieses „plötzlich“ ist viel zu sehr deus ex macchina.

    vor einem grauen Tor. Dort war die Außenwelt

    : Wer sagt das? Weiß sie das, ahnt sie das?

    . Sie warf einen Blick über die Schulter und sah nur Schwarz

    :weshalb so abstrahiert? Außerdem „beißt“ sich Schwarz mit Leere.

    . Sie trat hinaus.
    Und sie stand in der Welt

    :also j e t z t erst weiß sie es.

    . Um sie herum waren

    für „waren“ gilt Ähnliches wie für „machen“.

    Ruinen. Zerfallene Häuser bäumten sich in der kargen Landschaft auf

    Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich ein gutes Bild ist, denn „sich aufbäumen“ setzt ein Leben voraus, das Ruinen eigentlich nicht (mehr) haben, es sei denn, Sie meinten das, womit Ruinen überwachsen werden.

    . Felsbrocken, Stahlträger und zersplittertes Holz lagen zu ihren Füßen.

    Das Folgende verdoppelt des Vorige noch einmal, zumal ist „Die Welt war kalt und leer“ eine furchtbar abgegriffene Stanze.

    Die Welt war kalt und leer. Und alles war grau. Sie trat vom schwarzen Tor weg

    : wie? Wenn „alles“ grau ist, kann das Tor schlecht „schwarz“ sein.

    . Ohne ein Geräusch verschwand es. Sie sah an ihr

    wer oder was ist da gemeint? Die Welt? Also worauf bezieht sich „ihr“? Oder meinten Sie: „Sie sah an s i c h herunter“?

    herunter und sie war grau. War sie vorher schwarz gewesen? Sie wusste es nicht

    :das ist jetzt ein bißchen komisch.

    .
    Sie lief durch die Trümmer. Zerbrochenes Glas und gesichtslose Gegenstände säumten

    : „säumen“ ist viel zu weich für Glas, und wieso sollen „Gegenstände“ Gesichter haben?

    ihren Weg. Und

    abermals:

    alles war grau. Es gab keine Töne, keine Bewegung, nur absolute Stille. Kein Lebewesen existierte in der Stadt. Doch sie fühlte keine Einsamkeit, denn sie war grau. Ihr Herz war taub und kalt

    :die Welt war kalt und leer.

    . Langsam ließ sie die Stadt hinter sich. Tote Bäume säumten

    wozu ist „säumen“ wiederholt?

    ihren Weg und das graue Gras brach

    : aus dem kann man was machen; „brach“ ist hier gut, weil es von holziger Dörre spricht

    unter ihren Füßen. Doch es störte sie nicht, denn sie war grau.
    Dann sah sie ein Licht. Unter einer gewaltigen, grauen Eiche versteckt saß das Licht. Sie ging darauf zu. Und sah eine weiße Blume. Sie sank zwischen den toten Wurzeln des Baumes auf die Knie

    : nur die Wurzeln sind tot? Suchen Sie einen anderen Begriff, um die Wurzeln zu beschreiben.

    . Vorsichtig schloss sie ihre Hände

    das wird jetzt Kitsch:

    um die zarte Pflanze. Und

    noch mehr Kitsch:

    plötzlich weinte sie.

    Das Folgende ist dann nur noch aua:

    Sie weinte um die Bäume, um die Tiere, um die Menschen, um die Welt und um sie selbst. Und als alle Tränen versiegt waren, färbte sie sich weiß. Ein leuchtendes Tor erschien vor ihr. Ohne einen Blick zurück trat sie hindurch. Die Blume wurde grau und zerfiel. Und die Welt ward leer

    :aber als leer wurde sie doch schon allezeit vorher beschrieben, wieso dann „ward“?

    .

  59. ANH | May 6, 2009 at 10:01 am | Permalink

    @Valivarius zur Schweinegrippe.

    „Mir wäre wichtig zu erfahren, ob euch das Gedicht und der Text sinnvoll verbunden oder eher willkürlich zusammengewürfelt erscheinen.“ Willkürlich kann man nicht sagen, weil beide Texte ihr Thema expressis verbis thematisieren. Die Frage ist eher, welchen Gewinn die Aufeinanderfolge der Texte bringt. Brauchen Sie diese Kombination? Aber mal prinzipiell, >>>> Krull hat es schon gesagt, ist doch die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, so eine von den Medien hysterisch aufgemotzte Angelegenheit auf eine Weise lyrisch zu behandeln, die sie ernst nimmt. Ihr zweiter Text bekommt unterdessen sogar etwas Lächerliches, wenn er Schweinegrippe und Selbstmord kombiniert, weil eine Ansteckung, wie wir nun erfahren, zur einer leichten Grippe führt: meinen Sie, man sollte sich wegen eines Schnupfens töten? Eher doch nicht, oder? Ich finde, Sie springen hier den Medien völlig unkritisch auf die Schippe.
    Aber mal im Einzelnen:

    Zwei Krisen

    Schweinegrippe!
    die Schweinegerippe

    :das ist wortspielerisch schön: Grippe/Gerippe.

    stapeln sich faulig

    aber im Folgenden verstehe ich die Grammatik nicht:

    wie Berge dem Himmel ins Licht
    wie Köpfe in Hitze*)

    :m i r (siehe Ihre Anmerkung) ist Hitze n i c h t als Fieber verständlich, zumal von Fieber ja nicht nur die Köpfe befallen werden; das ist schrecklich ungenau, daraus entsteht niemals ein Bild, nicht einmal eine sinnliche Erfahrung wird übermittelt.

    die Kassen geöffnet
    wenden sich aufwärts
    zu heilen die Krankheit der Welt

    :völlig überzogen. Die „Krankheit der Welt“ hat einen biblisch-apokalytischen Ton, Heilung was Eschatologisches. Sie legen jetzt die Schweinegrippe als Strafe Gottes nahe.

    Zwei Strudel aus Elend
    winden sich wieder nach oben
    und Opfer ist
    wer es sich wünscht**)

    :Zu Ihrer Anmerkung: Ich verstehe schon die Strudel aus Elend nicht; und dann: wie w e r es sich wünscht, und warum wünscht dieses „er“?

    ……….

    „Eine Demütigung.“, sagt er, „Ausgerechnet die Schweinegrippe. Und dabei esse ich gar kein Schwein.

    : Ist das hier als Ulk gemeint? Es hat was deutlich Kalauerndes, so daß man das Folgende überhaupt nicht ernstnehmen kann:

    Kann man das überleben?“
    Die Krankenschwester, die nur mit einem Ohr zugehört hat, antwortet:
    „Daran werden Sie nicht sterben. Sie sind in Behandlung und es besteht keine Gefahr.“
    Sie wechselt den Katheder

    : >>>> K a t h e t e r ? Wegen einer Grippe? Wieso das? Sie müssen , wenn Sie über etwas schreiben, ihren Gegenstand k e n n e n, anders geht es nicht.

    und geht ins nächste Zimmer.
    Man lässt ihn nicht sterben und er bekommt weitere Infusionen und Medizin, damit er sich beruhigt.
    „Es lässt mich nicht los.“, sagt er. Der Psychologe gibt ihm die Auskunft:
    „Dafür kann nicht die Schweinegrippe verantwortlich sein

    für den Katheter sicher nicht

    , da steckt etwas Anderes dahinter.“
    Er antwortet: „Vielleicht.“.
    „Wahrscheinlich.“, fügt er hinzu.
    „Aber es ist doch bezeichnend.“

    Bezeichnend wofür denn? Das lassen Sie offen. Eigentlich müßte der Text hier anfangen, nicht aufhören.

  60. ANH | May 6, 2009 at 10:16 am | Permalink

    @Kaira. Zu Ihren Gegenargumenten.

    Wir können uns sicher und gut und heftig über Positionen streiten, ich habe da einige, die von Ihren scharf abweichen, etwa was den islamischen Terrorismus anbelangt: das wäre aber eine politische, keine poetologische Diskussion, wie auch, ob man einen Papst “heilig” nennen kann, nur weil er Papst ist. De facto sind heiliggesprochene Päpste eher selten… poetologisch gilt hier mein Einwand, daß Sie wissen müssen, was Sie behaupten, und zwar erst recht, wenn die Behauptung im Gedicht gar nicht ausgesprochen, sondern als Grundlage eines Bildes, einer Metapher usw. vorausgesetzt wird. Das gilt ganz ebenso bei den christlichen, bzw. monotheistischen Paradoxa, mit denen Sie poetisch zu spielen versuchen.
    Prinzipiell glaube ich, daß Sie Ihr Gedicht so sehr überlasten, daß es darunter zusammenbricht: allzu vieles ist privater Glaube, der sich, in der nachaufgeklärten Neuzeit eh, gar nicht mehr allgemein übertragen läßt und deshalb als poetische Voraussetzung nicht taugt: es sei denn, Sie finden Bilder, die ihn wieder tauglich w e r d e n lassen. Wahrscheinlich ist dies das Hauptproblem. An dieses docken eine ganze Reihe weiterer Probleme an, etwa, daß zum Verständnis geradezu kabbalismusartig diskutiert werden muß. So etwas wäre, wenn überhaupt, eine Sache nachheriger Interpretation, wenn nicht gar einer Exegese. Um die - etwa bei Celan - herbeizureizen, muß ein Gedicht aber s c h w i n g e n; solches Schwingen kommt so gut wie nie von G e d a n k e n, sondern aus Sinnlichkeit, Sprachmacht, Rhythmus usw. - Aber Sie merkten das >>>> hier ja schon selber.

  61. GreenPaladin | May 6, 2009 at 4:32 pm | Permalink

    @ ANH
    Danke für ihr Lektorat. Jetzt möchte ich versuchen einige meiner Formulierungen zu verteidigen und/oder zu erklären.

    Quote: keinerlei Geräusche auf dem unsichtbaren Boden. Gab es einen Boden? Sie wusste es nicht.

    Und worauf schreitet sie?
    - - - - Sie befindet sich nicht in einem wirklichen Raum. Mehr so was wie eine leere Dimension. Es ist ein bisschen schwer zu erklären und eignet sich deswegen vielleicht nicht so gut als Bild, aber es existiert in dem Raum nun mal nichts außer der Person. So was ähnliches wie der Weltraum. Sie schreitet durch die Schwerelosigkeit.

    Quote: vor einem grauen Tor. Dort war die Außenwelt

    : Wer sagt das? Weiß sie das, ahnt sie das?
    - - - - Ja, sobald sie das Tor sieht, weiß sie es. Es ist so ein ähnlicher Prozess wie wenn man etwas, was man seit Jahren vergessen hat, wiedersieht und sich schlagartig daran erinnert.

    Quote: Sie warf einen Blick über die Schulter und sah nur Schwarz

    :weshalb so abstrahiert? Außerdem „beißt“ sich Schwarz mit Leere.
    - - - - Wieso beißt sich Schwarz mit Leere? Es gibt natürlich Diskussionen darüber ob Schwarz oder Weiß das Fehlen von Farbe ist, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das nicht zusammenpasst. Und was ist mit abstrahieren gemeint?

    Quote: Und sie stand in der Welt

    :also j e t z t erst weiß sie es.
    - - - - Nicht direkt. Sie stellt es nur noch mal fest. Könnte natürlich dann auch irgendwie unnötig sein.

    Quote:Ruinen. Zerfallene Häuser bäumten sich in der kargen Landschaft auf

    Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich ein gutes Bild ist, denn „sich aufbäumen“ setzt ein Leben voraus, das Ruinen eigentlich nicht (mehr) haben, es sei denn, Sie meinten das, womit Ruinen überwachsen werden.
    - - - - - - Mit bäumten ist mehr so was wie “Sie türmten über ihr” gemeint. Sie überragten sie also. Ich fand “bäumten” einen passenden Ausdruck dafür.

    Quote: Die Welt war kalt und leer. Und alles war grau. Sie trat vom schwarzen Tor weg

    : wie? Wenn „alles“ grau ist, kann das Tor schlecht „schwarz“ sein.
    - - - - - Wieso nicht? Das Tor gehört ja schließlich nicht zu der Welt.

    Quote: Ohne ein Geräusch verschwand es. Sie sah an ihr

    wer oder was ist da gemeint? Die Welt? Also worauf bezieht sich „ihr“? Oder meinten Sie: „Sie sah an s i c h herunter“?
    - - - - - Das “es” bezieht sich noch aufs Tor. Und das mit dem an sich heruntersehen…. Das war wohl ein Fehler meinerseits. Selbst wenn man einen Text noch so oft liest, manchmal übersieht man die einfachsten Dinge.

    Quote: Sie lief durch die Trümmer. Zerbrochenes Glas und gesichtslose Gegenstände säumten

    : „säumen“ ist viel zu weich für Glas, und wieso sollen „Gegenstände“ Gesichter haben?
    - - - - - Hätten sie einen besseren Vorschlag für “säumen”? Ich fand ihn auch nicht ideal, vor allem weil er sich dadurch wiederholt. Aber ich fand keinen besseren. Und die Gegenstände sind gesichtslos, weil sie keine Bedeutung haben. War vielleicht aber auch übertrieben sie zu erwähnen.

    Und ja, das Ende ist problematisch. Ich weiß leider nicht mehr, wie das ursprüngliche Ende war, weil ich es mittlerweile vergessen habe. Aber vielleicht hätte ich es weglassen sollen. Andererseits hätte die Geschicht dann gar kein Ende gehabt.
    Und um ehrlich zu sein, kümmert es mich nicht allzu sehr, ob jemand denkt, dass das Thema abgegriffen oder schon oft da gewesen war. Ich habe noch nie etwas über dieses Thema geschrieben und das war im ersten Moment das Wichtigste für mich. Allerdings muss man natürlich auch an die Leser denken und was sie interessiert. Aber dafür ist ja dieses Seminar da. Hier soll man lernen. ;)

  62. Razan | January 8, 2013 at 11:05 pm | Permalink

    Ihr Artikel in der BZ und Ihre mit Bildern vom Konzert und vom Workshop in Bern und von You Tube Archivfilmen angereicherte Norient-Story haben mir sehr werltovle Hintergrundinformationen gegeben.

Post a Comment

Your email is never published nor shared.

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture.
Anti-Spam Image